Wenige Tage nach der Ankündigung von SPD-Chef Martin Schulz, den Parteivorsitz an die Bundestagsfraktionsvorsitzende Andrea Nahles abzugeben, kritisieren insbesondere Vertreter der Parteilinken das Prozedere und fordern eine Urwahl. "Zur Erneuerung der SPD gehört auch, dass über das Führungspersonal in einem transparenten Verfahren entschieden wird", sagte die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis dem Tagesspiegel am Sonntag. "Es kann nicht sein, dass der SPD-Vorsitz quasi unter der Hand vergeben und die Partei vor vollendete Tatsachen gestellt wird." Mattheis gilt als eine der Wortführerinnen der Gegner und Gegnerinnen einer erneuten großen Koalition.

Dem Vorschlag einer Urwahl nicht abgeneigt zeigte sich die geschäftsführende SPD-Arbeits- und Familienministerin Katarina Barley. "Der Urwahl-Idee kann ich grundsätzlich etwas abgewinnen und bin dafür offen, denn die direkte Beteiligung der Mitglieder schafft Vertrauen", sagte sie der Rheinischen Post. Ein solches Vorgehen sei aber sicher nicht die Lösung aller Probleme der SPD, so Barley weiter: "Wir müssen an ganz vielem arbeiten, an der Kommunikation nach innen und außen. Und an einer besseren Vermarktung unserer Erfolge."

Mit Ablehnung reagierte SPD-Vize Ralf Stegner. "Das ist etwas, was im Augenblick das Parteiengesetz gar nicht zulässt", sagte er dem Sender NDR Info über eine mögliche Urwahl. "Aber wie der Vorgang auch immer am Ende auf den Weg kommt, klar ist, es wird am Ende eine breite Entscheidung sein müssen", so Stegner. Das betreffe nicht nur die Parteiführung, sondern auch "andere Reformen und Notwendigkeiten in der Partei". "Jedenfalls werden Positionen nicht einfach mal so eben im Hinterzimmer vergeben, sondern das entscheiden bei uns die, die dafür zuständig sind, im Zweifelsfall ein Parteitag. Aber die Mitglieder wollen mitreden und sie werden mitreden", sagte Stegner.

Noch-SPD-Chef Schulz hatte nach dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen mit CDU und CSU angekündigt, den Parteivorsitz nach dem Mitgliedervotum der SPD-Basis über eine Neuauflage der Koalition an Nahles zu übergeben. Das Votum der rund 463.000 Mitglieder läuft vom 20. Februar bis zum 2. März. Das Ergebnis der Abstimmung soll am 4. März verkündet werden.

Nachdem Schulz am Freitag zudem angekündigt hatte, zum Wohle der Partei auch auf einen Eintritt in die Bundesregierung als neuer Außenminister zu verzichten, meldete sich Schulz' Schwester mit scharfer Kritik an der SPD-Führung zu Wort. Der Welt am Sonntag sagte die Sozialdemokratin Doris Harst, die SPD habe sich im Umgang mit ihrem Bruder als "echte Schlangengrube" erwiesen. "Andrea Nahles, Olaf Scholz und andere machen ihn zum Sündenbock für alles", sagte Harst. "Mein Bruder ist nur belogen und betrogen worden." Deshalb sei nach seiner erfolgreichen Zeit in Brüssel, "die Schlangengrube Berlin, die er völlig unterschätzt hat", nichts für ihn gewesen, so Harst.