Die jüngste Krise der Grünen kommt als Chance daher. Ende Januar steht die Wahl zwei neuer Vorsitzenden an. Die Amtsinhaber, der Realo Cem Özdemir und die Parteilinke Simone Peter, wollen nicht wieder antreten. Mehrere der Nachfolgekandidaten werben damit, sie ließen sich nicht eindeutig als Realo oder Linke verorten, sie stünden vielmehr über den beiden Parteiströmungen. Das klingt nach Kompromissbereitschaft und Harmonie. 

Doch in einer Partei, die traditionell die beiden Chefposten mit je einem Flügelvertreter besetzt, birgt das Kippen des Proporzes ein unkalkulierbares Risiko. Die Grünen könnten ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal beschädigen: die Grünen-typische innerparteiliche Demokratie.

Die Kritik der Kandidaten an der Realo-Linke-Quote hat einen wahren Kern. Den Grünen fällt es seit jeher schwer, geeignete Bewerber zu finden, die allen Anforderungen genügen. Ein Vorsitzendenposten ist laut Satzung für eine Frau reserviert, der zweite geht traditionell an einen Mann. Wird beispielsweise die Frau vom linken Parteiflügel gestützt, dann muss der Mann ein Realo sein. Das ständige Austarieren der Interessen nervt sogar die leidensfähigen Grünen.

Deshalb sagt der aussichtsreiche Bewerber Robert Habeck offen: "Ich möchte Vorsitzender für die gesamte Partei sein, ich kandidiere unabhängig von Flügeln." Es sei "Zeit, das aus Misstrauen geborene Austarieren der Macht zwischen den Flügeln zu beenden". Habeck, der in Schleswig-Holstein seit 2012 ein Superministerium führt, wird parteiintern eher den Realos zugerechnet.

Die Fraktionschefin der Grünen im niedersächsischen Landtag, Anja Piel, beklagt in ihrem Bewerbungsschreiben "getrennt tagende Thinktanks mit ihren zum Teil verkrusteten und nicht mehr zeitgemäßen Strukturen". Dabei interessierten die "allermeisten unserer Mitglieder" sich "für Flügel viel weniger als dafür, dass sie an der Entwicklung von Programmen und Schwerpunkten angemessen beteiligt werden". Das klingt, als behindere der Flügelproporz die innerparteiliche Mitsprache.

Und Piels Konkurrentin, die Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock aus Brandenburg, sagt: "Unsere Stärke in den Sondierungen war unsere Einigkeit in unserer Vielfalt – mit unglaublicher fachlicher Substanz fern von einem reinen Schielen auf Strömungslogiken".

Alle drei Bewerber eint also eine Behauptung: Wer Rücksicht nimmt auf Empfindlichkeiten von Realos und Linken, der handelt gestrig und ängstlich und verschwendet Energie. Ausgerechnet in einer Zeit, in der selbst konservative Konzerne und Medienhäuser Chefposten immer häufiger mit zwei Personen besetzen, zweifeln die grünen Pioniere am Nutzen ihrer Doppelspitze. Eine erstaunliche Entwicklung.

In den Achtzigerjahren schufen die Grünen sich ihre neuartige Führungsstruktur aus der Not heraus. In ihrer Gründungsphase drohte die Partei zu zerspringen. Selbst erklärte Ökosozialisten wie Jutta Ditfurth konkurrierten mit Parteirechten, die Umweltschutz mit völkischem Gedankengut verbanden. Hinzu kamen Pragmatiker wie Otto Schily, der die Grünen schon früh koalitionsfähig machen wollte. Damals führte die Partei ein dreiköpfiges Führungsgremium ein, damit sich darin die wichtigsten Strömungen wiederfinden. Ebenso entstand die informelle Unterscheidung in Realos und Fundis – also Fundamentalisten. Spätestens seit 1991 aber, als Ditfurth und ihre Anhänger die Partei unter Protest verließen, passt dieses Etikett nicht mehr. Im selben Jahr schrumpfte das Triumvirat zur Doppelspitze. Heute fallen die inhaltlichen Kontroversen in der Partei weit milder aus. Doch das Etikett Realo hat sich gehalten. Und Fundi hat sich gewandelt zu Linker.

Der Zwang zur Quote war und ist anstrengend. Etwa ab 2000, als die Parteilinke Renate Künast und der Realo Fritz Kuhn einander im Parteivorsitz ertragen mussten, oder fünf Jahre darauf in derselben Konstellation in der Bundestagsfraktion. Auch die scheidenden Parteichefs Peter und Özdemir haben sich in den vergangenen vier Jahren nur wenig zu sagen gehabt. Und nun droht Özdemirs politische Karriere abrupt zu enden, weil ihm als Realo-Mann derzeit kein einflussreicher Parteiposten offensteht. Trotzdem ist die Quote, pragmatisch angewendet, immer auch eine Bereicherung gewesen.

Denn was die Partei und ihre Führung mitunter quält, trägt heute auch zu ihrer außerordentlichen Stabilität bei. So trugen im Bundestagswahlkampf 2017 auch linke Grüne das Spitzenduo Özdemir und Katrin Göring-Eckardt, ohne zu murren. Die Mehrheit der Mitglieder hatte nun mal für die beiden Realos gestimmt. Deshalb wirkte die Partei im Wahlkampf deutlich geschlossener als noch 2013.