Eigentlich scheint die Situation doch ziemlich klar. Da kämpfen zwei Egomanen um die Macht, der eine intrigiert, dass der andere gehen muss. Und am Ende wird schließlich eine politische Karriere in Hinterzimmern beendet – dieses Mal die von Martin Schulz. So weit, so SPD. Der unwürdige Abtritt von Kurt Beck als Parteivorsitzender am Schwielowsee, Lafontaines Putsch gegen Scharping; man kennt das.

Was man an diesem Freitag erleben konnte, war vordergründig auch wieder eben genau das: ein Machtkampf. Sigmar Gabriel führte das Schwert gegen den immer ohnmächtigeren Martin Schulz, der eigentlich versprochen hatte, nie in ein Kabinett Merkel einzutreten, es sich dann aber anders überlegte und schließlich keine andere Wahl sah, als zurückzutreten. Dass Gabriel und Schulz noch bis vor wenigen Wochen nicht müde wurden, ihre "Freundschaft" zu betonen, ist bei all der Tragik bloß noch eine Fußnote.

Dass dieser Machtkampf sich mit einer solchen Gewalt entfalten konnte, zeigt, dass es um mehr geht als bloß um Eitelkeiten. Der SPD geht es schlechter als 2009 am Schwielowsee. Und noch viel schlechter als im Herbst 1995, als Lafontaine die Macht übernahm. Denn eigentlich hätten die Sozialdemokraten gerade Grund genug, recht zufrieden zu sein. Sie haben die Union in den Koalitionsgesprächen zu deutlichen Zugeständnissen gezwungen, mehr Ministerien herausgeschlagen, als ihnen eigentlich zugestanden hätten, und sie konnten am Ende einen Vertrag präsentieren, der zweifellos in weiten Teilen sozialdemokratisch ist. In der Union wuchs sogar Unmut, die Verhandlungsergebnisse wurden intern kritisiert und immer mehr CDU-Politiker sprachen bereits davon, dass sich die Union "personell erneuern" müsse. Es hätte also alles schlimmer kommen können für die SPD, könnte man meinen.

Die SPD vertraut sich selbst nicht mehr

Und doch sind es am Ende die Sozialdemokraten, die sich in einer Krise befinden, deren historische Wucht man wohl erst erkennen kann, wenn sich der Nebel der Schlacht in den nächsten Wochen lichtet. Nur warum?

Der erbitterte Kampf um Posten und Macht ist auch der Ausdruck einer tiefen konzeptionellen und identitären Erschöpfung der SPD. Die Partei streitet um Personal, weil sie ihren Inhalten selbst nicht traut. Weil nicht einmal die überzeugtesten Groko-Anhänger wissen, ob das, was man da verhandelt hat, wirklich genügt, um die Erosion der Volkspartei aufzuhalten. Viele in der Partei ahnen, dass die Zeit des Pragmatismus vorbei ist. Dass es nicht mehr reichen wird, vor jedem Wahlkampf donnernd die Mitte zu beschwören, mit einem mittig-sozialdemokratischen Programm anzutreten, nur um am Ende doch wieder irgendwo bei 20 Prozent zu landen. Oder sogar darunter.

Wie ein Mantra beschworen die Groko-Gegner auf dem Parteitag entsprechend "das Große". Die Partei müsse wieder Visionen entwickeln, mobilisierende Projekte, so lauteten die Forderungen. Aber, man muss es so deutlich sagen, nichts davon ist da. Der rechte Flügel war an Visionen nie interessiert und die Parteilinken haben sie nicht entwickelt. Wie eine Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert agieren müsste, wo die Grundfesten des eigenen Handelns liegen, wie sich eine Politik, die auf dem nationalen Ausgleich von Interessen basierte, aufrechterhalten lässt in einer Zeit globaler Finanz- und Warenströme – all das wurde in der Partei nie so grundlegend diskutiert, wie es die Realität verlangt hätte.

Und so bildet die programmatische Leere der Partei die Bühne, auf der die Machtkämpfe dieser Tage spielen. Und so rückt die SPD immer dichter an den Abgrund. Denn mit dem Putsch im engsten Führungskreis zerbröselt vielleicht das wichtigste Argument, mit dem die Groko-Befürworter die mürrische Parteibasis überzeugen wollten: die Stabilität. Ein Nein zur großen Koalition bedeute, so hieß es, Neuwahlen, Führungswechsel, kurz: Chaos.

Nun hat die Parteiführung das Chaos, das sie verhindern wollte, selbst besorgt. Und so ist sich derzeit niemand mehr sicher, wie die Mitglieder der Partei entscheiden, wenn sie in einigen Wochen mit dem Koalitionsvertrag auch über den politischen Stil ihrer Führung abstimmen. Martin Schulz, so viel ist klar, wird dabei keine wesentliche Rolle mehr spielen. Sein steiler Aufstieg und sein noch steilerer Niedergang waren eng verbunden mit dem großen Wort der Glaubwürdigkeit. Er schoss empor, weil er sie – endlich wieder – zu verkörpern schien. Und umso hämischer fielen die Kommentare aus, als er wortbrüchig wurde (ein Stück weit es auch werden musste) und plötzlich als prinzipienlos galt.   

Tatsächlich ist der Mangel an Glaubwürdigkeit für die SPD in der Post-Schröder-Zeit ein zentrales Problem. An diesem Freitag, nach der Resignation von Schulz, ist wieder ein bisschen mehr davon verloren gegangen.