ZEIT ONLINE: Malu Dreyer, Thorsten Schäfer-Gümbel, Johanna Uekermann und Matthias Miersch: Auf dem SPD-Parteitag haben sich prominente Genossen für eine Minderheitsregierung ausgesprochen. Was wären die Vorteile?

Stephan Klecha: Im Bundestag sitzt eine Reihe Abgeordneter, die den pluralistischen Diskurs ablehnen. Eine Minderheitsregierung wäre die große Chance, das Parlament wieder stärker zu einer Diskursebene zu machen. Mit Blick auf den Brexit und den erforderlichen institutionelle Reformen in der Europäischen Union sind jedoch sicherlich die Rahmenbedingungen einer Stützung zu vereinbaren. Schließlich ist eine zügige Regierungsbildung vorteilhaft, was in Form einer Minderheitsregierung wohl im Augenblick recht schnell gehen könnte.

ZEIT ONLINE: Wie soll eine Regierung ohne Mehrheit in Brüssel verhandeln können?

Klecha: Bei Minderheitsregierungen muss man unterscheiden zwischen stützenden, tolerierten und geduldeten Regierungen.

ZEIT ONLINE: Was ist der Unterschied?

Klecha: Im ersten Fall unterstützt eine Fraktion, die nicht in das Kabinett eintritt, das Regierungshandeln aktiv im Parlament. Es gibt also eine verlässliche Mehrheit, die sich aber nicht im Kabinett widerspiegelt. Eine Tolerierung ist ein bisschen weniger. Da kann man sich unterschiedlichste Formen der Kooperation vorstellen, etwa mit festen Verträgen. SPD und Union könnten sich also zum Beispiel schriftlich auf Kernpunkte zu Europa einigen. Für alles Weitere müsste die Regierung um Mehrheiten werben. Eine Duldung ist die schwächste Form und letztlich nur darauf angelegt, dass eine Fraktion ein Misstrauensvotum gegen die Regierung verhindert.

"Das Risiko ist enorm"

ZEIT ONLINE: Eine Minderheitsregierung könnte also gut sein für die EU, Deutschland und die Partei. Warum hat die SPD das nicht längst gemacht?

Klecha: Die Mehrheitsverhältnisse sind denkbar ungünstig. Es käme nur eine unionsgeführte Minderheitsregierung infrage. Wenn die SPD eine Minderheitsregierung vor sich hertreiben wollte, bräuchte sie eigene, wechselnde Mehrheiten. Und da stehen keine wirklichen Alternativen zur Verfügung. Man würde vielleicht in einigen gesellschaftspolitischen Feldern noch mit FDP, Grünen und Linken was hinbekommen. In Anbetracht dessen muss man sich fragen, ob es unter Umständen nicht klüger ist, gleich in eine neue Große-Koalitions-Regierung einzutreten.

ZEIT ONLINE: Wie könnte die SPD aus einer Minderheitsregierung gestärkt hervorgehen?

Klecha: Sie würde zunächst Zeit gewinnen. Die SPD hat das Gefühl, sie habe ein Profilproblem in der großen Koalition. Das öffentliche Ringen um eine Mehrheit hätte natürlich den großen Charme, dass es in der öffentlichen Diskussion eine stärkere inhaltliche Auseinandersetzung gäbe.

ZEIT ONLINE: Die SPD konnte sich vier Jahre lang in der Opposition nicht erneuern, vier Jahre gute Regierung haben auch nichts geholfen. Warum sollten dann zwei, drei Jahre Minderheitsregierung gut sein für die SPD?