Die Musik spielte anderswo, als die Grüne Bundestagsfraktion am Freitagmittag in aller Stille ihre Spitze wählte. "Kämpferisch" sei man angesichts der morgens veröffentlichten Beschlüsse der Groko-Sondierer aufgelegt, sagte Katrin Göring-Eckardt den wenigen Pressevertretern, die den Weg ins Marie-Elisabeth-Lüders Haus gefunden haben.

Kurz zuvor waren sie und ihr Parteifreund Anton Hofreiter in ihren Ämtern als Fraktionsvorsitzende bestätigt worden – mit eher mittelprächtigen Ergebnissen. Vor vier Jahren, als Göring-Eckardt eine Konkurrentin gehabt hatte, bekam sie 65,3 Prozent der Stimmen, diesmal waren es ohne Gegenkandidatin 67,7 Prozent. Für Toni Hofreiter waren es damals 80,3 Prozent gewesen, nun 66,1 – er trug es mit Fassung. Man nehme die Ergebnisse "als Ansporn", sagten die beiden tapfer.

Woher die flügelübergreifende Frostigkeit kam, darüber gingen die Interpretationen auseinander. Die Stimmung bei den Realos – so erzählen einzelne Abgeordnete – sei nicht rasend gut gewesen. Die Tatsache, dass es schlicht unmöglich war, dem Umfragenkönig Cem Özdemir einen Platz in der ersten Reihe der Fraktion zu verschaffen, löste verzweifeltes Maulen aus. Eine richtig gute Lösung hatte eben niemand. Um den Frieden zwischen den Flügeln zu wahren, hätten beide nicht mehr antreten dürfen, hieß es. "Vor die Wahl zwischen Cem und Katrin gestellt", sagte ein führender Realo, "hätten wir uns mit großem Abstand für Cem entschieden."

Özdemir sei nicht teamfähig, heißt es

Aber weder Hofreiter noch Göring-Eckardt wollten zurückziehen, traten vielmehr als Duo an. Es war der Parteilinken nicht zuzumuten, ihren Kandidaten Toni Hofreiter zurückzuziehen, um die Führung dann zwei Realos zu überlassen.

Özdemirs in Interviews und Pressestatements verbreitete Deutung lautet, die Fraktion könne eben mit gesellschaftlichem Ansehen, wie er es sich erworben hat, einfach nicht gut umgehen. Das habe ihm intern keine zusätzlichen Sympathien verschafft. Manche sagen, er sei nicht wirklich teamfähig; seine Loyalität gelte Baden-Württemberg und sonst niemandem. Kein Parteivorsitzender habe je so häufig gegen die Fraktionsmehrheit gestimmt wie Özdemir.

Jedenfalls war die Bereitschaft, ihn zu unterstützen, schon deshalb nicht ausgeprägt, weil es eine Zeit lang so ausgesehen hat, als würde auch der Bundesvorstand künftig von zwei Realos – von Hoffnungsträger Robert Habeck und der Abgeordneten Annalena Baerbock – geführt. Alle vier Spitzenposten den Realos zu überlassen – auch wenn es welche sind, die gut und authentisch links blinken können – das war dann doch ein bisschen viel verlangt. Mit der Kandidatur der Linken Anja Piel, der vielleicht kein Sieg, aber doch ein Achtungserfolg zugetraut wird, hat sich die Lage an dieser Front ein wenig beruhigt. 

Antiautoritärer Führungsstil

Unmittelbar nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen erschien das "Weiter so" an der Fraktionsspitze plausibel. Das Wahlergebnis war zwar nicht berauschend gewesen, aber besser als befürchtet. Und es ist eben der antiautoritäre Führungsstil von Hofreiter und Göring-Eckardt gewesen, der vielen Abgeordneten Freiheiten und Profilierungsmöglichkeiten ließ und die Voraussetzung dafür war, dass die Partei noch nie so geeint schien wie in jenen Herbstwochen.

Diese Einigkeit, die Kompromissbereitschaft, Freundlichkeit und das Engagement, für das die beiden stehen, sind auch von den Wählern honoriert worden. Es ist lange her, dass über grüne Kernthemen (eigentlich absurd, dass man Existenzfragen der Menschheit so bezeichnet) so informiert und interessiert gestritten wurde. Bis jetzt noch zehren die Grünen in den Umfragen von diesem Kredit. Sie lagen im Herbst zeitweise bei sechs Prozent und spürten den kalten Windzug des Außerparlamentarischen schon im Nacken – jetzt stehen sie bei zwölf Prozent, oft vor der Lindner-FDP, die es an Kompromissbereitschaft eben nicht mit ihnen aufnehmen konnte.

Aber: Was gestern noch als "antiautoritärer Führungsstil" gut aussah, kann schnell als Unfähigkeit erscheinen, der Partei politische Impulse zu geben, "ins Risiko zu gehen", wie Joschka Fischer das ausdrückte. "Genau das brauchen wir jetzt", sagt der bayerische Abgeordnete Dieter Janecek: "Nicht einfach weitermachen wie gehabt, sondern auch mal den Mut haben, was Kontroverses, Neues anzuzetteln."

Egal ob es zu einer neuen Groko kommt oder nicht – als kleinste Oppositionspartei müssen die Grünen schlicht darum kämpfen, nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. In zwei Jahren wählt die grüne Fraktion neu. Dass die Spitze dann noch einmal so aussehen wird wie heute, gilt als ausgeschlossen.