Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hat sich skeptisch gegenüber einer Minderheitsregierung in Deutschland gezeigt. In der SPD gebe es wichtige Stimmen, die eine solche Regierung für eine denkbare Alternative hielten, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Ich bin da eher skeptisch, weil eine wackelige Regierung in Deutschland vermutlich in Europa zum Beben führen könnte. Aber geredet werden muss auch darüber."

Gabriel vertritt seine Partei nicht in den Verhandlungen. Damit wolle der SPD-Vorstand den Eindruck vermeiden, dass für eine große Koalition bereits alles klar sei. Gabriel mahnte SPD und Union, in den anstehenden Sondierungen darüber zu reden, was für die Bürger wichtig sei – "und nicht mehr über Taktik, Koalitionspoker und Regierungsämter".

Zudem kritisierte Gabriel den Verlauf der gescheiterten Verhandlungen zwischen Union, Grünen und FDP. Dabei habe es nur nette Fotos auf dem Balkon und irgendwelche Tweets gegeben. Mit Politik habe das nichts mehr zu tun gehabt. "Es geht jetzt nicht um Dienstwagen und Jobs", mahnte der Vizekanzler. "Wenn wir über die Herausforderungen für Deutschland reden, wird klarer, ob es sich lohnt, eine Regierung zu bilden."

Außenminister Gabriel verteidigte die SPD-Forderung nach Schaffung einer Bürgerversicherung, bei der gesetzliche und private Krankenversicherung miteinander verschmelzen. "Es ist erst einmal vernünftig, die Ungleichbehandlung von privat und gesetzlich Versicherten zu beenden. Es muss auch Schluss damit sein, dass Arbeitgeber geringere Beiträge zahlen als Arbeitnehmer."

CDU-Politiker halten große Koalition für erreichbar

Kanzleramtsminister Peter Altmaier sagte der Süddeutschen Zeitung, er halte eine große Koalition für erreichbar – "und zwar mit einem Programm, das die großen Zukunftsthemen dieses Landes adäquat anspricht". Die Union werde mit der SPD deshalb über "die Misslichkeiten bei Krankenhäusern und in der Pflege" reden, aber auch über Verbesserungen für Familien und Kinder, beim Breitbandausbau, bei der Qualifizierung für neue Berufe und über den Weg zur Vollbeschäftigung. In all diesen Bereichen sehe er "Schnittmengen mit der SPD", sagte der CDU-Politiker. 

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) wies die SPD-Forderung nach Wiedereinführung der paritätischen Finanzierung des Krankenkassenbeitrags von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zurück. In der Rheinischen Post versprach er den Versicherten aber staatlichen Schutz vor finanzieller Überforderung. "Deshalb kann ich mir vorstellen, dass wir uns auf eine Deckelung des Zusatzbeitrags verständigen." 

Obwohl noch gar nicht absehbar ist, ob eine erneute große Koalition zustande kommt, beanspruchte der Präsident des CDU-Wirtschaftsrates, Werner Michael Bahlsen, schon einmal das Finanzministerium für die Union. "Die CDU muss eine solide Haushaltspolitik wie unter Wolfgang Schäuble garantieren und ein weiteres Abdriften Europas in eine Schuldengemeinschaft verhindern", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Dazu müsse die CDU den Finanzminister stellen. Anderenfalls sei die schwarze Null bald Geschichte. Bahlsen reagierte damit auf Berichte, nach denen der SPD-Vorsitzende Martin Schulz das Finanzressort für seine Partei beanspruchen würde, sollte es zu einer erneuten großen Koalition kommen.

Die Sondierungen von Union und SPD sollen am 7. Januar beginnen und bis zum 12. Januar abgeschlossen sein. Am 21. Januar will die SPD auf einem Parteitag über die etwaige Aufnahme formeller Koalitionsverhandlungen entscheiden. Bei den Sozialdemokraten wird eine mögliche Neuauflage der großen Koalition skeptisch gesehen.