Die Fraktionen im Bundestag haben Abgeordnete für den Vorsitz der Ausschüsse nominiert, drei davon sollen unter Leitung von AfD-Abgeordneten stehen. Ob die reibungsfrei auch tatsächlich von den anderen Ausschussmitgliedern bestätigt werden, wird sich in den konstituierenden Sitzungen zeigen. Formal sollen die Ausschusschefs parteipolitisch neutral arbeiten – sie führen die Ausschüsse nicht, sondern sie moderieren Diskussionen. Ihr Einfluss ist also begrenzt, das Amt hat eher symbolischen Wert.

Doch genau daran, dass jetzt Vertreter der AfD diese Posten einnehmen sollen, stören sich Kritiker, darunter Gewerkschaften und andere Abgeordnete. Es könnte ähnlich ausgehen wie bei der Wahl der Parlamentsvizepräsidenten, der Geheimdienstkontrolleure oder beim Fußballverein des Bundestags: Die AfD-Anwärter fallen durch. Die Linke hat gegen mindestens einen der nominierten AfD-Ausschusschefs Widerstand angekündigt. Um wen geht es genau?

Peter Boehringer, Haushaltsauschuss

Peter Boehringer schreibt gern und viel. In seinem Blog zieht er Parallelen vom Untergang der DDR zur gegenwärtigen Situation der Bundesrepublik und verbreitet Hoffnung auf das baldige Ende des Eurofinanzsystems. Auf der Suche nach der Ursache aktueller Probleme ist er schnell beim "realen Geldsozialismus der BRD", der "ALLE relevanten Machtgremien" in seiner "eisernen und kreditgeldfinanzierten Bestechungsfaust" hält. "Die Hoffnung … bleibt uns", schrieb Boehringer 2015, dass das "für unsere Nation suizidale heutige System" einen plötzlichen Zusammenbruch erleidet. Heute will er das nicht als "Hoffnung" verstanden wissen, sondern als Warnung. Für ihn läuft derzeit eine "irreversible Umvolkung", ein "permanenter Austausch des deutschen Staatsvolks durch zu 98% illegale Eindringlinge". Man muss in seinen Texten nicht lange suchen, um zu erkennen: Hier schmückt jemand die Programmatik der AfD mit den üblichen, für den rechtsnationalen Flügel der Partei bekannten Vokabeln aus.

Auf den ersten Blick ist der unauffällige Schwabe ein kompetenter Finanzfachmann, seine Biografie weist mehrjährige Tätigkeiten als Finanz- und Managementberater aus. Als europolitischer Sprecher der AfD schrieb er am Grundsatz- und Wahlprogramm der Partei mit. Er ist seit 2013 Mitglied in der Hayek-Gesellschaft, der auch seine Fraktionskolleginnen Beatrix von Storch und Alice Weidel angehören. Ihr Namensgeber ist der österreichische Nationalökonom Friedrich A. Hayek, ihre Mitglieder sind liberalkonservativ bis radikal marktgläubig. Boehringer bezeichnet sich selbst als "Edelmetall-Experte" und macht sich dafür stark, die im Ausland lagernden Goldreserven Deutschlands ins Inland zu holen.

Mit der Übernahme des Vorsitzes im Haushaltsausschuss begäbe sich Boehringer in ein Dilemma: Er ist Vorsitzender der Desiderius-Erasmus-Stiftung mit Sitz in Berlin, eingetragen in Lübeck, eine von drei AfD-nahen Stiftungen dieses Namens, die um die Anerkennung als offizielle Parteistiftung buhlen. Boehringer müsste den Vorsitz der Stiftung niederlegen, denn Politiker in Führungsämtern sollen nicht Stiftungschefs sein, so ist es üblich in Parteistiftungen. Einer der Gründe: Es könnte der Fall eintreten, dass der Haushaltsausschuss auch über Stiftungsgelder entscheiden muss. Boehringer sichert zu, den Vorstandsposten aufzugeben, wenn die AfD die Stiftung offiziell anerkennen sollte. "Ich werde den Interessenskonflikt auflösen, bevor er eintritt", sagt er ZEIT ONLINE.

Stephan Brandner, Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz

Es gibt Menschen, die Stephan Brandner für unwählbar halten. Der ehemalige Thüringer Landtagsabgeordnete polarisiert nicht nur durch AfD-typische Standpunkte, vielmehr kennzeichnet den Höcke-Freund die Lust an der gezielten Provokation. Als Anwalt fällt ihm der polarisierendeAuftritt nicht schwer. Im Erfurter Landtag kassierte er Dutzende Ordnungsrufe. Im Dezember twitterte er ein Foto, das als Todesdrohung verstanden wurde. Es zeigte ein machetenähnliches Messer, im begleitenden Text bat Brandner unter Hinweis auf die Linksaktivisten vor dem Privathaus seines Parteikollegen Björn Höcke ("bekloppte Kunst-Bollos") um Vorschläge, "wie ich das Gerät 'künstlerisch' gebrauchen kann". Die Polizei sah Handlungsbedarf. Auf einer Wahlkampfveranstaltung sagte Brandner, eine typische syrische Familie bestehe für ihn aus "Vater, Mutter und zwei Ziegen". Für manchen ist da die Grenze vom politisch-thematischen Diskurs in einem Parlament hin zu Stimmungsmache und Rassismus weit überschritten. Der Linkenpolitiker Niema Movassat bezeichnete Brandners Nominierung zum Vorsitzenden des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz als unverantwortlich. "Wer mit Gewalt droht, ist ungeeignet." Ein Mann wie Brandner könne nicht Repräsentant der Legislative sein, kommentierte die Süddeutsche Zeitung. Widerstand im Ausschuss ist zu erwarten.

Der 51-jährige Brandner hat seine politische Heimat in Thüringen. Seine juristische Ausbildung hat er in Regensburg absolviert, vor der AfD war er Mitglied der CDU und CSU. Heute präsentiert er sich gemeinsam mit dem Mühlhäuser Parlamentskollegen Jürgen Pohl auf der Website Volksanwaelte.de als entschlossener Aufräumer der bisherigen Politik. Er ist einer der Triebkräfte hinter dem von der AfD angestrebten parlamentarischen Untersuchungsausschusses zur vermeintlichen Grenzöffnung durch Bundeskanzlerin Merkel 2015.

Sebastian Münzenmaier, Ausschuss für Tourismus

Der 1989 geborene Versicherungsfachmann ist seit vielen Jahren rechtskonservativ: Mit Anfang 20 trat er in die Rechts-außen-Kleinpartei Die Freiheit ein, die der Verfassungsschutz auf seiner Beobachtungsliste führte. Der Mainzer arbeitete im Stadtrat für die AfD-Fraktion, wechselte dann in den Landtag. Nach Ansicht eines Gerichts hat er Gewalttäter unterstützt: Vor wenigen Monaten erhielt er eine sechsmonatige Bewährungsstrafe und 10.000 Euro Geldstrafe, weil er im Jahr 2012 Mitgliedern der Hooliganszene des 1. FC Kaiserslautern – dessen Mitglied er ist – den Weg gewiesen haben soll, bevor diese wiederum Fans von Mainz 05 verprügelten. Münzenmaier bestreitet das, ein Berufungsverfahren läuft, Mitte Dezember wurde dafür seine parlamentarische Immunität aufgehoben. In Berlin verweigerte der Fußballclub des Bundestags dem AfD-Politiker die Mitgliedschaft – offiziell ohne einen Grund zu nennen, ein Zusammenhang mit dem Strafverfahren liegt jedoch nahe. Skepsis kommt auch aus der Tourismusbranche: Der Geist der AfD dürfe "nicht in die Branche hineinwirken", sagt NGG-Vizechef Guido Zeitler.

Vor seiner Bundestagskandidatur war Münzenmaier weitgehend unbekannt. Er führt den Ortsverband der AfD Mainz und arbeitete bis zum Einzug in den Bundestag als Fraktionsgeschäftsführer im Mainzer Landtag.

Aus der Union, FDP und SPD kamen zuletzt Signale, die parlamentarischen Gepflogenheiten im Bundestag beizubehalten. Die Abgeordneten dieser Parteien werden die von der AfD nominierten Ausschusschefs also nicht pauschal boykottieren. Denn sie wissen: Nicht nur die AfD-Bundestagsfraktion, sondern Vertreter der gesamten Partei werden die AfD als Opfer darstellen, sollte auch nur einer der Nominierten durchfallen. Offenen Widerstand gegen die Kandidaten leistete bisher vor allem die Linke.