Dass diesem Anfang ein Zauber innewohne, kann man von Andrea Nahles' verpatzter Ernennung zur SPD-Chefin nicht gerade behaupten. Sollte die Partei sie Ende April zur Vorsitzenden machen, ist das zwar der vorläufige Höhepunkt einer langen politischen Karriere – schon mit 18 Jahren trat Nahles in die SPD ein, in der Abizeitung gab sie "Hausfrau oder Bundeskanzlerin" als Berufsziel an. Doch droht dieser Anfang überblendet zu werden – vom Chaos, das in der Partei herrscht, vom Mitgliedervotum über die Koalition mit der CDU.

Wie historisch dieser Schritt dennoch wäre, muss trotz der Wirren der vergangenen Tage unbedingt gesagt werden: Über 150 Jahre ist diese sich selbst als fortschrittlich verstehende Partei alt, bis heute aber wurde sie ausschließlich von Männern geführt. Seit der Parteigründung durch Ferdinand Lassalle – also kurz bevor das Telefon erfunden wurde – bis in die tristen Tage von Beck, Müntefering und Gabriel: Macht wurde in der SPD von Männern an Männer weitergereicht. Es glich einem Naturgesetz.

Der letzte in dieser Reihe war vorerst Martin Schulz. Ihm folgt nun wahrscheinlich die 47-jährige ehemalige Arbeits- und Sozialministerin nach. Nicht zuletzt, nachdem sie auf dem Sonderparteitag vor gut drei Wochen mit einer lauten, eher kurzen, aber doch sehr emotionalen Rede die Genossen zu einer knappen Zustimmung zu den Koalitionsverhandlungen, soll man sagen: genötigt hatte.

So gleichen sich die Szenarien: Nahles hielt eine knapp achtminütige Rede, die nur vordergründig Martin Schulz stärkte. Angela Merkel schrieb im Jahr 1999, noch als Generalsekretärin der CDU, eigenmächtig einen Artikel in der FAZ, in der sie eine Emanzipation der Partei von Helmut Kohl forderte. Als sie den Vorsitz von Wolfgang Schäuble übernahm, war die Partei wegen seiner Spendenaffäre in einer vergleichbar großen Krise wie heute die SPD. Merkel reichte in dieser Situation eine kraftvolle Geste, um sich gegen die ratlosen, männlichen Aspiranten Merz, Koch und Stoiber durchzusetzen. Da war sie übrigens nur zwei Jahre jünger als Andrea Nahles heute. Die einstige Juso-Vorsitzende Nahles selbst hatte damals ihr erstes Bundestagsmandat inne.

Frauen kommen zum Zug, wenn Männer nicht mehr weiterwissen

Seither sind fast 20 Jahre und unzählige Feminismusdebatten vergangen, aber noch immer gilt für die SPD, was damals auch für die CDU galt: Frauen scheinen in diesen Parteien nicht offen Macht anstreben zu können, nur selten gehen sie aus einem Konkurrenzkampf mit Männern als Siegerinnen hervor. Macht muss ihnen in den Schoß fallen wie ein hilfloses Kind. Frauen kommen oft dann zum Zug, wenn Männer nicht mehr weiterwissen. Frauen dürfen nur Retterin sein, nie dürften sie an den Gittern des Kanzleramtes rütteln wie Gerhard Schröder. So bleiben, Macht hin oder her, die alten Geschlechterstereotype weiterhin am Leben.

Als Nahles schon einmal, im Jahr 2005 war das, in einer Kampfabstimmung gegen den vom damaligen SPD-Chef Franz Müntefering favorisierten Kajo Wasserhövel gewann und daraufhin als neue Generalsekretärin vorgeschlagen wurde, warf Müntefering aus Protest hin. Nahles verzichtete daraufhin auf das Amt. Damals wurde sie "Münte-Mörderin" oder auch "Königsmörderin" genannt, aus der Partei wurden ihr Dummheit und Egoismus vorgeworfen und die Bild schrieb, vielleicht brauche sie einfach nur mal wieder einen Mann. Diese nun im Rückblick fast zu einer humorigen Anekdote gewordene Episode erinnert daran, wie auch Angela Merkel sich im Bundestagswahlkampf 2002 erkennbar gegen ihren Willen noch gezwungen sah, erst einmal Edmund Stoiber den Vortritt als Spitzenkandidat zu überlassen. Stoiber unterlag damals Gerhard Schröder, der sich wiederum drei Jahre später dann doch noch Angela Merkel geschlagen geben musste.