"Umwelt- und Klimaschutz waren uns manchmal wichtiger als der Erhalt unserer Industriearbeitsplätze, Datenschutz war wichtiger als innere Sicherheit", schreibt der frühere Parteivorsitzende in einem Gastbeitrag für das Nachrichtenmagazin Spiegel. Doch die Sozialdemokratie müsse sich wieder stärker um jene Teile der Gesellschaft kümmern, "die mit diesem Schlachtruf der Postmoderne 'Anything goes' nicht einverstanden sind. Die sich unwohl, oft nicht mehr heimisch und manchmal auch gefährdet sehen".

Sigmar Gabriel beklagt außerdem, die Sozialdemokraten hätten sich kulturell oft in postmodernen liberalen Debatten wohlgefühlt. Der kulturelle Abstand zu den konservativer eingestellten Gesellschaftsschichten müsse jedoch überbrückt werden. Dafür stellt sich Gabriel hinter das Programm von SPD-Chef Martin Schulz. "Mehr internationale Zusammenarbeit, mehr europäische Zusammenarbeit: Denn nur so werden wir das zentrale Versprechen der Sozialdemokratie wieder einlösen, nämlich den Kapitalismus zu zähmen und soziale und auf Solidarität ausgerichtete Marktwirtschaften zu erzeugen."

Mit Blick auf die Herausforderungen durch den Rechtspopulismus fordert Gabriel in dem Beitrag dazu auf, über Begriffe wie "Heimat" und "Leitkultur" offen zu diskutieren. "Ist die Sehnsucht nach einer 'Leitkultur' angesichts einer weitaus vielfältigeren Zusammensetzung unserer Gesellschaft wirklich nur ein konservatives Propagandainstrument, oder verbirgt sich dahinter auch in unserer Wählerschaft der Wunsch nach Orientierung in einer scheinbar immer unverbindlicheren Welt der Postmoderne?", schrieb er.

Die SPD wollte sich eigentlich nach dem Absturz auf 20,5 Prozent bei der Bundestagswahl in der Opposition erneuern. Nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen hat sich die Partei jedoch für Gespräche mit der Union über eine Regierungsbildung entschieden. Immer noch gibt es in der SPD allerdings teils starken Widerstand gegen eine Neuauflage der großen Koalition.