Dass es bereits zu Beginn einer Veranstaltung Standing Ovations gibt, ist eher ungewöhnlich. Doch als Christian Lindner die Oper in Stuttgart zum traditionellen Dreikönigstreffen betritt, passiert genau das: Das Auditorium steht auf und applaudiert. Nicht ausgelassen, aber respektvoll. Eine Leistung hat er bereits erbracht: Er hat die Partei zurück in die Bundespolitik geführt.

"Bei unserem letzten Treffen vor vier Jahren kamen nicht einmal die Sternsinger", erinnert er schmunzelnd. Heute ist der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter den Zuhörern sind auch Skeptiker. 1.400 Liberale wollen hören, was ihr Chef zum zurückliegenden Jahr und der Zeit, die vor ihnen liegt, zu sagen hat. Welche Position wird die Partei einnehmen?

Lindner erklärt noch einmal, warum die FDP die Jamaika-Verhandlungen abbrach: Weil in der Konstellation keine Reformen möglich gewesen seien, das Land nicht hätte erneuert werden können. Jamaika sei zu einem "politischen Sehnsuchtsort verklärt worden". Dabei hatten viele Parteimitglieder Erneuerungspotenzial in einer Jamaika-Koalition gesehen.

Nein zum Staus quo

Altliberale wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Gerhart Baum etwa ließen bereits im Vorfeld keinen Zweifel daran, dass sie sich eine Regierungsbeteiligung der FDP gewünscht hätten. Lindner definiert die Absage in seiner Rede als konstruktiven Akt: Um die Glaubwürdigkeit der FDP zu stärken und um ein Signal zu setzen gegen die Politikverdrossenheit im Land.

Diese werde vor allem von Angela Merkel befördert. Lindner wird in seiner Neujahrsrede nicht müde, immer wieder gegen die Kanzlerin zu wettern – in ruhigem, aber nachdrücklichen Duktus. "Merkel sorgt dafür, dass sich nichts ändert", konstatiert er. Dabei brauche Deutschland dringend eine Wachstumsagenda. Merkel "unterfordert das Land mit Agitationslosigkeit", ruft Lindner dem Auditorium zu, das seine Zustimmung mit großem Jubel ausdrückt.

Zuvor hatte bereits der baden-württembergische Landesvorsitzende Michael Theurer – der Gastgeber der Veranstaltung – in dieselbe Richtung ausgeteilt: "Nur noch Krisenkanzlerin zu sein reicht nicht", schimpfte er und erntete für seinen Vorschlag, die Amtszeit der Bundeskanzlerin zu begrenzen, frenetischen Jubel. Auch die Grünen sind offenbar zum Gegner geworden. "Mit Macron könnten wir leichter Koalitionsverhandlungen abschließen als mit Jürgen Trittin", sagt Lindner unter dem Gejohle einiger Zuhörer.

Das Merkel-Trauma sitzt tief

Für den FDP-Chef ist es wichtig, in seiner Ansprache immer wieder das neue Selbstbewusstsein der FDP zu betonen: "Wenn wir eines gewiss nicht mehr sind, dann ist es ein Steigbügelhalter für andere." Zu tief scheint noch immer das Merkel-Trauma zu sitzen, das die Partei erlitten hat, als sie nach einer Koalition mit der Union 2013 aus dem Bundestag flog. Eine Koalition mit Angela Merkel kann Lindner sich nicht mehr vorstellen, daran lässt er keinen Zweifel.

Den Platz der FDP sieht er ganz klar in der Opposition. Lindner geht von der Fortsetzung einer großen Koalition aus – am Sonntag beginnen die Sondierungen. Entschieden wehrt er sich gegen den Vorwurf, diesen Weg in die Opposition nur zu gehen, um mit populistischen Parolen beim Wähler zu punkten. Niemals in den "schattigen Jahren" außerhalb des Bundestags sei die FDP der Versuchung rechter Parolen erlegen: "Wir sind den Eurohassern nicht hinterhergerannt". Auch aus der Opposition lasse sich gestalten – eine Meinung, die Leutheusser-Schnarrenberger etwa nicht teilt. Lindner sagt dazu: "Wer das verneint, der verneint die Kraft des Arguments."

Fokus auf Landtagswahlen

Der FDP-Chef will seine Partei auf ein Ziel einschwören, das in leuchtenden Buchstaben hinter ihm auf eine große Leinwand projiziert wird: eine neue Generation Deutschland. Das ist das Motto, das die Liberalen über ihr politisches Wirken 2018 stellen. Gemeint sind damit die Trendwenden, die die Partei in ihrem Programm beschlossen hat. Lindner fasst sie in den Punkten Europa, Bildungsföderalismus, Migrationspolitik, ökologische Verantwortung und Digitalisierung zusammen.

Dazu soll ein Einwanderungsgesetz gehören, das die FDP vorantreiben will, und auch der Abbau des Soli. Notfalls werde der eingeklagt, so Lindner, der die politische Ausrichtung seiner Partei jenseits des klassischen Links-rechts-Schemas sieht. Seine wichtigste Botschaft: Die FDP steht für Erneuerung. Das soll auch bei den Wahlen in Hessen und Bayern ausgestrahlt werden, die in diesem Jahr anstehen. Auch hier soll gelten: Lieber Opposition als Regierungsbeteiligung, wenn keine Reformen möglich sind.

Dafür findet Lindner viel Zustimmung. Sein Auftritt endet, wie er begann: mit stehenden Ovationen – nur dass der Applaus jetzt viel lauter ist und länger anhält.