Große Koalition - Gespräche dauern an Die Sondierungen der Spitzen von CDU, CSU und SPD dauern nun länger als 24 Stunden. Bislang ist völlig offen, ob man sich auf die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen einigen kann. © Foto: Michael Sohn / AP Photo

23 Stunden Verhandlungsmarathon, das kennt selbst Kanzlerin Angela Merkel aus langen EU-Nächten nicht. Die entscheidende Sondierungsrunde von Union und SPD bricht Rekorde. Gemeinsam mit den Chefs von SPD und CSU, Martin Schulz und Horst Seehofer, und den Fraktionschefs harrt die Kanzlerin am Freitagmorgen weiter in der Parteizentrale der SPD aus, um eine Antwort auf die Frage zu finden: Reichen die Gemeinsamkeiten für offizielle Verhandlungen über eine neue große Koalition – oder eben nicht? Ein Scheitern schien jederzeit möglich.  Um kurz vor 9 Uhr einigten sich Partei- und Fraktionschefs auf ein erstes Ergebnispapier. Aber auch das ist noch nicht defintiv. Es  wird derzeit getrennt in den großen Sondierungsgruppen von Union und SPD diskutiert - kleinere Änderungen vorbehalten.

Seit Donnerstag, zehn Uhr, haben die Spitzen von Union und SPD abwechselnd mit den Fachpolitikern der Parteien zu den Streitpunkten getagt – von "großen Brocken", die verblieben seien, sprachen Merkel und Schulz fast wortgleich, als sie an der SPD-Parteizentrale eintrafen. Drinnen ging es zunächst um Finanzen, später um Europa, dann um die Flüchtlingspolitik und dann noch mal um die Finanzierung der Ideen zur Steuer- und Gesundheitspolitik. 45 Milliarden sei der Finanzspielraum für die neue Legislaturperiode, aber die Ideen von Union und SPD sollen fast doppelt so teuer sein, hieß es. Also wurde ums Geld gestritten und damit um die von jeder Seite angestrebten Vorhaben gleich mit.

Allen Sondierern war klar: Vor allem die Sozialdemokraten brauchen einen großen Verhandlungserfolg, um die innerparteilich umstrittenen Koalitionsverhandlungen zu rechtfertigen. Die SPD will mehr Europa, höhere Steuern für Spitzenverdiener und eine Bürgerversicherung – all das ist vor allem für die CSU kaum tragbar. Aber Sonntag in einer Woche treffen sich die SPD-Delegierten zum Parteitag in Bonn, und dieser könnte der eigenen Parteiführung noch verbieten, weiter mit der Union zu sprechen. Juso-Chef Kevin Kühnert, der schon beim jüngsten Parteitag der SPD im Dezember mit feurigen Reden begeisterte ("wir können nicht immer gegen die gleiche Wand laufen"), will von Samstag an durch Deutschland touren, um bei den Vorbereitungstreffen der Delegierten der verschiedenen Landesverbände Zweifel an der großen Koalition zu verbreiten.

"Frische Luft schnappen"

Die Verhandlungen im Willy-Brandt-Haus stockten. Immer wieder wurde nur unter den Chefs verhandelt, dann zogen sich die einzelnen Parteien zur Beratung zurück. Gegen Mitternacht brachen einige Verhandler zu einem Spaziergang auf. Der amtierende Bundesinnenminister Thomas de Maizière ging "frische Luft schnappen", Julia Klöckner auch, gemeinsam mit Ursula von der Leyen (alle CDU) und Dorothee Bär (CSU). "Wir kommen wieder", rufen sie. Gegen halb drei machte ein Wetterbericht die Runde: Ab acht Uhr morgens werde es in Berlin schneien, sagte ein Pressesprecher. Bis spätestens dahin wolle man fertig sein. Doch als es pünktlich um acht Uhr anfing zu schneeregnen, war noch kein Konsens gefunden.

In der Winterkälte vor dem Willy-Brandt-Haus hatten Genossen aus dem SPD-Bürgerbüro Berlin-Kreuzberg die wartenden Journalisten mit Kaffee und Keksen versorgt. "Champagner gibt es erst, wenn die Verhandlungen scheitern", scherzte einer weit nach Mitternacht.

Die Kohlekumpel waren da schon nicht mehr da. Seit Monaten taucht ein gutes Dutzend Demonstranten aus der Lausitz vor sämtlichen Parteizentralen auf, um gegen einen Kohleausstieg zu protestieren. Auch am letzten Tag der Sondierungen zur großen Koalition waren sie vor Ort. Aber diesmal hatten sie Gesellschaft: Auf der anderen Seite des Willy-Brandt-Hauses hat Greenpeace einen Schaufelradbagger aus Pappe aufgebaut. "Das Klima verhandelt nicht – Kohleausstieg jetzt", steht auf ihrem Transparent. Im Laufe der Verhandlungen war bekannt geworden, dass Union und SPD nicht mehr damit rechnen, dass die Klimaschutzpläne bis 2020 einzuhalten sind. Ein Zwischenstand, wie es prompt hieß, der weder Kohlegegner noch -befürworter zufriedenstellt.

Gegessen wurde klassisch proletarisch

Aus den Verhandlungen drang, anders als noch bei den Jamaika-Gesprächen, außer kryptischen Wasserstandsmeldungen beinahe nichts nach außen. Gegessen wurde klassisch proletarisch: Die Currywurst schmecke gut, teilte irgendwann Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) auf Twitter mit. Und der kommissarische Finanzminister Peter Altmaier (CDU) ließ Stunden später wissen: Jede neue Currywurst schmecke noch besser.

Im Café lauschten die versammelten Journalisten derweil einem Hit von Meat Loaf, der im Radio lief: "I won't do that". Ich werde das nicht tun. Gilt das auch für die große Koalition? Am frühen Morgen war das immer noch unklar. Und so langsam fragten sich die Beobachter, ob Merkel, Schulz und CSU-Chef Horst Seehofer nach so vielen Stunden eigentlich noch zu einer klaren Entscheidung fähig sein könnten. Zwischen vier und fünf Uhr morgens verließen einzelne CSU-Politiker das Willy-Brandt-Haus kommentarlos. "Dauert noch", sagte der CSU-Innenexperte Stephan Mayer im Vorbeigehen. Er werde nicht mehr gebraucht.

SPD-Vize Ralf Stegner verabschiedete seine christsozialen Mitsondierer via Twitter mit einem "Morgengruß nach Bayern": Er postete das Video der Toten Hosen mit ihrem Song Halbstark.

Auch eine Schrecksekunde hatte dieser Mammuttag bereitgehalten: Am frühen Donnerstagmorgen gegen halb fünf war der Dienstwagen mit CDU-Verhandlerin Annegret Kramp-Karrenbauer auf der Autobahn bei Potsdam auf einen Lastwagen aufgefahren, die saarländische Ministerpräsidentin verletzte sich offenbar nur leicht, musste aber zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Kramp-Karrenbauer hatte am Vorabend einen Neujahrsempfang in Saarbrücken geleitet, musste dann noch die sieben Stunden nach Berlin fahren, weil es nach der Air-Berlin-Pleite derzeit keine Frühflieger von der Grenzregion zu Frankreich nach Berlin gibt. Auch diese Szene zeigt, wie sehr die Politiker durch die kurze Sondierungsfrist von nur fünf Tagen, die sie sich selbst gesetzt hatten, gefordert waren.