Auf diesen Tag hat Markus Söder seit Jahren hingearbeitet, an seinem Streben hat er nie einen Zweifel gelassen: Er will bayerischer Ministerpräsident werden. Darüber hat er die Partei personell und institutionell gespalten, wie sie es lange nicht mehr war. Jetzt steht fest: Im ersten Quartal 2018 wird Horst Seehofer, CSU-Vorsitzender und Noch-Regierungschef, die Staatskanzlei räumen. Söder wird nachrücken und im kommenden Herbst auch als Spitzenkandidat in die Landtagswahl ziehen.

In einer Sondersitzung der Landtagsfraktion am Morgen erklärte Horst Seehofer, er wolle nicht mehr als Ministerpräsident antreten, dafür aber Parteichef bleiben. Dann kniff Söders einziger möglicher Gegenkandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, Innenminister Joachim Herrmann. Damit war die Wahl klar. Einstimmig schlug die Fraktion dem Parteivorstand und dem Parteitag Söder als Spitzenkandidaten vor. Am Mittag zog der Parteivorstand nach und nominierte Söder und Seehofer jeweils einstimmig für ihre Ämter.

Wie soll das Vertrauen wachsen?

Diese Abstimmung macht das Kräfteverhältnis in der CSU eindrücklich klar. Die ohnehin selbstbewusste Landtagsfraktion gewinnt an Macht und Einfluss. Eigentlich sollte ihre Wahl nur eine Empfehlung sein; schließlich entscheiden über wichtige Personalfragen die Delegierten von Parteitagen. In diesem Fall aber war nach dem 100-Prozent-Votum der Fraktion schon alles entschieden.

Von den CSU-Abgeordneten erhielt Seehofer für seinen Personalvorschlag großen Applaus, "stehende Ovationen", wie Fraktionschef Thomas Kreuzer bekräftigte. Er werde als Parteichef gut mit Söder als Ministerpräsident zusammenarbeiten, sagte Seehofer laut Teilnehmern. Doch ob das gelingt, ist fraglich.

Zwar sind sich die beiden durchaus ähnlich, ehrgeizig, durchtrieben und machtbewusst. Auch inhaltlich gibt es in der CSU keine Flügel wie in anderen Parteien, bestenfalls Strömungen. Doch ihre gegenseitige Abneigung haben der Finanzminister und der Ministerpräsident über Jahre kultiviert – und in die Partei hineingetragen. Die jeweiligen Lager beäugen sich missgünstig. Während die Landtagsfraktion schon vor der Abstimmung als Söder-hörig galt, ist Seehofer im Parteivorstand und in der Berliner Landesgruppe beliebt.

Söder soll, so vermutet zumindest das Seehofer-Lager, 2007 die Geschichte von Seehofers unehelichem Kind an die Presse durchgestochen haben. Öffentlich watschte Seehofer Söder 2012 ab, dieser habe "charakterliche Schwächen", einen Hang zu "Schmutzeleien" und sei vom "Ehrgeiz zerfressen". Auch wenn Seehofer nach der Vorstandssitzung betonte, das belaste das Verhältnis überhaupt nicht. "Wie lange ist das schon her? Irgendeine Weihnachtsfeier war das, oder?"

Doppelspitze Berlin/München

Wie soll da eine vertrauensvolle Zusammenarbeit gelingen? Für die "legendäre Einigkeit", die Seehofer und einige aus seinem Vorstand als Parole in den letzten Wochen ausgegeben haben, spricht die gemeinsame Vergangenheit jedenfalls nicht. Die Einstimmigkeit in Fraktion und Parteivorstand ist weniger Ausdruck einer großen Söder-Begeisterung, sondern vermutlich eher dem Wunsch geschuldet, geeint zu wirken und die quälenden Personaldebatten endlich abzuhaken. Nach der Fraktionssitzung traten die beiden Rivalen jedenfalls nicht gemeinsam vor die Presse. Immerhin schüttelten sie sich vor der Sitzung des Parteivorstands kurz vor den Kameras die Hände.

Söder weiß anscheinend um die Gräben, die er in seinem Machtstreben in den vergangenen Jahren gerissen hat. In der Fraktionssitzung lobt er Ilse Aigner und Joachim Herrmann, beides Seehofer-Anhänger, und vor Journalisten galt sein überschwängliches Lob dem CSU-Chef Seehofer. Man habe oft, lange und vertrauensvoll miteinander geredet: "volle Rückendeckung für den Parteivorsitzenden".

Zumindest räumlich könnten sich die zwei gut aus dem Weg gehen. Seehofer dürfte zunächst als Verhandler nach Berlin gehen, später vielleicht auch als Minister, sobald Söder die Staatskanzlei übernimmt. Ähnlich hatten das schon die Erzrivalen Edmund Stoiber und Theo Waigel gemacht. Söder kann in dieser Kombination eigentlich nur gewinnen.

Bayern - CSU will eine große Koalition Laut Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wünscht sich die CSU eine Neuauflage der großen Koalition. Die Lage in Berlin bezeichnete er als »ungewöhnlich schwierig«. © Foto: Sven Hoppe/dpa