Eine Bundesregierung basierend auf einer großen Koalition ist in Deutschland zurzeit nicht so beliebt, für viele Bundesbürger ist sie ein verbrauchtes Modell. Dass sie nun wohl doch zustande kommt, hat viel mit der Sorge um den Zustand Europas zu tun. Die Schuldenkrise, der Brexit und der Streit um die Zuwanderung sind dabei noch die auffälligsten Symptome einer Krise, deren Dimension in Brüssel so bislang unbekannt gewesen ist. Deswegen sei die Einigung bei der Sondierung von Union und SPD eine große Nachricht, kommentiert die liberale spanische Zeitung La Vanguardia: "Die Notwendigkeit, dass die deutsche Lokomotive das europäische Gemeinschaftsprojekt weiterhin vorwärts zieht, ist offensichtlich."

Der SPD-Vorsitzende und Europapolitiker Martin Schulz hat bei der Einigung die Union erfolgreich zu höheren Beiträgen Deutschlands an die EU gedrängt. Bei der nordfranzösischen Zeitung La Voix du Nord freut man sich daher über den Einfluss der Sozialdemokraten und dass Frankreichs Präsident Emmanuel Macron endlich nicht mehr allein ist: "Macron will nicht nur vermeiden, dass Europa sich auflöst, ihm liegt daran, dass es stärker wird, vor allem die Eurozone. Die SPD ist in diesem Ehrgeiz seine Verbündete."

Der belgische Standard meint, es zeichneten sich nun Rahmenbedingungen ab, "unter denen es wieder möglich wird, an der Vertiefung der europäischen Integration zu arbeiten". Die italienische Tageszeitung Corriere della Sera lobt in diesem Zusammenhang die "Vertrauenswürdigkeit einer politischen Klasse, die ganz genau weiß, wo ihre Verantwortlichkeiten gegenüber den Wählern liegen". Damit sind in erster Linie die verhandelnden Politiker von CDU/CSU und SPD gemeint. Sie hätten die zu lange Abwesenheit Deutschlands vom gemeinsamen Gespräch beendet, "die Brüssel in diesen Monaten beunruhigt und teils wichtige Entscheidungen blockiert hat".

"Argumente für die AfD"

Die in diesen Kommentaren herbeigesehnte Vertiefung der EU findet aber nicht überall geteilte Zustimmung. Beim Amsterdamer de Volkskrant aus den Niederlanden zum Beispiel hält man sie für ein Problem. Viele Christdemokraten seien unglücklich mit einer weiteren Integration der EU, denn die "AfD, die drittgrößte Partei im Bundestag, dürfte daraus Argumente für eine kräftige Oppositionspolitik gewinnen". Diese neue große Koalition wäre "zerbrechlicher als alle bisherigen in der Ära Merkel seit 2005".

Skeptisch sind aber nicht nur die Niederländer. Die Briten – Konservative wie Linke – misstrauen vor allem der SPD. Ob ihre Skepsis aus den Erfahrungen mit Labour herrührt? Die politisch konservative und eher euroskeptische Londoner Times verweist darauf, dass das "politische Schicksal" der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel jetzt ja "von Mitgliedern Deutschlands großer Mitte-links-Partei entschieden wird". Auch beim linksliberalen Guardian ist man sich nicht sicher, ob die SPD-Basis sich im Sondierungsdokument soweit berücksichtigt sieht, als dass sie ihre Abneigung überwindet, "zum dritten Mal Juniorpartner einer von Merkel geführten Koalition zu sein".

Fern von jeder Skepsis kommentiert man im Schweizer Tages-Anzeiger – dort hält man eigentlich gar nichts von der Neuauflage einer großen Koalition. Sie gäbe "ziemlich kleine Antworten auf ziemlich große Probleme. Vieles sieht eher nach 'Weiter so, mit Retuschen' als nach einem Aufbruch aus", es sei nicht mehr als ein "Notbündnis".

Ein wesentlicher Grund für den schweizerischen Pessimismus ist das nach deren Sicht veraltete Personal: Diese Notbündnis würde "von jenen Veteranen angeführt (...), die aus der Ära Merkel halt noch übrig blieben – Kanzlerin inklusive". Wie unterschiedlich aber genau dieser Aspekt bewertet wird, zeigt sich in einem Sondierungskommentar beim US-Nachrichtendienst Bloomberg: All jene, die Merkel abgeschrieben haben, hätten sich mal wieder getäuscht. Die "magische" Fähigkeit der Kanzlerin, Kompromisse abzuschließen, sei ihr nicht verloren gegangen. Ginge mit der SPD-Basis am Freitag alles gut, werde sie ihre neue Amtszeit wahrscheinlich souverän durchziehen.