Wenn einer der SPD gerade aus tiefstem Herzen spricht, dann ist es wohl Kevin Kühnert. Der neue Jusos-Chef ist strikt gegen eine neue große Koalition. Denn er glaubt, dass die SPD an ihr nur zugrunde gehen kann. "Ich bin nicht in die SPD eingetreten, um immer wieder gegen die gleiche Wand zu rennen", ruft der 28-Jährige den Delegierten auf dem Parteitag in Berlin zu. Er meint, natürlich, die schlechten Wahlergebnisse für die Sozialdemokraten nach ihren bisherigen Bündnissen mit der Union: "Die Erneuerung der SPD wird außerhalb der großen Koalition sein. Oder sie wird gar nicht sein", prophezeit Kühnert.

Für diesen energischen Auftritt bekommt der Jungsozialist deutlich euphorischeren Jubel als Parteichef Martin Schulz in seiner Rede. Und sowieso wohl den lautstärksten Zuspruch an diesem Tag.

Eines wird klar in der fünfstündigen, teilweise sich quälend wiederholenden Debatte in der dunklen Tagungshalle auf dem Messegelände der Hauptstadt: Die SPD ist eine gespaltene Partei. Und sie ist zutiefst misstrauisch gegenüber ihrer eigenen Führung. Auch wenn Martin Schulz in seiner Rede verspricht, nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen erst mal nur "ergebnisoffene" Gespräche mit der Union führen zu wollen – es gebe keinen Automatismus für eine große Koalition.

Kein Bock mehr auf Merkel

Die Argumente der Gegner eines neuen Bündnisses mit der Union zielen da längst auf das schlechte Bauchgefühl der Genossen: Keiner will eine Koalition der Wahlverlierer, das stärkt nur die AfD.

Große Veränderungen, sozialdemokratische Herzensanliegen, blockiert die Union, so ein weiteres Argument der Gegner. "Ich habe keinen Bock mehr auf Angela Merkel", sagt die ehemalige Jusos-Vorsitzende Johanna Uekermann in der Aussprache: "Daran hat sich nichts geändert."

Schon vor der Messehalle, in der die SPD tagt, versuchen Genossen am Donnerstagmorgen, die Delegierten von den für die SPD toxischen Bündnissen mit den Unionsparteien zu überzeugen – mit Megafon und Flugblättern. Kühnerts Jusos bringen auf dem Parteitag sogar einen Antrag ein, der es der SPD-Parteiführung verbieten will, mit Angela Merkel und Horst Seehofer überhaupt über eine große Koalition zu sprechen.

So weit wollen die unzufriedenen Genossen aber doch nicht gehen. Der Antrag fällt am Abend durch. Die Basis folgt nicht ihrem Herzen, sondern ihrem Verantwortungsgefühl.

Die SPD-Spitze gibt alles

Allerdings hat die Parteiführung den ganzen Nachmittag alles gegeben, um die wackelige Stimmung des Parteitags in Schach zu halten. Martin Schulz zitiert das Godesberger Grundsatzprogramm der SPD: "Das Interesse der Gesamtheit muss über dem Einzelinteresse stehen." Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil erinnert an den Übergenossen Willy Brandt: Der habe 1969 eine ausgelaugte Union in der großen Koalition übertrumpft – und sei danach Kanzler geworden. Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles versucht es mit Siegesgewissheit in Richtung Union: "Die SPD wird gebraucht. Und das wird ganz schön teuer. Bätschi, sage ich dazu nur."

Auch Vertreter der Gewerkschaften werben für Gespräche mit der Union: "Es ist verständlich, dass die SPD nicht mit wehenden Fahnen in die Groko ziehen will", sagte Reiner Hoffmann, der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Ein Jamaika-Bündnis wäre für die Interessen der Arbeitnehmer und sozial Schwachen schlecht gewesen. Und der Parteilinke Ralf Stegner sagt, er fände die große Koalition "so attraktiv wie Fußpilz" – aber die SPD wolle doch im Sinne Brandts "das Leben der Menschen besser machen". Außerdem könnten Gespräche mit der Union am Ende immer noch scheitern.