Als sich am Freitag die Nachricht von einer wahrscheinlichen Neuauflage der großen Koalition verbreitete, zeigte sich die AfD gut gelaunt. "Wir sind jetzt Oppositionsführer", freuten sich mehrere Bundestagsabgeordnete auf Twitter. "Sehr entschlossen und vital" werde man diese Rolle nutzen, ergänzte Bundeschef Jörg Meuthen.

Für die Rechtsaußen-Fraktion im Bundestag bedeutet ein Regierungsbündnis aus Union und SPD tatsächlich einen Gewinn: Nicht die SPD, wie bei einer Jamaika-Koalition, sondern die AfD würde größte Oppositionsfraktion. Zwar ist (anders als etwa in angelsächsischen Parlamenten) der Titel des Oppositionsführers im Bundestag kein offizieller. Weder in seiner Geschäftsordnung noch im Grundgesetz sind feste Ansprüche für die größte Oppositionsfraktion verankert.

Doch im Laufe der Jahrzehnte haben sich im Bundestag einige Gewohnheitsrechte eingebürgert. So darf die größte Oppositionsfraktion bei Regierungserklärungen etwa der Kanzlerin als Erste reden oder bei Haushaltsdebatten sogar noch vor der Regierung. Außerdem klingt der Titel Oppositionsführer schick, Medien verwenden ihn gern, größere Aufmerksamkeit bringt er in jedem Falle.

Die käme der Bundestags-AfD sicher sehr gelegen. Denn wirklich Tritt gefasst haben die 92 Abgeordneten in den knapp vier Monaten seit der Wahl noch nicht. Natürlich, Büros mussten bezogen werden, die Besetzung mehrerer Hundert Referentenstellen bei Abgeordneten und der Fraktion ist noch lange nicht abgeschlossen. Wegen der schleppenden Regierungsbildung ist im Bundestag sowieso wenig passiert. Immerhin gelang es der AfD, die Verteilung der Führungspositionen in der Fraktion ohne große Konflikte zu organisieren.

AfD-Vorstöße fanden wenig Echo

Doch der Geschäftsführer der Fraktion, der hinter den Kulissen unzählige Kleinigkeiten für den geordneten Betrieb zu organisieren hat, hatte kurz nach der Wahl schon wieder aufgegeben. Anfang Januar warf er nach internen Auseinandersetzungen seinen Job hin, er begründete dies mit Meinungsverschiedenheiten "über einen professionellen, parlamentsorientierten Fraktionsaufbau". Und bereits in den fünf bisherigen Plenarsitzungen hat die AfD gemerkt, dass das Auftrumpfen im Bundestag schwieriger ist, die Kontrahenten dort oft ein anderes Format haben, als sie es bisher aus Landtagen, Talkshows oder Facebook-Diskussionen gewohnt ist.

Mit einigen Details verblüffte die AfD andere Bundestagsparteien wie Journalisten durchaus. Als Ende November die Verlängerung von sieben Auslandseinsätzen der Bundeswehr debattiert wurde, agierte die AfD nicht als Fundamentalopposition, sondern argumentierte in ihren Reden ziemlich differenziert und stimmte drei Missionen zu. Und als im Dezember die Immunität zweier ihrer Abgeordneter wegen staatsanwaltlicher Ermittlungen aufgehoben werden sollte, wetterte die AfD nicht – wie sonst gern – gegen eine angeblich politische Justiz, sondern stimmte still und fast geschlossen zu.

Insgesamt 24 Anträge, Gesetzentwürfe oder Kleine Anfragen hatte die AfD bis Jahresbeginn in den Bundestag eingebracht. Damit war sie zwar fleißiger als FDP und Grüne – lag jedoch weit hinter der Linkspartei, die zu dem Zeitpunkt bereits 134 parlamentarische Initiativen vorweisen konnte. Die AfD beantragte beispielsweise die sofortige Einführung "umfassender Grenzkontrollen". Ihre Parlamentarier befragten die Regierung etwa zur Arbeit des Bundesamtes für Migration oder den Kosten der Energiewende. Mit einer Anfrage, es ging um die Nationalität von Terrorverdächtigen in Deutschland, schaffte es die AfD immerhin in einige Medien.

Doch die meisten AfD-Vorstöße fanden kein größeres Echo, jedenfalls nicht das gewünschte: Mitte Dezember etwa wollte sich die Partei mit beißender Kritik an den Bundestagsdiäten profilieren. Wie zu Beginn jeder Legislaturperiode stand ein Beschluss an, Erhöhungen an die allgemeine Lohnentwicklung zu koppeln – diesen versuchte die AfD im letzten Moment zu skandalisieren. Doch die ansonsten nüchterne Grünen-Abgeordnete Britta Haßelmann demontierte die AfD in einer fulminanten Rede, die dann in den sozialen Netzwerken viral ging.