Martin Schulz war mindestens 30 Stunden wach, als er nach dem zermürbenden Sondierungsfinale am Freitag im Fernsehen auftrat. Mit "Leidenschaft" habe seine Partei Erfolge gegen die Union erzielt, sagte er. Daher sei er optimistisch, dass der SPD-Parteitag am 21. Januar seiner Empfehlung folgen werde, nun offizielle Koalitionsverhandlungen mit der Union aufzunehmen. Was werde Martin Schulz machen, wenn es nicht klappe, wurde er gefragt. "Dann ist er traurig", antwortete der SPD-Chef flapsig. Um sogleich zu mahnen: Das wäre ein "weitreichender Vorgang".

Viel Schlaf wird Schulz auch an diesem Wochenende nicht bekommen haben. Zwar ist er öffentlich nicht mehr aufgetreten – doch der innerparteiliche Widerstand gegen die große Koalition hat schnell einige Wucht entfaltet. So stimmte am Samstag der Landesparteitag der SPD in Sachsen-Anhalt gegen eine neue große Koalition und damit gegen Schulz' Kurs.

Die Jungsozialisten rund um den eloquenten Vorsitzenden Kevin Kühnert hatten die Delegierten in Wernigerode davon überzeugt, dass der Union nicht zu trauen sei und dem Sondierungspapier sozialdemokratische Inhalte fehlten. 52 Delegierte stimmten daraufhin gegen weitere Verhandlungen – 51 waren für Koalitionsgespräche. Ein Sieg für die Gegner der großen Koalition, aber kein klarer. Sachsen-Anhalt ist zudem ein kleiner Landesverband, die Genossen werden nur sieben von 600 Delegierten des SPD-Bundesparteitags stellen.

Die zerrissene Partei

Und doch steht Wernigerode sinnbildlich für die Zerrissenheit der gesamten Partei. Der Widerstand gegen eine große Koalition macht den Bundesparteitag am kommenden Sonntag in Bonn zum großen Politikum: Verbietet die SPD-Basis ihrer Führung dort, über eine neue große Koalition auch nur weiter zu verhandeln, dann wären nur noch eine Minderheitsregierung der Union oder Neuwahlen möglich. Und Schulz' Autorität wäre am Ende.

301 Delegierte muss Schulz in Bonn auf seine Seite bringen. Allzu gut ist die Ausgangslage nicht: Schon vor einigen Wochen hatte sich Thüringens Landesverband dezidiert gegen eine große Koalition gestellt. Auch die Bayern-SPD ist mehr als skeptisch: "Ich kann mir vorstellen, dass mindestens 60 Prozent der bayerischen Delegierten gegen die große Koalition stimmen", sagte das Landespräsidiumsmitglied Sebastian Roloff ZEIT ONLINE.

Er ist, wie viele Genossen, enttäuscht von den 28 Seiten Verhandlungsergebnis vom Freitagmorgen. Zwar sind diese gesprenkelt mit SPD-Inhalten, doch das eine, große sozialdemokratische Identifikationsprojekt fehlt. Viele Kritiker sind außerdem wütend über die halbe Flüchtlingsobergrenze, über das Fehlen von Steuererhöhungen für Reiche und die Tatsache, dass eine Abschaffung der privaten Krankenversicherung noch nicht mal ernsthaft verhandelt wurde.

Adjutant statt Meinungsführer

Wichtiger als Inhalte ist für viele aber fast noch folgende Beobachtung: Der SPD-Chef vergaß in der Pressekonferenz nach der Verhandlungsnacht, seine eigenen Erfolge in den Vordergrund zu stellen. Und dann wurde Schulz von der Kanzlerin auch noch dafür gelobt, dass er in den schwierigen Gesprächen stets für ein gutes Klima unter den Mitarbeitern gesorgt habe. Klingt nicht nach Meinungsführer SPD, eher nach der Adjutantenrolle.

Warum, so ist zu hören, solle die SPD eigentlich nun wieder "der letzte Rettungsanker" für Angela Merkel sein? Vielleicht könne Schulz es einfach nicht, sagen mehrere Genossen und verweisen auf die 180-Grad-Wende des Parteichefs. Erst eine große Koalition ausschließen, um dann vielleicht treuer Minister unter Merkel zu werden. Das sei mehr als fatal für die Glaubwürdigkeit der Partei.

In der SPD-Spitze geht man davon aus, dass mindestens 20, vielleicht auch 30 Prozent der Parteitagsdelegierten nicht mehr von ihrem Nein abzubringen sind. Daher will sie sich in den kommenden Tagen auf die Unentschiedenen konzentrieren, die zwischen Enttäuschung und staatspolitischer Verantwortung wanken.

Sondierungsergebnisse - »Ich gebe der großen Koalition eine 55-Prozent-Chance« © Foto: Ana-Marija Bilandzija

Die neuen roten Linien

Vor diesem Hintergrund sind auch die Forderungen verschiedener SPD-Spitzenpolitiker nach neuen roten Linien für spätere Koalitionsverhandlungen zu verstehen. Der Linke und Parteivize Ralf Stegner zum Beispiel sagte der Welt am Sonntag, er wolle, dass der SPD-Parteitag sich für Koalitionsverhandlungen mit der Union ausspreche. In diesen Verhandlungen müsse die Union dann aber die Abschaffung von befristeten Arbeitsverträgen und weitere Härtefallregelungen für den Familiennachzug für Flüchtlinge mittragen, sonst würde die Regierungsbildung scheitern. Auch der hessische Landesverband beschloss am Wochenende, dass man Änderungen am bisherigen Verhandlungsergebnis fordern werde. Bis Mitte der Woche will man sich dort saftige Forderungen überlegen.

Auf dem Parteitag würde es dann so ablaufen: Die SPD beschließt einen Aufruf zu Nachverhandlungen in konkreten Punkten, die unabdingbar für eine große Koalition sind. Danach, so die Hoffnung, würden auch einige Zweifler mit der Parteiführung stimmen und so der Weg frei für Koalitionsgespräche sein. In diesen könnte Schulz dann stets damit drohen, seine Partei werde aussteigen, sollten die neuen roten Linien nicht erfüllt werden. Denn ganz am Ende dürfen ja noch mal die 400.000 SPD-Mitglieder über den Koalitionsvertrag befinden.