Von den meisten Linken wird er jedoch als Realo eingestuft. Als solcher würde er dem Realo Özdemir nachfolgen, nach dem ungeschriebenen Gesetz der Grünen, dass die Doppelspitze der Partei genauso wie der Bundestagsfraktion mit je einem Vertreter und einer Vertreterin der beiden Flügel besetzt sein muss. Er selbst rechnet sich jedoch keinem Flügel zu, und Parteilinke in Schleswig-Holstein bescheinigen ihm, dass er tatsächlich die Flügellogik sprengt. "Das ist bei ihm authentisch", sagt der linke Landtagsabgeordnete Rasmus Andresen, "er steht für einen dritten Weg". Habeck orientiere sich immer an Themen und Sachfragen, nicht an vorgefertigten Positionen, sagen auch andere.

Bei den Grünen im Norden spielen die Flügel jedenfalls seit der Zeit keine Rolle mehr, als Habeck 2004 Landesvorsitzender in der Opposition und später Fraktionschef im Landtag wurde und der Landespartei ebenfalls eine Zukunftsdebatte verordnete. Das hat nach allgemeiner Auffassung wesentlich zu den Erfolgen bei den folgenden Landtagswahlen beigetragen.

In der Bundespartei gilt jedoch noch das alte Strickmuster. So zählt die Co-Vorsitzende Simone Peter, die wieder kandidiert, zu den Linken. Mit ihr zusammen würde es Habeck wohl kaum gelingen, den Flügelproporz zu überwinden. Allerdings tritt gegen Peter die Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock an, eine Reala. Mit ihr, sagen Leute, die sie kennen, wäre es für ihn wesentlich leichter, eine Art Jobsharing hinzubekommen, wie es ihm vorschwebt. Statt beide Vorsitzende könnte künftig auch mal nur eine oder einer von ihnen in Sitzungen hocken, schlägt er vor – als Zeichen gegenseitigen Vertrauens.

Widerstand gegen Doppelfunktion

Tatsächlich herrschte zwischen Özdemir und Peter oft Misstrauen. Das schlägt Habeck allerdings von Linken noch aus einem anderen Grund entgegen. Denn entgegen der Parteisatzung, die eine strikte Trennung von Partei- und Regierungsämtern vorsieht, will er seinen Ministerposten in Kiel für eine Übergangszeit von ungefähr einem Jahr behalten. Manche mutmaßen, dass er sich eine Rückkehrmöglichkeit offenhalten möchte, falls er nicht gewählt wird, um am Ende nicht ohne Amt dazustehen. Da er bislang keinen männlichen Gegenkandidaten hat, spricht dafür allerdings wenig.

Habeck begründet seine Forderung, von der er seine Kandidatur abhängig macht, damit, dass er in Kiel eine Reihe von Aufgaben angefangen habe, die er nicht so schnell an einen Nachfolger übergeben könne und wolle. Um seine Bedingung zu erfüllen, müsste der Parteitag allerdings die Satzung ändern, wofür eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist. Das halten viele für unrealistisch angesichts des Widerstands des linken Flügels. Die Alternative wäre eine Ausnahmeregelung, eine "Lex Habeck", wie einige schon spotten.

Mehr Macht für die Parteichefs

Selbst wenn es Habeck gelingt, all diese Hürden zu überwinden: Es wird für ihn nicht leicht, den versprochenen grünen Aufbruch hinzubekommen. Für das bis zur Wahl verschwommene inhaltliche Bild der Partei und das ordentliche, aber nicht überragende Bundestagswahlergebnis machen viele Grüne nicht nur die beiden Vorsitzenden und die Co-Spitzenkandidatin und Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt verantwortlich, sondern auch Strukturprobleme.

Denn die Parteichefs der Grünen haben, anders als in anderen Parteien, in der Regel weniger zu sagen als die Fraktionschefs und die Mitregenten aus den Ländern. Sie haben auch kaum eine politische Bühne. Auch Habeck hätte die nicht, schließlich gehört er dem Bundestag nicht an. Deshalb verlangt er mehr Macht für die Parteiführung, also wohl in erster Linie für sich. Außerdem fordert er eine Debatte über ein neues Grundsatzprogramm. Die Partei müsse klären, "was Arbeit, Recht, Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit, ja Deutschland und Staat unter den Bedingungen einer ökologisch-industriellen und digital-globalen  Veränderung bedeuten". Darunter macht er es nicht.

Sein Anspruch ist kein bescheidener: Die Grünen sollen zur "Ideenwerkstatt der Republik" werden. Dabei will er an die Jamaika-Gespräche anknüpfen. Sie hätten gezeigt, dass die Partei in vielen Fragen eine gesellschaftliche Mehrheit habe. Die gelte es in den nächsten Jahren in eine politische zu überführen.

Habeck lässt es nicht an Warnungen mangeln. Die Grünen könnten, wenn sie seinem Rat nicht folgen, marginalisiert und "irrelevant" werden. 2021 müssten sie dann womöglich ums Überleben kämpfen. Die Botschaft ist klar: Ein Retter muss her, der gezeigt hat, wie man die Grünen zu Wahlerfolgen und aus einer schlechten Lage wieder in Regierungsverantwortung führt. Dafür muss die Partei nur ein paar Kompromisse machen.