Die SPD streitet vor ihrem Parteitag am Wochenende über das Für und Wider eines erneuten Bündnisses mit der Union. Vor allem der Linke Parteiflügel und die Jusos um ihren Vorsitzenden Kevin Kühnert machen Stimmung gegen die mögliche Wiederauflage einer großen Koalition – sie fürchten, dass diese der SPD schaden und die Zustimmung zur Partei weiter verschlechtern würde.

Allerdings könnte gerade eine Absage der SPD mehr Schaden zufügen als ein erneutes Bündnis mit der Union. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der Bürgerbewegung Avaaz, die ZEIT ONLINE vorliegt. Demnach sind 71 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass ein Nein zu Koalitionsverhandlungen bei einer Neuwahl schädlich für die SPD wäre. Nur 19 Prozent der Befragten glauben, eine Absage würde der Partei ein besseres Wahlergebnis bringen.

Für die repräsentative Erhebung wurde 1.001 Menschen die Frage gestellt: "Einmal angenommen, die SPD lehnt diesen Sonntag Koalitionsgespräche mit der CDU/CSU ab und es käme zu Neuwahlen. Wie, denken Sie, würde die SPD bei Neuwahlen abschneiden?" 38 Prozent antworteten "schlechter", weitere 33 Prozent "eher schlechter". Nur neun Prozent sagten, das Ergebnis würde "besser", zehn Prozent prognostizieren, es würde "eher besser".

Auch SPD-Wähler sehen Absage kritisch

Ähnlich sieht es bei den befragten SPD-Wählern aus: Fast die Hälfte hält ein Nein zur großen Koalition für schädlich für die Partei. 49 Prozent gaben an, die Partei würde nach einer Absage bei Neuwahlen "schlechter" oder "eher schlechter" abschneiden. 40 Prozent der SPD-Wähler waren dagegen der Meinung, das Ergebnis der Partei könnte "besser" oder "eher besser" ausfallen. 

Auch auf ZEIT ONLINE fragen wir unsere Leser, ob die SPD Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU aufnehmen sollte. Das nicht repräsentative Ergebnis lautet: besser nicht. Unter den Lesern, die sich als SPD-Wähler bezeichnen, sprechen sich fast 60 Prozent gegen Verhandlungen aus. Bei Usern, die angeblich andere Parteien wählen, liegt die Ablehnung sogar bei fast zwei Drittel.

Sollte sich der SPD-Parteitag am Sonntag tatsächlich gegen die Aufnahme formeller Koalitionsverhandlungen mit den Unionsparteien aussprechen, bedeutet das nicht unbedingt eine Neuwahl. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass nach den gescheiterten Sondierungen für eine Jamaika-Koalition Gespräche mit Grünen und FDP noch einmal aufgenommen werden, aber die Union könnte auch eine Minderheitsregierung stellen.

Vor dem Parteitag haben sich bereits mehrere SPD-Landesverbände, darunter zum Beispiel Berlin, Sachsen-Anhalt und Thüringen, gegen Koalitionsverhandlungen ausgesprochen. Die Delegierten sind an die Beschlüsse aber nicht gebunden. Entscheidend ist zudem vor allem, wie sich die großen Länder wie Nordrhein-Westfalen entscheiden. Sollte es tatsächlich Koalitionsverhandlungen geben und ein Ergebnispapier, würde darüber noch die SPD-Basis abstimmen.

Laut einer kürzlich veröffentlichen Umfrage des Instituts Forsa ist die Zustimmung unter SPD-Wählern zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen hoch. 61 Prozent plädieren demnach dafür, dass der Parteitag sich für Gespräche entscheidet.

Susanne Neumann - Was passiert, wenn die SPD die große Koalition ablehnt? Susanne Neumann ist SPD-Mitglied – und war schon für Sigmar Gabriel unbequem. Im Video sagt die frühere Reinigungskraft, was sie von der großen Koalition hält. © Foto: Bart Biesemanns