Ist es nicht erhellend, wie Twitter eine Menge Leute zu Äußerungen im Affekt verführt? Viele Fernsehzuschauer und Zeitungsleser wissen mittlerweile immerhin genauer, welche Partei bei welchem Journalisten eher Freude oder eher Abscheu auslöst. Die Chefin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, beispielsweise ist hingerissen von den Grünen. "Frische #grüne Doppelspitze lässt Aufbruchsstimmung nicht nur in Frankreich spüren. #Habeck und #Baerbock werden wahrgenommen werden! #Verantwortung kann auch Spaß machen u nicht nur Bürde sein Wichtiges Signal in diesen Zeiten!", twitterte sie vom Parteitag der Grünen am vergangenen Wochenende.

Natürlich dürfen Journalisten Beifall spenden, wem sie möchten. Und seien wir ehrlich: Das Temperament eines Berichterstatters, seine politischen Überzeugungen und menschlichen Sympathien sind der erste Filter, durch den jede Wirklichkeit rauscht. Wenn zwei Reporter den gleichen Grünen-Parteitag sehen, sehen sie nicht dasselbe. Ist es da wirklich schlimm, wenn Tina Hassel ihre Parteilichkeit durch unverhohlene Begeisterung transparent macht?

Es wäre dann nicht schlimm, wenn es der Hauptstadt-Chefin der ARD darum gegangen wäre, Transparenz über ihre politischen Vorlieben zu schaffen, um den Fernsehzuschauer sozusagen auch in ihren Filter schauen zu lassen. Leider lässt Hassels anschließende Erklärung sowie das Verhalten anderer prominenter ARD-Redakteure darauf gerade nicht schließen. Sondern eher auf ein geschwundenes Bewusstsein dafür, welche besondere Verantwortung das Arbeiten für öffentlich-rechtliche Sendeanstalten verlangt.

Achtung! Voreingenommenheit

Wie souverän man Parteilichkeit eingestehen kann, nämlich als Selbstbezweiflung, hat George Orwell vorgemacht. Am Ende seines berühmten Erlebnisberichts aus dem Spanischen Bürgerkrieg, Mein Katalonien, schrieb er: "Wenn ich es in diesem Buch nicht schon vorher gesagt habe, möchte ich es jetzt aussprechen: Der Leser hüte sich vor meiner lebhaften Parteinahme, meinen Fehlern in der Darstellung der Fakten und der Verzerrung, die unausweichlich dadurch verursacht wird, dass ich nur eine Ecke des Geschehens gesehen habe."

Orwell sagt: Achtung! Ich bin voreingenommen und irre mich höchstwahrscheinlich. Damit zeigt er, dass er sich der potenziellen Fehlwahrnehmungen bewusst ist, die seine Ergriffenheit verursacht. Er weiß, mit anderen Worten, dass es für einen Journalisten prinzipiell gefährlich ist, ein allzu mitfühlender Beobachter zu sein.

Die Erklärung von Tina Hassel für ihre Tweets vom Grünen-Parteitag, die sie dem Branchenmagazin Meedia gab, lässt diese Art Selbstreflexion nicht erkennen. Hassel schreibt (im Namen der ARD): "Was unsere Einschätzung vom Grünen-Parteitag angeht, gibt es eine große Übereinstimmung anderer Zeitungskollegen vor Ort – von SZ über ZEIT bis zur Welt, die sich nun an die Spitze der Kritik gestellt hat. Gerade in Zeiten von zunehmender Politikverdrossenheit halten wir es für legitim, auch positiv zu würdigen, wenn einer Partei ein Führungs- und Generationswechsel souverän gelingt."

Kühle Sachlichkeit statt persönliche Sympathien

Ja, natürlich darf die ARD politische Aufbrüche würdigen. Nur erklärt diese Rechtfertigung einen auffälligen Doppelstandard nicht: Bei anderen Parteien finden twitternde ARD-Redakteure Führungs- und Generationswechsel ganz und gar nicht großartig. So schrieb Mitte Dezember die WDR-Chefredakteurin Sonia Mikich auf dem Twitter-Account der Tagesthemen zu einem Bild, auf dem der neu gewählte österreichische Bundeskanzlers Sebastian Kurz neben einen bewaffneten Maskenträger montiert worden war: "Warum sieht der da vorne wie ein Pimpf aus?" Dass ARD-Journalisten die Wahl von Alice Weidel – die immerhin zehn Jahre jünger ist als Robert Habeck – zur AfD-Co-Vorsitzenden bejubelt hätten, ist ebenfalls nicht überliefert.

Die Behauptung, es sei der ARD um die Würdigung eines politischen Neustarts als solchem gegangen, ist so offenkundig heuchlerisch, dass man der Sendeanstalt für diese Art der Transparenzschaffung auch schon fast wieder dankbar sein könnte.

Großartiges Privileg des gebührenfinanzierten Journalismus

Fast aber nur deswegen, weil in Hassels Stellungnahme ein zweiter uneingestandener Doppelstandard steckt: Was bitte heißt "andere Zeitungskollegen"? Die ARD ist, anders als Hassel es tut, gerade nicht mit der SZ, der ZEIT oder der Welt vergleichbar. Zeitungen müssen sich am Markt behaupten, weshalb ihre Verleger für eine gewisse politische Tendenz der Redaktionen sorgen dürfen, für einen Blattcharakter, von dem sie glauben, dass er Käufer findet. Einige Verleger schaffen eine Menge Tendenz, andere gestatten große innere Pressefreiheit, das Entscheidende aber ist: Gefällt den Leuten die Haltung einzelner Blätter nicht, müssen sie sie nicht kaufen.

Gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk besteht diese Wahlfreiheit nicht. Von dessen Vertretern darf der Gebührenzahler deshalb einen besonderen strengen Anspruch erwarten, einen, den regelmäßig niemand erfüllt, der aber trotzdem der besondere Charakter, oder wenn man so will, die Haltung, des beitragsfinanzierten Journalismus ausmachen sollte: bei der politischen Beobachtung persönliche Sympathien aus- und die kühle Sachlichkeit einzuschalten. (Ich persönlich halte das auch bei Zeitungsjournalisten für richtig, aber es gibt halt Leser, die sich Weltbildverstärkung kaufen wollen.) Eine solche professionell-nüchterne Distanz wäre, sollte man meinen, ein ziemlich kleiner Preis für das großartige Privileg des gebührenfinanzierten Journalismus, das darin besteht, nicht um Leser und Werbekunden konkurrieren zu müssen.

Objektive Wahrheiten gibt es nicht. Aber Redlichkeit

Sicher, es gibt keine objektiven Wahrheiten, aber es gibt Redlichkeit. Sprich: den Versuch, fair zu berichten, ohne Rücksicht auf eigene Vorlieben. Den leidenschaftlich subjektiven Kommentar, oh ja, den gibt es auch, und der soll gern neben solchen Berichten stehen. Um diese Trennung gerade auf Twitter deutlicher zu machen, sollten ARD und ZDF vielleicht einmal über klare Standards und Kennzeichnungen nachdenken.

Der BBC-Journalist Hugh Greene, der nach dem Krieg den NWDR aufbaute, brachte den schmalen, richtigen Grat der Reporterarbeit einmal so auf den Punkt: "Segle so hart am Wind, wie du kannst, und mach deine Sache gut." Es ist ein schönes Bild. Nicht der Journalist bestimmt den Kurs, sondern äußere Umstände, und balancierte Berichterstattung entsteht durch beständiges Widerhalten gegen Sogwirkungen von links und rechts. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnte ein Schatz sein, würde er sich stärker auf dieses Prinzip besinnen. Echtzeit-Gefühlsäußerungen, die zwischen geblähtem Segel und überrissenem Ruder schwanken, erklären bis dahin nur eines: die zunehmende Journalismusverdrossenheit.