Mit Vorschusslorbeeren ist es ja so eine Sache. Allzu großzügig verteilt können sie schnell zum Ballast werden. So gesehen starten Annalena Baerbock und Robert Habeck mit zentnerschweren Rucksäcken in ihr neues Amt als Grünenvorsitzende.

Denn: Selten war ein personeller Neuanfang bei den Grünen mit so viel Sehnsucht und Hoffnung verbunden. Und noch seltener ist er auch medial mit so viel wohlwollender Aufmerksamkeit begleitet worden. Schon geistern hochgestochene Vergleiche mit den Partei-Ikonen Petra Kelly und Joschka Fischer durch die Posts und Blätter. 

Fürs Erste ist das vielleicht ein bisschen viel des Guten. Gewiss: Jedem Anfang wohnt ein ganz eigener Zauber inne. Sind aber im engen Sitzungssaal der Bundesgeschäftsstelle am Morgen die Blumensträuße erst mal übergeben, die Auftaktbilder im Kasten und die Scheinwerfer erloschen, beginnen trotzdem die Mühen der Ebene. Grünenvorsitz – das ist noch immer ein Knochenjob unter extremen Bedingungen gewesen. 

Nicht gerade üppig ausgestattet

Schnell werden auch Baerbock und Habeck merken, dass die Parteizentrale – um es vorsichtig zu sagen – nicht gerade üppig ausgestattet ist. Traditionell halten die Grünen ihren Vorstand kurz. So mancher Kreisverband hat mehr Rücklagen auf dem Konto als die Bundespartei. Bleiben wird auch die Konkurrenz mit der deutlich besser ausgestatteten Fraktionsspitze um das bisschen öffentliche Aufmerksamkeit, das der kleinsten parlamentarischen Oppositionspartei rein rechnerisch zukommt.

Handicaps sind das, die nicht zu unterschätzen sind. Man darf Baerbock und Habeck nach ihren fulminanten Kandidaturen aber getrost zutrauen, dass sie sich davon nicht aufhalten lassen werden. Dafür sprechen schon die pure Lust und Leidenschaft, die Dynamik und Energie, mit der sie seit Jahren Politik machen und sich für ihr neues Amt beworben haben. Das Staatstragend-Sauertöpfische, das vielen die Grünen über die Jahre verleidet und manche Wahlkämpfe schwer belastet hat, es scheint plötzlich wie weggeblasen. Moral geht wieder vor Moralin. Ausgebreitete Arme statt erhobener Zeigefinger. Das kann was werden.  

Zwei Realos beenden endlich radikal die jahrelange Anmutung von der Regierung im Wartestand und die lähmende Flügellogik an der Parteispitze gleich noch mit. Wenn bei den Grünen nun etwas mehr Waterkant und weniger Württemberg, mehr radikale Rhetorik und weniger Kirchentagsmantra anklingt, dürfte das ihr Schaden nicht sein. Allemal wird man sie und ihre Anliegen besser hören und verstehen. Denn Baerbock und Habeck sprechen nicht nur eine sehr klare und verständliche Sprache – sie wissen ausweislich ihrer Bewerbungsreden auch, wie sich das Leben mit Einkünften weit unterhalb der Beitragsbemessungsgrenze anfühlt. Sie kennen nicht nur die urbanen Realitäten, sondern auch die Verhältnisse auf dem Land.