Nein, von einem Scheitern ist an diesem Wochenende nicht unbedingt auszugehen. Wenn sich die SPD am Sonntag zu ihrem Parteitag in Bonn trifft, um zu entscheiden, ob den Sondierungs- nun auch Koalitionsverhandlungen mit der Union folgen sollen, stehen die Chancen für ein positives Votum gut.

Das Pro-Regierungslager ist groß: Die SPD-Spitze hat in den vergangenen Tagen vehement dafür geworben. Selbst die Parlamentarische Linke, bis zuletzt Gegner der Koalition, ist inzwischen mehrheitlich dafür. Ebenso die Gewerkschaften, die meisten Ministerpräsidenten, Oberbürgermeister, die früheren SPD-Vorsitzenden und zahlreiche europäische Spitzenpolitiker. All deren Appelle werden die 600 Delegierten, die am Sonntagnachmittag entscheiden, nicht völlig ignorieren können. Ebenso wenig die Umfragen: Mehr als zwei Drittel der Deutschen würde es der SPD übel nehmen, wenn sie aus den Verhandlungen jetzt noch aussteigen würde.   

Das NoGroko-Lager ist kleiner, zumindest auf den ersten Blick. Da sind die Jusos. Und die zahlenmäßig eher unbedeutenden Landesverbände Berlin, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die sich, teilweise hauchdünn, gegen weitere Verhandlungen ausgesprochen haben. Was soll da schon schiefgehen? Wie man die SPD kennt, wird sie in Bonn kontrovers diskutieren, immer wieder an die eigene Staatsräson appellieren – und letztlich zustimmen.  

Aber was, wenn nicht?

Schließlich sind SPD-Parteitage nie ganz berechenbar. Und Martin Schulz hat sich seit der Wahlniederlage nicht eben durch Führungsstärke und Überzeugungskraft hervorgetan. Die Stimmung kann kippen. Der Frust, den viele Sozialdemokraten bei der Aussicht auf vier weitere Jahre Juniorpartnerschaft unter Merkel empfinden, ist echt.  

Was dann also? Wenn nach Jamaika auch der zweite Versuch einer Regierungsbildung scheitert? Spätestens dann befände sich die Republik in einer ernsten politischen Krise. Deren Folgen sind noch nicht absehbar, könnten aber die Volksparteien und das gesamte politische System erschüttern.
Sobald der SPD-Parteitag gegen die Groko stimmt, richtet sich alle Aufmerksamkeit auf die Union. Kurz nach dem Ende des SPD-Parteitags treffen sich am Sonntagabend Präsidium und Vorstand der CDU in Berlin, um über die Zukunft Deutschlands zu beraten. Übrig blieben noch zwei Optionen für die Regierungsfindung.

Option 1: Minderheitsregierung

Eine Minderheitsregierung haben beide Parteichefs der Union, Merkel und Seehofer, immer wieder abgelehnt. Für den Fall eines Groko-Scheiterns hat dieses Regierungsformat aber durchaus Fürsprecher in der Union. Denn Merkel könnte so Kanzlerin bleiben. Eine Weile zumindest, um den Übergang zu moderieren und allzu schnelle Neuwahlen zu verhindern. Im Bundestag bräuchte Merkel in einem längerem Wahlprozedere letztlich nur eine relative, keine absolute Mehrheit. Dann könnte sie im Idealfall mit wechselnden Mehrheiten regieren. Das ist mühsam und wäre neu für Deutschland, aber nicht unmöglich. 

Für eine Minderheitsregierung gäbe es drei Möglichkeiten: Die Union könnte mit der FDP oder mit den Grünen koalieren. Oder auch ganz alleine regieren. Ersteres würde aber vermutlich am Partner, Zweiteres an der eigenen Partei scheitern: Aus der FDP gab es zwar in den vergangenen Wochen immer wieder Andeutungen, man habe die Union und das Regieren noch nicht per se aufgegeben. "Scheitert die Groko, haben wir eine andere Lage", sagte beispielsweise Wolfgang Kubicki noch im Herbst. Das gefiel zwar seinem Parteichef Christian Lindner nicht, wohl aber vielen bürgerlichen Traditionswählern, die sich noch immer über das Jamaika-Aus ärgern. Jetzt aber, da es konkret werden könnte, rudert sogar Kubicki zurück: Drei Tage vor dem SPD-Parteitag sprach er sich für Neuwahlen aus, sollte Merkel "ein zweites Mal mit der Regierungsbildung scheitern".

Hätte Merkel noch die Autorität?

Anders sieht es bei den Grünen aus. Die bedauern noch immer aufrichtig, dass die Jamaika-Verhandlungen nicht geklappt haben. Özdemir und seine Parteifreunde hatten sich schon auf die neue Ministerverantwortung eingestellt. Auf die nächsten vier Jahre als Oppositionspartei freut sich niemand. An den Grünen würde eine schwarz-grüne Minderheitsregierung wohl nicht scheitern. Eher an der Union selbst. Dem konservativen Flügel der Partei wäre das schwer zu vermitteln, die sich ohnehin schon formierenden Merkel-Kritiker würden aufbegehren.