Der ehemalige Chef des Berliner Amts für Gesundheit und Soziales (Lageso) Sebastian Muschter warnt, die Berliner Behörden könnten unter einem neuen drastischen Anstieg der Flüchtlingszahlen erneut zusammenbrechen. "Es könnte nochmal knallen", sagt Muschter in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Das Lageso war bis 2016 die für Flüchtlinge zuständige Behörde in Berlin. Nach der Überforderung des Amtes schaffte der Berliner Senat mit dem Landesamt für Flüchtlinge eine neue Behörde, die nun für Flüchtlinge zuständig ist. Nach Muschters Einschätzung sei damit die Verwaltung erheblich besser aufgestellt als 2015 und 2016. Die strukturellen Probleme seien aber geblieben – und hätten ihre Wurzeln in den "massiven Kürzungswellen" in den Jahren zuvor. "Da fielen extrem viele Stellen weg, die Verwaltung wurde auf eine fiese Art ausgehöhlt."

Im Lageso hätte die Behördenleitung schon 2014 absehen können, dass das Amt mit den steigenden Flüchtlingszahlen nicht Schritt halten konnte. Ein vorausschauendes Management habe "völlig gefehlt". "Das war ein klares Versäumnis", sagt Muschter, der das Lageso im Jahr 2016 führte und zuvor Leiter des Bereichs Öffentlicher Sektor bei der Unternehmensberatung McKinsey war. "Ich werfe das niemand persönlich vor, aber im Grunde hätte sich der Behördenleiter am Tor des Lageso festketten und dem Senat signalisieren müssen: So geht es nicht weiter, die Behörde wird explodieren!"

Muschter fordert, dass auch andere Behörden besser für die Zukunft planen. Es fehle "überall dort, wo wir Dienst am Bürger machen, an Personal: Wir haben zu wenige Leute in den Bau- und Jugendämtern, zu wenige Lehrer und Polizisten. Gleichzeitig sitzen zu viele im Backoffice, also in der Verwaltung der Verwaltung."

Muschter beklagt die Angstkultur in den Behörden. Statt für Probleme kreative Lösungen zu finden, klammerten sich Beamte an enge Vorschriften – auch weil sie fürchteten, Regeln zu verletzen und deshalb unter Korruptionsverdacht zu geraten. "Korruption ist nicht unser Problem, sondern eher, dass aus Angst vor Rechtsbruch und Korruption zu wenige Fehler gemacht werden."

Aus Gründen der Effizienz müsse der Staat in Kauf nehmen, dass er mitunter mehr Geld als nötig ausgibt. "Ich finde es völlig okay, wenn ein kleiner Teil der Staatsausgaben verschwendet wird", sagte Muschter der ZEIT. "Wir sollten zum Beispiel aufhören, von Hartz-IV-Empfängern diese winzige Summen zurückzufordern." Damit erspare sich der Staat immer neue Klagewellen.