Die Zeiten der Balkon-Schäkerei sind vorbei. Am Sonntagmorgen drückten sich Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz für die Fotografen nur kurz die Hand und verschwanden dann in der SPD-Parteizentrale. Dort gibt es viele Brandschutztüren, aber keinen prunkvollen Balkon: Bei ihrem ersten offiziellen Sondierungsgespräch hielten sich Union und SPD an den Plan, alles anders zu machen als noch bei den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen im Herbst.

Während damals die Verhandlungen zwischen Union, FDP und Grünen nach allgemeiner Ansicht in Interviews und Talkshow-Auftritten zerredet  wurden, wurde nun so etwas wie eine Nachrichtensperre verhängt: Zehn Stunden lang saßen SPD und Union unter dem Mantra absoluter Diskretion zusammen. Sogar die Scheiben der oberen Stockwerke des Willy-Brandt-Hauses waren mit Folie abgeklebt, damit die Unterhändler nicht fotografiert werden konnten.

Außerdem verständigten sich die 39 Verhandler auf ein Interviewverbot. Was dazu führte, dass manch ein führender SPDler am Abend regelrecht vor den Journalisten und Kameras davonlief, die in der Winterkälte vor dem Willy-Brandt-Haus ausgeharrt hatten. Auch Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) versuchte, unbemerkt in die Berliner Nacht davonzuradeln. "Es war sehr konstruktiv", rief er  und sauste davon.

Nur SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil durfte mit den Journalisten reden, so hatten es die drei Parteichefs von Union und SPD ausgehandelt. Auch er blieb am Abend kryptisch: Die 15 Arbeitsgruppen seien an manchen Stellen "weit vorangekommen", an anderen weniger gut. Wo, das könne er nicht sagen. Laut Plan sollen die Fachpolitiker von Union und SPD  bis Dienstag Einzelthemen wie die innere Sicherheit oder Gesundheitspolitik für eine abschließende Entscheidung durch die Partei- und Fraktionschefs vorbereitet haben.

Klingbeil betonte auch, dass sich alle Politiker der "besonderen Situation" bewusst seien, schließlich ist Deutschland seit drei Monaten ohne Regierung und die Idee einer neuen großen Koalition begeistert viele Bürger nicht gerade. Angesichts des Wahlergebnisses könne es ein "Weiter so" nicht geben, daher wollten die potenziellen Koalitionäre auch über einen "neuen Stil" verhandeln, betonte Klingbeil. Was genau das bedeutet, blieb zunächst offen.

Drei weitere Erkenntnisse des ersten Verhandlungstags:

1. Pflicht zum Gelingen

Vor allem die engste Parteiführung von Union und SPD will eine große Koalition. Ein erneutes Scheitern der Regierungsbildung sei den Menschen kaum zu vermitteln, heißt es. Merkel sprach bei ihrem Eingangsstatement am Sonntag von "gewaltigen Aufgaben, die vor uns liegen", zum Beispiel die "außenpolitischen Herausforderungen" und dem "Zusammenhalt in der Gesellschaft".

Während die Kanzlerin noch vorsichtig formulierte ("Ich glaube, es kann gelingen"),wurde CSU-Chef Horst Seehofer deutlicher. "Ich weiß, dass wir uns verständigen müssen", sagte er gleich zweimal in seinem Auftaktstatement.

Merkel und Seehofer eint, dass ihre politische Zukunft mit einem Gelingen der Gespräche verbunden ist. In einer Minderheitsregierung könnte die Kanzlerin weiter geschwächt werden. Und Seehofer hat nach dem verlorenen Machtkampf gegen seinen Rivalen Markus Söder in Bayern nur eine Möglichkeit, seine Karriere fortzuführen: Minister in Berlin zu werden.

Auch andere CDU-Politiker hoffen auf ein Gelingen der großen Koalition. "Industriepolitisch" werde es mit den Genossen bei den Verhandlungen schon mal sehr viel einfacher werden als noch mit den Grünen, freute sich am Sonntag zum Beispiel schon mal NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Die Jamaika-Parteien hatten zum Beispiel vehement über den Kohlausstieg gestritten.

2. Auch die SPD-Spitze verhandelt nicht ergebnisoffen

SPD-Chef Martin Schulz betonte am Sonntag zwar nochmal, seine Partei spreche "ergebnisoffen" mit der Union. Wenn es nach der SPD geht, werden im Moment Kompromisse ausgehandelt und am Donnerstag entscheide man, ob diese inhaltlichen Linien für eine große Koalition reichten – oder man eben doch über eine Minderheitsregierung reden müsse.

Allerdings gab Fraktionschefin Andrea Nahles vor dem verhängten Sprechverbot noch schnell ein Zeitungsinterview, in dem sie überraschend klare Versöhnungssignale an die Union schickte: Auch der SPD sei die "innere Sicherheit" ein Herzensthema und bei der von der CSU geforderten verpflichtenden Altersfeststellung für Flüchtlinge könne man sich sicher auf ein "Verfahren einigen". 100 Prozent ihrer Inhalte werde die SPD sicher nicht durchsetzen können, sagte Nahles noch. Auch Parteichef Schulz betonte, es gebe keine roten Linien.

Schulz und Nahles gelten als Befürworter einer neuen großen Koalition und sie halten mit ihrer Überzeugung immer weniger hinter dem Berg – sollten die Inhalte stimmen, glauben beide, dass die schwächelnde SPD nach dem Hin und Her der vergangenen Wochen in Regierungsverantwortung gesunden kann.

Aber natürlich ist die Zahl der Skeptiker in der SPD nicht kleiner geworden. Ziemlich viele Interviews gibt derzeit die bayerische SPD-Politikerin Natascha Kohnen, die seit Dezember auch stellvertretende Parteichefin ist. Sie und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer werben für eine von der SPD tolerierte Minderheitsregierung der Union. Diese Option käme allerdings wohl erst auf die Tagesordnung, wenn die Sondierungsgespräche über eine große Koalition in der Nacht von Donnerstag auf Freitag scheitern. 

Und es gibt noch ein Problem: Die SPD braucht ein großes Eingeständnis von der Union in Sachen sozialer Gerechtigkeit und Europa, um über ihren Parteitag am 21. Januar zu kommen. Worin dieses Eingeständnis bestehen soll, ist bisher nicht klar. Eine Bürgerversicherung, also die Abschaffung der privaten Krankenversicherung, hatten führende Politiker wie Nahles zuletzt ebenfalls nicht mehr gefordert, sondern allgemeiner von einer Besserstellung der gesetzlich Krankenversicherten gesprochen.

Auch Sigmar Gabriel war zum Auftakt der Gespräche wieder Thema, dabei darf er gar nicht mitverhandeln. Doch eine Riege ehemaliger SPD-Granden appelierte in der Welt am Sonntag, Sigmar Gabriel müsse Außenminister bleiben. Sie gehen offenbar davon aus, dass die große Koalition kommt.

In der aktuellen SPD-Spitze gibt es einige, die sagen, dass sie Gabriel keinesfalls in einem neuen Kabinett sehen wollen. Auch Martin Schulz werden Ambitionen auf das Außenamt nachgesagt. Erste Machtkämpfe haben also begonnen – so viel zum Thema "ergebnisoffen".

3. Sicher ist nix

Die Sondierungen sind dieses Mal extrem straff organisiert. Die Parteichefs sind eng eingebunden, dürfen dem Vernehmen nach sogar über die Tagesordnung der Arbeitsgruppen entscheiden. So sollen Abweichler in den eigenen Reihen diszipliniert und die Gespräche bis Donnerstag beendet werden.

Dass am Sonntag allgemein ein vorsichtiger Optimismus überwog, muss noch nichts heißen: Verhandlungen werden vor allem gegen Ende schwierig, nämlich dann, wenn eine der drei Parteien das Gefühl bekommt, zu kurz zu kommen – oder wenn Fachpolitiker persönliche Niederlagen erleiden. Auch der Zeitdruck, unter dem die potenziellen Koalitionäre stehen, wird den Stress der Verhandler erhöhen. Gut möglich, dass es dann doch anonyme Klagen, vielleicht sogar Interviews gibt.

Alexander Dobrindt zum Beispiel, Vorsitzender der CSU-Bundestagsabgeordneten, ist immer für eine launige Äußerung zu haben. Er will eine "konservative Revolution" in Deutschland, der die große Koalition wohl eher entgegenstehen würde. Auch das CDU-Talent Jens Spahn wartet auf die Zeit nach Merkel. Allerdings dürften diejenigen, die noch Karriere machen wollen, auch den Fall Christian Lindner studiert haben – der FDP-Chef kämpft seit dem Platzenlassen der Jamaika-Verhandlungen mit sinkenden Beliebtheitswerten.

In der SPD könnte ebenfalls manch ein Gegner einer großen Koalition ein Interesse daran haben, erste Ergebnisse der Verhandlungen zu streuen, sollten Genossen seiner oder ihrer Meinung nach der Union zu sehr entgegenkommen. Schließlich könnte die SPD-Basis auf dem Parteitag am 21. Januar Koalitionsverhandlungen über eine große Koalition ablehnen – selbst wenn Schulz und Nahles dafür plädieren.

Und so zeigt die Nachrichtensperre auch eines: Das Vertrauen von Union und SPD ist offenbar so angeknackst, dass sie fürchten, der kleinste Zwischenton könnte die Verhandlungen gefährden.

Ob die große Koalition kommt, wird Markus Söder am Sonntagmorgen von einem Journalisten gefragt. Söder, der parteiinterne Gegner von Horst Seehofer, der im Herbst in München Ministerpräsident werden und die AfD bei der Landtagswahl kleinhalten will. "Mal schauen", antwortet er. Ein dem ZDF bereits zugesagtes Interview sagte Söder am Sonntag ab. Noch bleibt es ruhig.