Die designierte Vorsitzende der SPD, Andrea Nahles, will die Partei nicht nach links rücken. Arbeit, Wirtschaft und Weltoffenheit müssten zentrale Begriffe der SPD sein, sagte Nahles der ZEIT. "Wir müssen uns selbst auf Herz und Nieren prüfen, ob unsere Selbstverortung noch stimmt und für die Zukunft trägt."

Bei manchen Themen müsse die SPD linker werden, etwa wenn es um den digitalen Kapitalismus gehe – um Firmen beispielsweise, die sich als Avantgarde aus dem Silicon Valley präsentierten, zugleich aber an Monopolen arbeiteten und sich an keine Werte und Grenzen gebunden sähen. Bei anderen Themen sei das anders. Lange habe in der SPD zum Beispiel die Vorstellung geherrscht, für soziale Sicherheit zuständig zu sein, während sich die CDU für die innere Sicherheit interessiere. Sicherheit müsse aber umfassender verstanden werden.

Zu Forderungen aus der Basis nach mehr "SPD pur" sagt die mögliche neue Parteichefin, auch sie wolle SPD pur. Das Problem sei allerdings, "dass wir das selbst nicht mehr durchdeklinieren können".

Andrea Nahles soll bei einem außerordentlichen Parteitag am 22. April in Wiesbaden zur nächsten SPD-Vorsitzenden gewählt werden. Am Dienstag war der bisherige Vorsitzende Martin Schulz von diesem Posten zurückgetreten. Die Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion wurde von der SPD-Spitze als seine Nachfolgerin nominiert. Zunächst steht aber der dienstälteste Parteivize, Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz, der SPD kommissarisch vor und will – zusammen mit Nahles – die Parteimitglieder von einem Ja zum Koalitionsvertrag überzeugen. Ohne diese Zustimmung wird es keine erneute Bundesregierung von Union und SPD geben.

Wer wird Außenminister?

Erst nach dem Mitgliederentscheid will die SPD ihre Kandidaten und Kandidatinnen für ein mögliches Kabinett nennen. Im Gespräch ist unter anderem Scholz als Vizekanzler und Finanzminister. Völlig offen ist aber etwa noch, wer Außenminister werden soll – Amtsinhaber Sigmar Gabriel sagte, er wolle dies nicht um jeden Preis bleiben. Jeder Parteivorstand habe das Recht, Ministerposten neu zu besetzen, sagte der SPD-Politiker der ZEIT. "Da gibt es nichts zu kritisieren und schon gar nicht zu grollen oder zu jammern, sondern zum Abschied leise Servus zu sagen." Darüber, wie ihn die Parteispitze ausgebootet hatte, sagte er: "Enttäuschend fand ich doch nur, dass niemand mit mir geredet hat und ich es stattdessen aus den Medien erfahren habe."

Die Aufregung um seine Äußerungen über Martin Schulz sieht Gabriel als erledigt an. Für seine "Mann-mit-Haaren-im-Gesicht-Bemerkung" habe er sich zunächst per SMS und anschließend persönlich entschuldigt, sagte der frühere SPD-Vorsitzende und berichtete von einem Treffen am Dienstagnachmittag im Willy-Brandt-Haus in Berlin. "Ich habe mich inzwischen persönlich bei ihm entschuldigt." Beide würden verstehen, wo die gegenseitigen Verletzungen liegen", sagte Gabriel. "Alles ist menschlich, wir sind schließlich keine Polit-Maschinen."

Nachdem sich zwischenzeitlich abgezeichnet hatte, dass Schulz Gabriel im Außenamt ablösen will, hatte Gabriel der Parteispitze Wortbruch vorgeworfen. Zudem hatte er seine Tochter mit den Worten zitiert, er müsse nicht traurig sein: "Jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht."

Fraglich ist, ob die Zeit der sozialdemokratischen Personaldebatten damit vorbei ist. Dies gilt auch für die Besetzung der Parteispitze. Nahles hat bereits eine Gegenkandidatin: Die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange will ebenfalls antreten, um den Delegierten eine echte Wahl zu geben. Weitere Kandidaturen sind wahrscheinlich. Ein weiterer, wenn auch unbekannter Bewerber – Dithmarschens SPD-Vizekreischef Dirk Diedrich – meldete sich bereits als zusätzlicher Gegenkandidat.