ZEIT ONLINE: Herr Hofreiter, die Sondierungsgespräche über eine große Koalition gehen in die Schlussrunde. Was dachten Sie, als im November die Jamaikagespräche scheiterten, bei denen Sie mitverhandelten? 

Hofreiter: Wir sahen die FDP-Delegation aus der Runde der Chefverhandler kommen und zu den Journalisten gehen. Da habe ich mir gedacht: Das kann jetzt nicht sein. Wir haben doch gerade noch ein weiteres Kompromissangebot zum Soli gemacht. Das wollten sie doch unbedingt. Und dann ist es vorbei, weil die FDP die Nerven verliert oder weil sie nie regieren wollte. Ich kann verstehen, wenn man Verhandlungen platzen lässt, weil man nicht bekommt, was man will. Die FDP hatte aber vieles bekommen, was sie will. Meinem Eindruck nach war auch die Union wie vom Donner gerührt. Aber jetzt ist es so, wie es ist. 

ZEIT ONLINE: Bei den neuen Sondierungen über eine große Koalition wird die CSU als möglicher Torpedeur gesehen. Wie haben Sie die CSU in den Jamaika-Gesprächen erlebt? 

Hofreiter: Jenseits des öffentlichen Gerumpels kann ich als Bayer die CSU und ihre Bedürfnisse ganz gut einschätzen. Alexander Dobrindt und ich zum Beispiel liegen inhaltlich sehr weit auseinander, aber intern konnten wir immer respektvoll um die Sache ringen. Das war nie einfach, einmal haben wir acht Stunden über Verkehrspolitik verhandelt ohne Ergebnis in der Sache, aber trotz aller Unterschiede haben wir immer eine Ebene miteinander gefunden. 

ZEIT ONLINE: Gibt das Hoffnung für die Verhandlungen über eine große Koalition? 

Hofreiter: Das Problem der kleinen großen Koalition ist doch, dass beide Seiten zu wenig wollen. Wenn das erste Verhandlungsergebnis ist: Die Klimaschutzziele bis 2020 erreichen wir nicht, also geben wir sie auf, dann mangelt es einfach an Ehrgeiz. 

ZEIT ONLINE: Wir sprechen von massiven CO2-Einsparungen in nur zwei Jahren. Das wäre auch mit dem von den Jamaika-Parteien ausgehandelten Kohle-Kompromiss schwer geworden. 

Hofreiter: Wir hätten es jedenfalls versucht. Das Klimaziel zu erreichen ist schwer, weil Union und SPD die letzten Jahre verschlafen haben, aber es wäre mit einer Kraftanstrengung machbar. In einer Jamaika-Koalition hätten wir schnell einige der dreckigsten Kohlekraftwerke abschalten und dann nach Bedarf noch mal nachjustieren können. Das wäre ein immenser Fortschritt gewesen. Die 2020-Ziele sind doch auch ein Symbol dafür, das Land zu modernisieren, endlich mal Reformen und Innovationen anzugehen. Da geht es nicht nur um das punktgenaue Einhalten des Ziels, sondern auch um das Sich-auf-den-Weg-Machen. Dass Union und SPD es jetzt erst gar nicht mehr versuchen wollen, ist armselig. 

ZEIT ONLINE: Am Freitag wollen Sie sich von den Abgeordneten als Fraktionschef wiederwählen lassen. Als kleinste Oppositionspartei müssten sich die Grünen um die "großen Fragen" kümmern, sagen Sie, nicht um Spiegelstriche in Konzepten. Waren Sie nicht immer schon die Partei für die ganz großen moralischen Fragen? 

Hofreiter: Die großen Fragen kommen wieder mit einer neuen Härte zurück. Wer hätte vor fünf Jahren gedacht, dass Donald Trump US-Präsident wird, dass es einen Brexit geben wird, dass wir in nahezu allen europäischen Ländern rechtsradikale Parteien haben werden, dass China als autoritäres System die Märkte besetzt? Nach dem Fall der Mauer dachten viele: Die Demokratie hat gewonnen. Leider können wir uns da nicht sicher sein. 

ZEIT ONLINE: Auch Merkel spricht von Gefahren für die Demokratie. Wo ist das grüne Alleinstellungsmerkmal? 

Hofreiter: Angela Merkel muss erst mal die Konservativen und Rückwärtsgewandten in ihrer eigenen Partei bändigen. Ich will, dass wir Grünen die führende Kraft der linken Mitte werden. Denn die SPD ist in ihrer alten Industriearbeiterlogik gefangen und die Linkspartei ist zerstritten. Wir haben die besseren Ideen – das hat sich in den Sondierungsgesprächen gezeigt. 

ZEIT ONLINE: Allerdings versinken die Grünen gerade mal wieder im Streit. Auch Cem Özdemir wäre gern Fraktionsvorsitzender geworden, hatte aber offenbar die Mehrheit der Bundestagsabgeordneten nicht hinter sich. Die will Sie als Vertreter der Parteilinken neben der Realpolitikerin Katrin Göring-Eckardt sehen. Özdemir erklärt das so: Es gehe bei der Grünen-Personalauswahl zu oft um Flügelarithmetik, nicht "primär um politische Leistung". Das klingt böse. 

Hofreiter: Ich denke, Cem weiß, welchen Anteil die Fraktion am Erfolg der letzten Wochen und Monate hatte. Was waren die erfolgreichen Themen im Wahlkampf? Die Abschaltung der Kohlekraftwerke oder die Forderung nach einem Ende des Verbrennungsmotors zum Beispiel – das hat die Bundestagsfraktion erarbeitet. Und ich war daran nicht ganz unbeteiligt. Gleiches gilt für die inhaltliche Begleitung der Sondierungen. Eine der großen Leistungen der Fraktionsspitze war es, die unterschiedlichen Interessen von Linken und Realos zusammenzuhalten. Das hat diesen breit getragenen und geschlossenen Wahlkampf, den Katrin und Cem so hervorragend geführt haben, erst ermöglicht. Uns hat zuletzt ausgemacht, dass wir ein gutes Team waren. Daran will ich anknüpfen.

ZEIT ONLINE: Wie genau?

Hofreiter: Es geht uns Grünen immer gut, wenn wir unsere Pluralität anerkennen und nicht künstlich eindämmen. Wenn wir wachsen wollen, müssen wir die ökologisch interessierte Handwerkerin genauso ansprechen wie den globalisierungskritischen Studenten. Das geht nur, wenn wir auch verschiedene Persönlichkeiten an den Spitzen haben. Katrin und ich können das. Das ist unser Angebot. 

"Wir hätten Attacken auf Simone Peter stärker zurückweisen müssen"

ZEIT ONLINE: Erreicht Özdemir mit seinem politischen Angebot den globalisierungskritischen Studenten nicht? Immerhin zählt er laut Umfragen zu Deutschlands beliebtesten Politikern. 

Hofreiter: Cem ist unbestritten unsere bekannteste Persönlichkeit. Aber auch er kommt stärker in bestimmten Milieus an und in anderen eher weniger. Ich will natürlich, dass er die Möglichkeit bekommt, seine Talente weiter für uns einzusetzen. Er ist ein starker Redner, ein versierter Politiker und er wird zu Recht noch viel Aufmerksamkeit haben. 

ZEIT ONLINE: Katrin Göring-Eckardt und Sie haben keine Gegenkandidaten. Aber um den Parteivorsitz, der Ende Januar gewählt wird, bewerben sich drei Grüne: Robert Habeck und Annalena Baerbock, die zum Realo-Flügel der Partei gezählt werden – was viele Linke argwöhnisch machte. Deswegen tritt nun auch die Niedersächsin Anja Piel an, die von vielen Parteilinken unterstützt wird. Wem drücken Sie die Daumen? 

Hofreiter: Wir haben sehr gute Kandidaten, die alle etwas beitragen für die Partei. Anja Piel hat gesagt, dass sie die grüne Sozialpolitik wieder stärker betonen will. Das finde ich sehr wichtig, auch weil wir in diesem Wahlkampf viele Stimmen von der SPD geholt haben. 

ZEIT ONLINE: Der Grünen-Vordenker Ralf Fücks sagt, Flügel seien nur Karrierenetzwerke. Bestätigt das die aktuelle Diskussion nicht? 

Hofreiter:  Es gibt Parteiflügel auch bei den Linken, in der SPD und der CDU. Dort stellt das niemand infrage. 

ZEIT ONLINE: Aber dort ist nicht alles so sorgsam und starr austariert wie bei den Grünen. 

Hofreiter: Ach, die achten schon auch darauf, dass alle gut vertreten sind. Um für unsere grünen Ziele Mehrheiten in unserer vielfältigen Gesellschaft zu bekommen, braucht es unterschiedliche Strömungen und Typen, die dafür überzeugend werben. Wichtig ist, dass uns die Flügel nicht lähmen, dass man zusammenarbeitet. Dafür habe ich die letzten Jahre gearbeitet und das werde ich auch weiterhin tun. 

ZEIT ONLINE: Und dann gibt es noch ein Problem: Robert Habeck ist Umweltminister in Schleswig-Holstein und will Parteichef werden. Aber die Grünen haben vereinbart, Ämter und Mandate stets zu trennen. 

Hofreiter: Bei Robert geht es ja um zwei Ämter – die des Ministers und des Parteichefs. Da sollten wir darüber reden, dass es eine vernünftige Übergangszeit gibt, damit ein Wechsel auch gut machbar ist. Ein Jahr scheint da vielen in der Partei etwas lang zu sein. Ich werbe dafür, dass wir da alle gemeinsam eine gute Lösung mit Robert finden. Entscheidend ist, dass Parteivorsitzende nicht auf Dauer an eine Regierungsräson gebunden sind. Sonst enden wir wie Angela Merkel und die CDU. Da bleiben Aufbruch und Fortschritt auf der Strecke. Die ursprüngliche Trennung von Amt und Mandat ist bei den Grünen übrigens schon längst aufgeweicht – seit 2003 darf ein Drittel unseres Parteivorstandes auch Abgeordneter sein. 

ZEIT ONLINE: Die bisherige Grünen-Chefin Simone Peter hört nun auf. Sie war in der Partei sehr umstritten, vor allem nach ihrer Kritik am Polizeieinsatz in der Silvesternacht  2016. Mit dem Abstand von einem Jahr: Hätten die Grünen solidarischer mit ihr sein müssen? 

Hofreiter: Ich möchte Simone erst mal danken für all das, was sie für uns geleistet hat. Und ich habe großen Respekt vor ihrer Entscheidung. Was die Diskussion von damals angeht: Ja, mit Abstand betrachtet hätten wir Attacken auf Simone schärfer zurückweisen müssen. Auch wenn ihre Äußerung zu dem Zeitpunkt so kurz nach dem Einsatz nicht richtig war. Da lagen noch zu wenig Informationen vor. Das festzustellen, ändert nichts daran, dass wir Grünen selbstverständlich weiter konstruktiv-kritisch auf die Sicherheitsbehörden schauen: Ich finde es zum Beispiel sehr notwendig, das Verhalten der Sicherheitsbehörden im Fall Amri zu hinterfragen. Da sind offenbar sehr große Fehler passiert. Es wird höchste Zeit für einen Untersuchungsausschuss im Bundestag.