Ohne Alternative war der Rückzug von Martin Schulz. Da sind sich Beobachter deutscher Medien quasi einig. Die Kommentatoren fragen sich vor allem: Wie geht es weiter?

Keine Zukunft sah die Süddeutsche Zeitung für den Ex-Außenministerkandidaten. "Der Wortbruch hätte Schulz von Anfang an schwer belastet, sein Schlingerkurs hätte die Gegner der großen Koalition in der SPD gestärkt und er hätte nicht nur seiner Person, sondern auch seiner Partei massiv geschadet", schreibt Ferdos Forudastan. Sie glaubt, dass sich die Partei nun die richtigen Fragen stellen müsse: "Was fangen sie mit diesem Europa an, das Verheißung bedeutet und doch so viele Menschen zu befremden scheint? Und, grundsätzlich gefragt: Wie halten es die Genossen künftig mit der Kritik am Kapitalismus? Äußert man sie leise? Laut? Oder überhaupt nicht?" Ihr Kollege Joachim Käppner findet auf sueddeutsche.de noch deutlichere Worte zur aktuellen Situation der SPD: "In der Psychiatrie unterscheidet man bei Patienten die Neigung zur Selbstgefährdung und zur Fremdgefährdung. Auf die SPD in ihrem jetzigen Zustand treffen beide Diagnosen zu: Sie ist nicht nur eine Gefahr für sich selbst, sondern auch für andere."

Auch Spiegel Online glaubt: "Die Personalie Schulz war schlichtweg nicht vermittelbar." Roland Nelles weist vor allem darauf hin, dass wichtige Zeit verloren gehe, während Deutschland sich um sich selbst drehe. "Die Kevin Kühnerts dieser Welt sollten sich davor hüten, das Land weiter zu lähmen oder in neue politische Turbulenzen zu stürzen."

Die FAZ hat beinahe Mitleid mit Schulz. "Dabei ist Martin Schulz, wie viele seiner Vorgänger, das Opfer einer Partei, die genüsslich mit ansieht, wie ihre Führung entwertet wird", schreibt Jasper von Altenbockum. Für den Fall, dass die Mitglieder sich gegen die große Koalition entscheiden, prognostiziert er: "Eine Niederlage wäre eine politische Katastrophe. Die Partei würde vollends in die Zeit vor dem Godesberger Programm zurückfallen."

Die WAZ analysiert die Situation in Nordrhein-Westfalen. "Selten wurden die unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen den Menschen in den SPD-Ortsvereinen und 'denen da oben' so deutlich wie in der Personalie Martin Schulz. Ein Musterbeispiel gelebter Basisdemokratie. Und ein Beleg für die Angst der Parteispitze vor einem Scheitern der Großen Koalition per Mitglieder-Entscheid. Denn der Schulz-Frust drohte die Verhandlungserfolge zu entwerten, vor allem in NRW", schreibt Andreas Tyrock.

Und nun?

Der Tagesspiegel befindet: "Dem Land dienen, dann der Partei, dann sich selbst: Gegen dieses Diktum darf nicht mehr verstoßen werden." Malte Lehming beschreibt die SPD als "eine Partei vieler Tugenden. Solidarität, Gerechtigkeit, Friedenserhaltung, Minderheitenschutz. Das Los etwa von Alleinerziehenden, Geringverdienern, Pflegenden und Langzeitarbeitslosen verbessern zu wollen, wird selbst dann als Auftrag verstanden, wenn es sich nicht unmittelbar in Wahlsiegen niederschlägt. Diese Bindung an Werte ist die größte Stärke der Partei. Das alles hatte die SPD verdrängt."

Wie geht es weiter mit dem Posten des Außenministers? Die Nürnberger Nachrichten schreiben: "Die SPD-Führung kann kaum anders, als Gabriel wieder das Außenministerium anzubieten. Alles andere wäre ein noch größerer Affront gegen den derzeit beliebtesten Politiker der Republik. Damit würden sich aber möglicherweise genau jene drei Politiker – Gabriel, Nahles, Scholz – gegenseitig kaltstellen, die am ehesten in der Lage sind, die Sozialdemokraten in die Post-Merkel-Zeit zu führen." Armin Jelenik fragt gar: "Ach, SPD! Wie soll man Dich noch wählen?"