100 Prozent werden es nicht mehr werden. Mit diesem Ergebnis hatten euphorisierte Sozialdemokraten Martin Schulz Ende März zum Parteichef gewählt. Er wolle Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden, rief der Hoffnungsbringer aus Brüssel damals den Genossen zu. Daraus wurde bekanntlich nichts.

Ab diesem Donnerstag trifft sich nun eine ziemlich geräderte SPD zum Parteitag in Berlin. Weil die Spitze der Partei traditionsgemäß alle zwei Jahre im Dezember gewählt wird, will auch Schulz seine vorgezogene Wahl vom März in eine satzungsgemäß ordentliche Amtszeit überführen.

Er stellt sich also erneut zur Wahl und hofft auf eine "deutliche Mehrheit", wie er sagte. Doch auch die Stimmung ihm gegenüber hat sich gedreht: Der "Gottkanzler", wie ihn die Jungsozialisten (Jusos) einmal nannten, ist nach einem schwierigen Wahlkampf und einer 180-Grad-Wende in Sachen große Koalition in seiner Partei umstritten. Schulz wirbt inzwischen für "ergebnisoffene" Gespräche mit der Union, auch über die Möglichkeit einer weiteren großen Koalition. Schulz wäre also bereit, notfalls eine neue Kanzlerschaft von Angela Merkel zu akzeptieren – etwas, das er im Wahlkampf und auch danach noch vehement ausschloss.

Wie ergebnisoffen sind "ergebnisoffene Gespräche"?

Wer damit nicht einverstanden ist in der SPD, kann ihn eigentlich nicht wiederwählen. Daher wird es spannend in der Messehalle im Westen Berlins. Nicht nur die Autorität des Parteichefs steht infrage, auch das Selbstverständnis der Partei nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen. Es geht um einen großen Begriff: staatspolitische Verantwortung. Werden die 600 Delegierten die Bereitschaft zeigen, trotz ihrer historischen Niederlage über eine neue große Koalition nachzudenken?

Schulz wird in seiner Rede am Donnerstagmittag für den Vorschlag der Parteiführung werben, der sich für "ergebnisoffene Gespräche" mit der Union anhand von essenziellen inhaltlichen Punkten ausspricht. "Es kann uns nicht gleichgültig sein, ob eine Bundesregierung zustande kommt oder am Ende Neuwahlen stattfinden werden", heißt es in dem Leitantrag: "Die SPD war und ist sich ihrer Verantwortung für unser Land bewusst." Demnach soll mit der Union in den kommenden Wochen sowohl die Option einer Minderheitsregierung als auch einer großen Koalition ausgelotet werden.

Heftige Debatten wird es nach seiner Rede geben, erwartet Schulz. Er muss um Anerkennung kämpfen, gerade bei seinen einstigen Freunden von den Jusos, die eine große Koalition vehement ablehnen. Sie wollen erreichen, dass der SPD-Parteitag der eigenen Führung Gespräche über eine große Koalition verbietet.

Auch die SPD-Spitze streitet

Das wäre wohl das politische Ende von Martin Schulz. Aus diesem Grund lehnen andere Parteilinke den Vorstoß der Jusos ab. Aber sie wollen die von der SPD-Führung formulierten Bedingungen für Gespräche mit der Union verschärfen. Bisher spricht die SPD-Führung nur von "essenziellen Punkten" wie der Entlastung der Bürger bei Krankenversicherungsbeiträgen oder der Abschaffung befristeter Arbeitsverhältnisse. Die SPD will in möglichen Verhandlungen mit der Union außerdem die Einführung einer Mindestrente für Geringverdiener und die Abschaffung des Kooperationsverbots in der Bildung erreichen. Das klinge doch alles noch zu butterweich, heißt es in diesen SPD-Kreisen. Man könne der Union ruhig etwas mehr abverlangen.

Viele Genossen befürchten nämlich, dass "ergebnisoffene Gespräche" doch nur ein Euphemismus für eine Festlegung auf Gespräche über eine große Koalition ist und eine von der SPD tolerierte Minderheitsregierung gar nicht ernsthaft erwogen wird.

Diese Angst spaltet auch die SPD-Spitze. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat sich zum Beispiel mehrfach für eine Minderheitsregierung ausgesprochen. Dreyer will sich auf dem Parteitag zur stellvertretenden Parteichefin wählen lassen – ihre Chancen stehen gut. Auch SPD-Vize Ralf Stegner tendiert zu einer Minderheitsregierung, ebenso wie Thorsten Schäfer-Gümbel, ebenfalls stellvertretender Parteivorsitzender und Spitzenkandidat für die wichtige Landtagswahl in Hessen 2018. Die Argumente gegen eine große Koalition blieben schließlich auch nach dem Aus für Jamaika bestehen, heißt es im gemeinsamen Leitantrag der Parteispitze. Union und SPD hätten bei der Bundestagswahl immerhin 14 Prozentpunkte eingebüßt.