Martin Schulz erzählt oft, dass er sich beim Morgenkaffee darüber ärgert, was so über ihn in der Zeitung steht. Am gestrigen Freitag, Tag zwei des Parteitags der SPD, war das wieder so. Da las der Vorsitzende, dass er es mit seiner Idee der Vereinigten Staaten für Europa bis 2025 übertreibe. Was tat Schulz also? "Leute", rief er wenige Stunden später den Delegierten des Parteitages trotzig zu: Begeisterung für Europa wecke man eben nicht mit Klein-Klein. Dafür brauche es schon eine Vision.

Es gelte, so Schulz, das Zitat des englischen Dichters Robert Browning: Warum solle man nicht träumen dürfen, auch von Dingen, die es niemals gab?

Im Jubel der Delegierten ging allerdings unter, dass da einer gerade ordentlich zurückruderte. Nicht mal 24 Stunden zuvor hatte der SPD-Chef noch all denen EU-Staaten, die nicht mitmachen wollten beim neuen europäischen Verfassungsstaat bis 2025, nichts weniger als den Rauswurf aus der EU angedroht.

Davon war jetzt keine Rede mehr. Mit dem Begriff Vereinigte Staaten von Europa will Schulz nun plötzlich viel Behutsameres gemeint haben als das, was die Kommentatoren verstanden hatten: ein Europa der gemeinsam verankerten Werte, die Abgabe der ein oder anderen Aufgabe an die Gemeinschaft, nicht die Ablösung der nationalen Souveränität. 

Viele Ideen, kein Projekt

Die etwas wieder zurückgenommene Europaidee ist typisch für den Parteivorsitzenden und seine Suche nach Neuem. Sie steht symbolisch für ein allgemeines Orientierungsproblem der SPD und ihrer Führung. Es fehlt der deutschen Sozialdemokratie schlicht etwas, an dem sie sich aufbauen kann. Die meisten Genossen wollen mehr Europa, und das wird in den nun beginnenden Gesprächen mit der Union auch eine Rolle spielen. Doch was genau damit gemeint ist, da geht es in der SPD und offenbar auch im Redenschreibestab des Martin Schulz noch ziemlich durcheinander. Der Partei fehlt ein praktisch-lebensweltliches Identifikationsprojekt, mit dem die SPD die Union in den nun beginnenden Gesprächen triezen kann.

2013 gab es so etwas. Damals führte Sigmar Gabriel die SPD mit dem allgemeinen Herzensziel Mindestlohn in die schon damals reichlich unbeliebte große Koalition. Dahinter konnten sich die betroffenen Arbeiter versammeln, aber auch Besserverdiener mit Gerechtigkeitssinn und das linke Bildungsbürgertum. 2017 haben die Sozialdemokraten so ein Thema noch nicht gefunden. Sie haben viele kleine Ideen im Programm und das Monstrum Bürgerversicherung wieder herausgekramt. Das spielte aber im Wahlkampf keine Rolle und ist selbst unter Genossen umstritten.

Zickzack-Schulz

In ihrer thematischen Verunsicherung bräuchte die Partei erst recht jemanden, der sie an die Hand nimmt und den Weg weist. Doch Parteichef Schulz ist sichtbar ausgelaugt von einer verlorenen Bundestagswahl und dem Kampf um seine innerparteiliche Autorität. Wenn er nicht aufpasst, wird er bald so sprunghaft wahrgenommen wie sein Vorgänger Sigmar Gabriel. Im Wahlkampf sprach Schulz zunächst von einer Korrektur der Agenda-Politik, dann von Bildung, schließlich von mehr Hilfe für Flüchtlinge in Italien. Jetzt sind die Vereinigten Staaten von Europa dran. Er sucht, aber er findet nicht.

Schulz hat seiner Partei nach der Wahl die Opposition garantiert. Jetzt garantiert er ergebnisoffene Gespräche mit der Union, die in der großen Koalition enden könnten. Ergebnis des Hin und Her: Der SPD-Chef bekommt, auch in den eigenen Reihen, langsam ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Und neben Schulz? Es ist richtig, dass die SPD ihre Frauen nun nach ganz vorne stellt. Doch Andrea Nahles, Manuela Schwesig, Katarina Barley und Malu Dreyer suchen genauso nach einem Projekt wie ihr Vorsitzender.

Dann wäre da noch die angeblich heimliche Hoffnung der Schulz-Gegner in der SPD: Olaf Scholz. Der entzauberte sich beim Parteitag. Weniger als 60 Prozent der Delegierten wollten den Hamburger Bürgermeister im Parteipräsidium sehen, das schlechteste Wahlergebnis aller Stellvertreter. Scholz ist bekannt für Sticheleien gegen Martin Schulz. Doch wer sich zum potenziellen Königsmörder hochschreiben lässt und dann nichts unternimmt, gibt am Ende eben ein blasses Bild ab.

Vor Kurzem hat der Hamburger übrigens ein Papier zur Lage der SPD vorgelegt. Darin fand Scholz viele kritische Worte für seine Partei und deren Führung, der er selbst schon lange angehört. Der Text war länger als ein Zeitungsartikel. Nur eins enthielt das Schreiben auch nicht: eine zündende Idee.