ZEIT ONLINE: Herr Müntefering, beide Volksparteien sind von internen Machtkämpfen zerrissen. Woran liegt das?

Franz Müntefering: Das altbekannte, über Jahrzehnte stabile Links-rechts-Schema funktioniert nicht mehr. Es sind neue Parteien hinzugekommen und eine neue Bruchlinie, die senkrecht durch die Parteien geht: Ich spreche vom Konflikt zwischen dem Globalen und dem Nationalen. Der letzte Bundestagswahlkampf war von einer großen Sehnsucht der Wähler geprägt – der Sehnsucht nach Sicherheit in einer globalisierten, sich immer rasanter verändernden Welt. In den Volksparteien gibt es Bestrebungen, darauf mit einer Rückbesinnung aufs Nationale zu antworten. Ich halte das für falsch. Aber klar ist: Sicherheit ist aus Sicht der Wähler das größte Gut, das die Politik ihnen bieten muss. Und doch: Sicherheit total gibt es nicht. Und Sicherheit darf Freiheit und Gerechtigkeit nicht dominieren.

ZEIT ONLINE: Was könnte die Volksparteien wieder stabilisieren?

Müntefering: Die sozialen Medien haben die öffentliche Debatte in Deutschland stark verändert. Der Ton ist aggressiver, die Auseinandersetzung härter geworden. Das macht politische Kompromisse schwerer, sie werden nicht wirklich akzeptiert. Aus einer organisierten Parteipolitik wird Netzwerkpolitik. Das verändert die Rolle der Volksparteien erheblich, was Bündelungs- und Bindungskraft angeht.

ZEIT ONLINE: Der Zuspruch, den Juso-Chef Kevin Kühnert erfährt, zeigt doch, dass es eine Sehnsucht nach einer anderen SPD-Politik gibt. Die beiden letzten SPD-Kanzler, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder, waren charismatische, leicht autoritäre Anführer einer wirtschaftsfreundlichen Partei. Linke Politik galt als schön, aber fruchtlos. Ist diese Schmidt-Schröder-Ära nun endgültig vorbei?

Müntefering: Die Orientierung am pragmatischen Regierungshandeln war richtig. Es war auch Voraussetzung dafür, Gerechtigkeit auf einem relativ guten Niveau anstreben zu können. Da ist noch manches zu tun und der Koalitionsvertrag ist da auf einem richtigen Weg. Ich warne vor der Illusion, in der Opposition wäre eine Neuorientierung der SPD einfacher. Wenn wir uns jetzt einer neuen großen Koalition verweigern, mag das manche in der Partei freuen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, die Menschen in Deutschland nicht zu enttäuschen – und die erwarten, dass endlich eine Regierung zustande kommt. Verhindern wir das, werden wir bei der nächsten Wahl sehr leiden.

ZEIT ONLINE: Welches Argument der Groko-Gegner gibt Ihnen wirklich zu denken?

Müntefering: Dass die SPD aus großen Koalitionen geschwächt hervorgeht – das ist aber nur bedingt richtig. Nach der großen Koalition 1966 bis 1969 war das erkennbar anders. Brandt wurde Kanzler. Das Problem ist eher, dass sich die SPD in einer großen Koalition selbst stets im Wege steht. Ich war ja mal Teil einer großen Koalition – und da hatte ich das Gefühl, der Entsandte der SPD in einer feindlichen Regierung zu sein, da Teile unserer Partei nicht hinter dieser Koalition standen. Da muss man sich und seine Leistungen loben, was denn sonst! Leider stellt die SPD aber gern das ins Schaufenster, was die anderen verhindert haben. Die SPD ist halt eine Partei, die ein Oppositionsgen geerbt hat – und deshalb ist sie in der Regierung stets auch ein Stück weit Opposition. Das ist manchmal sympathisch, aber machtpolitisch immer naiv.

ZEIT ONLINE: Die dritte großen Koalition in vier Legislaturperioden könnte die Union unter 30 und die SPD unter 20 Prozent drücken.

Müntefering: Es gibt aber keine Garantie dafür, dass das nicht passiert, wenn die große Koalition nicht kommt. Nicht eine Regierungskonstellation entscheidet darüber, ob die Volksparteien wieder stärker werden. Sondern ihre Fähigkeit, wieder Debatten zu führen, die die Leute fesseln, von Europa bis zur Rente. Nicht drüber reden, die Leute nicht beunruhigen und am Ende alternativlose Gesetze verabschieden – das geht nicht mehr. Die Methode Merkel hat ausgedient. Der Koalitionsvertrag enthält dazu erfreuliche Einsichten, die den Bundestag als Ort der wichtigen gesellschaftspolitischen Debatten stärken. Sorgen wir dafür!

ZEIT ONLINE: Die SPD-Spitze hat bisher behauptet, ein "Nein" der Genossen zur Groko würde Neuwahlen bedeuten. Nun hat die Kanzlerin im ZDF erklärt, sie stünde notfalls auch für eine Minderheitsregierung zur Verfügung. Befeuert das die No-Groko-Bewegung?

Müntefering: Das glaube ich nicht. Und: Eine Minderheitsregierung kann durchaus stabil sein. Genau betrachtet gibt es nämlich gar keine Minderheitsregierung. Der Bundestag beschließt immer mit Mehrheit. Und wenn es einem Regierungschef gelingt, Mehrheiten aus wechselnden Fraktionen hinter sich zu bekommen, kann das auch über einen längeren Zeitraum funktionieren. Nur: Wenn das jetzt so käme, hätte die SPD weder das Finanz- noch das Außen- oder das Arbeits- und Sozialministerium. Und nichts von dem, was wir gegen die Union im Koalitionsvertrag durchgesetzt haben. Wer kann so dumm sein? Was sollte denn der Vorteil sein? Der Hohn wäre uns sicher, nichts sonst.