Die CDU lehnt die von SPD-Politikern geforderten Nachbesserungen am Ergebnis der Sondierungsgespräche ab. "Wer dem Sondierungspapier zugestimmt hat, aber nun nachverhandeln will, war wohl nur körperlich bei den Sondierungsverhandlungen anwesend", twitterte die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner. Das mache keinen guten Eindruck. "Wir setzen auf Verlässlichkeit", ergänzte sie. "Alles wurde im Paket verhandelt, kein Rosinenpicken bitte!"

Ähnlich äußerte sich ihr Kollege im CDU-Präsidium, Thomas Strobl. "Union und SPD waren in ernsthaften Gesprächen und nicht beim Ringelpiez mit Anfassen", sagte der baden-württembergische Innenminister dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. "Was wir miteinander vereinbart haben, gilt. Alles andere ist unseriös." Die Union sei strikt dagegen, einzelne inhaltliche Punkte noch einmal aufzumachen. "Das Sondierungspapier ist die Grundlage für alle weiteren Gespräche", sagte Strobl. "Grundlegende Dinge, die da nicht drinstehen, kommen auch nicht in einen Koalitionsvertrag", fügte er hinzu und nannte als Beispiel die Einführung einer Bürgerversicherung.

Auch der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Karl-Josef Laumann, appellierte an die SPD, die Sondierungsergebnisse als Erfolg auch für ihre eigene Klientel zu begreifen und sich ihrer Umsetzung nicht zu verweigern. "Die Folge wäre Stillstand in Deutschland, auch in der Sozialpolitik", sagte Laumann dem Tagesspiegel. Das Land nehme Schaden, wenn Politik nicht mehr in der Lage sei, Kompromisse zu schließen.

CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn sagte im ARD-"Bericht aus Berlin": "Wir lassen jetzt die SPD den Diskussionsprozess führen". Zugleich wies er darauf hin, dass es dazugehöre, das Sondierungsergebnis nach tagelangen Verhandlungen nun auch gemeinsam zu "verkaufen". Die SPD sollte "nicht den alten Fehler machen, immer eine Defizitfokussierung zu haben" und zu fragen, was noch fehle. Stattdessen sollten die Sozialdemokraten "ein bisschen mehr über das reden, was wir gemeinsam erreicht haben und erreichen können", sagte Spahn. Mit Blick etwa auf die Integration sagte er, es sei klar, dass während der Sondierungen noch nicht über alle Themen gesprochen worden sei.

Dobrindt spricht von "Zwergenaufstand"

Zuvor hatten führende Politiker der CSU die SPD kritisiert. Bayerns designierter Ministerpräsident Markus Söder sagte der Bild am Sonntag, er lehne weitere Zugeständnisse in den Koalitionsverhandlungen ab. Es gelte die einstimmig beschlossene Sondierungsvereinbarung, bei der auch die SPD viel erreicht habe.

Den Gegnern einer großen Koalition in der SPD warf Söder vor: "Sie schmoren offenkundig lieber im eigenen Saft, anstatt sich um die Anliegen der Menschen zu kümmern. Es mag sein, dass einige Funktionäre im Elfenbeinturm sich mehr Ideologie gewünscht hätten, aber der frühere klassische SPD-Wähler kann mit dem Ergebnis zufrieden sein", sagte er.

CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt forderte die Sozialdemokraten zur Geschlossenheit auf. Parteichef Martin Schulz solle die interne Kritik in der SPD beenden, sagte er der Bild am Sonntag. Schulz müsse jetzt zeigen, "dass die SPD ein ver­läss­li­cher Ko­ali­ti­ons­part­ner sein kann und er den Zwer­gen­auf­stand in Griff be­kommt".

Skepsis in Sachsen-Anhalt, Berlin und Hessen

Zuvor hatte die SPD von Sachsen-Anhalt auf einem Landesparteitag mit knapper Mehrheit einen Beschluss verabschiedet, in dem die Bildung einer erneuten großen Koalition im Bund abgelehnt wird. Wörtlich hieß es darin: "Die SPD Sachsen-Anhalt spricht sich, insbesondere unter Berücksichtigung der ersten Ergebnisse der Sondierungen mit CDU und CSU, gegen eine erneute große Koalition aus." Der Antrag der Jusos und fünf weiterer parteiinterner Arbeitsgruppen war bei vier Enthaltungen mit 52 zu 51 Stimmen angenommen worden.

Auch aus anderen SPD-Landesverbänden wurde Kritik an den Sondierungsergebnissen laut. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) sagte dem Tagesspiegel, er sehe eine Wiederauflage der großen Koalition "sehr kritisch". "Es gab ein klares Wählervotum, beiden Koalitionspartnern gegenüber. Dieselbe Koalition mit derselben Politik ist darauf keine adäquate Antwort. Eine Fortführung ohne entscheidende Veränderungen überzeugt mich deshalb noch nicht", sagte der amtierende Bundesratspräsident der Zeitung. Auch Neuwahlen schloss er demnach "über kurz oder lang" nicht aus.

Am Freitag hatte sich der Berliner noch "vorsichtig optimistisch" zu den Sondierungen geäußert. Der Wille zur Erneuerung und Veränderung sei in dem Ergebnispapier erkennbar, teilte Müller laut rbb mit. Bei der Abstimmung im Vorstand der SPD, dem Müller angehört, stimmte er außerdem für Koalitionsverhandlungen.

Aus Hessen wurde bekannt, dass auch der dortige SPD-Landesverband auf Nachbesserungen bei den Ergebnissen dringt. Der Landesparteirat beauftragte den Landesvorstand, bis Mitte kommender Woche klarzumachen, wo genau nachgearbeitet werden soll.

Der Bundesvorsitzende der Jusos, Kevin Kühnert, will auf einer "No-Groko-Tour" bei einzelnen Landesverbänden für eine Ablehnung der Sondierungsergebnisse werben.

Schulz: "Kann die Skeptiker verstehen"

Führende Sozialdemokraten warben derweil für eine Zustimmung zu einer neuen großen Koalition. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer sagte, manchmal könnten auch "Zweckgemeinschaften ganz gute Arbeit leisten". In der ARD-Sendung Bericht aus Berlin wies sie allerdings die Kritik vom potenziellen Koalitionspartner zurück. Dass aus der zweiten Reihe auf unsägliche Art und Weise gegen die SPD geschossen werde und von Zwergenaufstand die Rede sei, zeige, "dass entweder die zweite Reihe nicht verstanden hat, in welcher Situation sie sich gerade befindet, die CDU/CSU, oder dass sie tatsächlich das Sondierungsergebnis kippen möchte, um die eigene Führung bloßzustellen".

Dreyers Amtskollegin aus Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, sagte dem NDR, die Bürger erwarteten, dass endlich eine Regierung zustande komme. Der geschäftsführende Außenminister und Ex-Parteichef Sigmar Gabriel hatte auf dem Parteitag in Sachsen-Anhalt ebenfalls um Zustimmung geworben.

SPD-Chef Martin Schulz äußerte indes auch Verständnis für die Groko-Kritiker. "Ich kann die Skeptiker in unseren Reihen gut verstehen, ich selbst habe große Zweifel angemeldet und war wie die allermeisten von einer Jamaika-Koalition ausgegangen", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "So wie ich selbst werden die Delegierten auf dem SPD-Parteitag nur durch Inhalte zu überzeugen sein." Als wichtigste Erfolge seiner Partei nannte Schulz neben der Europapolitik die Festschreibung des Rentenniveaus auf 48 Prozent, die Rückkehr zur paritätischen Finanzierung der Krankenversicherung, Investitionen und die Aufhebung des Kooperationsverbots von Bund und Kommunen bei der Bildung.

Die Sozialdemokraten wollen abschließend am 21. Januar auf einem bundesweiten Sonderparteitag in Bonn über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU entscheiden.