Die designierte SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hat am politischen Aschermittwoch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Chefin des möglichen erneuten Regierungspartners CDU, angegriffen. "Sie mag ja die mächtigste Frau der Welt sein, aber die Göttinnendämmerung hat längst begonnen", sagte die SPD-Bundestagsfraktionschefin bei einer Veranstaltung im nordrhein-westfälischen Schwerte. Merkel sei in ihrer eigenen Partei angezählt. Wenn die SPD ihre Erneuerung schaffe, habe sie wieder die Nase vorne.

Bei den Genossen warb Nahles um Zustimmung für den mit der Union ausgehandelten Koalitionsvertrag und stellte dabei sozialpolitische Errungenschaften in den Vordergrund. "Wir haben etwas geschnürt, was sich sehen lassen kann." Besonders hob sie die Förderung des sozialen Wohnungsbaus, Maßnahmen gegen Luxussanierungen, das Baukindergeld und die Schaffung eines sozialen öffentlichen Arbeitsmarkts für Langzeitarbeitslose hervor. "Arbeit und Würde gehen Hand in Hand", sagte sie.

"Sensationell" sei zudem, dass die SPD die Aufweichung des Kooperationsverbotes in der Bildungspolitik durchgesetzt habe. Auch die neue Extrabezahlung für Pflege im Krankenhaus suche ihresgleichen: "Das ist definitiv ein Durchbruch." Die Rückkehr zur jeweils hälftigen Bezahlung der Krankenkassenbeiträge durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer sei ein Riesenerfolg: "Das wäre den anderen nämlich scheißegal gewesen an dieser Stelle." In den vergangenen vier Jahren als Sozialministerin habe CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble sie "am langen Arm verhungern lassen". Das sei nun vorbei.

Nahles dankte dem zurückgetretenen Parteichef Martin Schulz für dessen Verdienste um die SPD. "Die SPD ist die europäischste Partei in Deutschland", sagte die frühere Arbeitsministerin. Das sei das Erbe von Martin Schulz. Der SPD-Spitzenkandidat bei der Bundestagswahl war am Dienstag vom Amt des Parteichefs zurückgetreten und hatte Nahles als seine Nachfolgerin vorgeschlagen. Auf einem Parteitag am 22. April soll Nahles zur Vorsitzenden gewählt werden. Daraufhin hatte es erneut in mehreren SPD-Landesverbänden Kritik an der Personalpolitik der Parteispitze gegeben.

Die SPD-Politiker Simone Lange und Dirk Diedrich aus Schleswig-Holstein kündigten nach Schulz' Rücktritt an, gegen Nahles kandidieren zu wollen. Nahles respektiere diesen Entschluss, sagte sie vor dem Auftritt in Schwerte. "Und ich sehe es mit großer Gelassenheit", sagte die Pfälzerin. "Das ist halt ein eigenes Völkchen, die Schleswig-Holsteiner."