Belgien - Atomausstieg verschoben An der deutsch-belgischen Grenze stehen drei der sieben Atomkraftwerke Belgiens. Darüber, ob und wann sie abgeschaltet werden sollen, streiten Politiker und Wissenschaftler. Eine Videoreportage © Foto: Emmanuel Dunand / Getty Images

Die Niederlande, Belgien und Deutschland sind auf ein Reaktorunglück im belgischen Kernkraftwerk Tihange möglicherweise nicht gut vorbereitet. Dies ist das Ergebnis einer Studie des niederländischen Untersuchungsrats für Sicherheit, die in Den Haag vorgestellt wurde. Demnach müssen die drei Länder ihre Katastrophenpläne besser abstimmen und die Bürger besser informieren.

Studie: Schlechte Zusammenarbeit im Katastrophenfall

"Der Untersuchungsrat stellt fest, dass die Zusammenarbeit auf Papier zum Teil geregelt ist, aber wahrscheinlich nicht gut verlaufen wird, wenn tatsächlich ein Nuklearunglück geschieht", sagte der Vorsitzende des Untersuchungsrates Tjibbe Joustra. Anlass der Studie sind schwere Sicherheitsmängel bei den zwei belgischen Kernkraftwerken Tihange und Doel.

"Die Studie spricht uns aus dem Herzen", sagte ein Sprecher der Städteregion Aachen in einer ersten Reaktion. Laut ihm müsse es mehr gemeinsame Katastrophenübungen geben. Schon seit längerem fordert die Region Aachen eine Anpassung der Katastrophenschutzpläne. So würden sich bei einem atomaren Unfall in Belgien die Menschen nach Osten, Richtung Deutschland in Sicherheit bringen. "Die Kurzschlussreaktion bei vielen Menschen ist ja: Ins Auto setzen und losfahren. Die kommen ja bei uns an. Und das ist bisher in den Katastrophenschutzplänen nicht berücksichtigt", sagte Helmut Etschenberg, Chef der Aachener Städteregion. Auf Drängen der Region wurden vom Land schon vorsorglich Jodtabletten an alle Aachener verteilt.

"Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Unfalls bei einem Atomkraftwerk ist gering", heißt es in dem Bericht des Untersuchungsrates, obwohl die Sicherheit der Kraftwerke selbst gar nicht untersucht worden war. So sagte der Vorsitzende Joustra: "Das internationale System von Kontrolle und Aufsicht funktioniert sehr gut".

Allerdings wird die Sicherheit der grenznahen belgischen Atomkraftwerke schon seit längerem bezweifelt. So seien in den Reaktordruckbehältern feine Risse entdeckt worden und es komme immer wieder zu Pannen. Darauf haben wissenschaftliche Studien verwiesen, sagte Jos Gulikers, der Vorsitzende der Aktionsgruppe Stop Tihange in Reaktion auf den Bericht des Untersuchungsrats.

Deutliche Häufung von Precursor-Fällen

Recherchen von WDR-Hörfunk und dem ARD-Magazin Monitor haben nun eine deutliche Häufung sogenannter Precursor-Fälle (Vorboten) im Reaktor Tihange-1 gezeigt. Hierbei handelt es sich um einen Zwischenfall in einem Atomkraftwerk, der unter bestimmten Voraussetzungen zu schweren Schäden am Reaktorkern bis hin zur Kernschmelze führen kann.

Den Redaktionen liege ein entsprechendes Schreiben der belgischen Atomaufsicht (FANC) vor. Demnach gab es in den Jahren 2013 bis 2015 insgesamt acht solcher Ereignisse in Tihange-1 – das ist mehr als die Hälfte aller Precursor-Fälle in ganz Belgien. Allerdings sind diese Precursor-Analysen laut der FANC nicht geeignet, Rückschlüsse auf den Sicherheitszustand einzelner Reaktoren zu ziehen. Man könne "garantieren, dass der Betreiber und die FANC die Sicherheit dieses Reaktors gewährleisten", erklärte die Behörde gegenüber dem WDR-Hörfunk und Monitor.

Bisher waren wegen Haarrissen in den Reaktordruckbehältern vor allem Tihange-2 und Doel-3 von deutscher Seite als Sicherheitsrisiko eingeschätzt worden. Sowohl die Bundesregierung als auch die NRW-Landesregierung haben wiederholt die Stilllegung dieser Reaktoren gefordert. Dass auch Tihange-1 ein Sicherheitsrisiko ist, war dem Bundesumweltministerium auf Nachfrage von WDR und ARD nicht bekannt. So hieß es, dass "nur der zuständigen [belgischen] Atomaufsicht alle notwendigen Unterlagen vorliegen, um die Sicherheit eines AKW bewerten zu können."

"Bundesregierung vernachlässigt den Schutz der Bevölkerung"

Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, kritisiert nun das Verhalten der Bundesregierung. "Wenn die Bundesregierung die notwendigen Informationen nicht einholt, (...) dann vernachlässigt sie tatsächlich den Schutz der Bevölkerung", sagte sie WDR und ARD forderte neben umfassenden Informationen einen Stopp der Brennelemente-Lieferungen aus Deutschland an die belgischen Kernkraftwerke.

Das Bundesumweltministerium teilte mit, dass es darauf dränge, die Planungen des Katastrophenschutzes in Europa besser anzugleichen. Zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gebe es bereits einen guten Austausch mit den Nachbarländern.

Gut informieren, Panik und Unruhe verhindern

Erst Ende 2016 hatten Deutschland und Belgien ein gemeinsames Atomabkommen für einen besseren Austausch in Fragen der nuklearen Sicherheit geschlossen. Es wurde eine deutsch-belgische Atomkommission eingesetzt, die mindestens einmal im Jahr abwechselnd in einem der beiden Länder zusammenkommen soll. Außerdem waren gemeinsame Besuche in Atomkraftwerken in Belgien und Deutschland geplant. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hatte angekündigt, die schwarz-gelbe Landesregierung werde sich mit Nachdruck für die Abschaltung der Atomkraftwerke in Tihange und Doel einsetzen.

Schon lange fordern Politiker und Kommunen die Abschaltung der Reaktoren in Tihange und strengten bereits mehrere Klagen an. Im Juni 2017 hatten Zehntausende Atomkraftgegner aus allen drei Ländern mit einer Menschenkette demonstriert und auch Tjibbe Joustra, Vorsitzende des niederländischen Untersuchungsrates sagte nun, dass "die Behörden die Sorgen der Bürger ernst nehmen müssen." Mit einer durchdachten Informationspolitik gelte es laut Joustra im Ernstfall Panik und Unruhe unter den Bürgern zu verhindern.