Am Ende kann die AfD nicht an sich halten. "Deutschland kann es schaffen!" – mit staatstragenden Worten hat Angela Merkel (CDU) gerade ihre erste Regierungserklärung der neuen Wahlperiode beendet, da bricht die größte Oppositionsfraktion geschlossen in Gelächter aus. "Deutschland, das sind wir alle", schließt die Kanzlerin. In den Applaus ihrer Unionsfraktion hinein schwenken die fast vollzählig anwesenden AfD-Abgeordneten ihre Arme aufwärts – eine an die Koalitionäre gerichtete Geste: Steht auf, applaudiert eurer Kanzlerin! Nur wenige kommen dem nach, von den Abgeordneten des Regierungspartners SPD rührt kaum einer die Hände.

Länger als eine Stunde haben die Bundestagsneulinge von der AfD der Kanzlerin zugehört, überwiegend diszipliniert, reaktionslos, als wollten sie Merkel mit Nichtachtung strafen. Dabei gab es genug Anlässe für parlamentarischen Ungehorsam. Doch kein Zwischenruf ertönt, als Merkel den Islam einen "Teil Deutschlands" nennt. Als sie Fehler in der Flüchtlingskrise einräumt. Als sie Russland indirekt für den Giftangriff in Großbritannien verantwortlich macht. Die AfD begegnet Merkel mit oppositionsüblichen Gesten der Geringschätzung: Fraktionschef Alexander Gauland wendet desinteressiert ein Manuskript hin und her. Als Merkel vom Fachkräftemangel spricht, dehnt Co-Fraktionschefin Alice Weidel die Nackenmuskeln und unterdrückt ein Gähnen.

Nach Merkel ist die Oppositionsführerin dran. Die Fraktionsspitze hat sich für Gauland entschieden, Weidel bleibt am Platz. Er versucht, seiner neuen Rolle durch historische Bezüge Gewicht zu verleihen, und wirft in seiner acht Minuten kurzen Rede Merkel fehlendes Pathos vor. Helmut Schmidt hätte das besser gemacht, ist seine Botschaft, auch Churchill, und erst recht Bismarck. Der 77-jährige AfD-Chefstratege schöpft aus seiner Geschichtskenntnis, Lebenserfahrung und jahrzehntelanger Karriere in der CDU. In Teil zwei seiner Attacke konfrontiert er Merkel mit ihren eigenen Worten: "Die Gesellschaft zerfällt" – da gibt er Merkel recht, die zu Beginn von der Spaltung des Landes gesprochen hatte. Merkel quittiert vieles davon mit einem Lächeln, als amüsiere sie sich. 

AfD ist sich ihrer neuen Rolle bewusst

Formal gibt es die Oppositionsführerschaft im Bundestag gar nicht. Weder im Grundgesetz noch anderswo ist diese parlamentarische Rolle verankert. Einzige Ausnahme: die Landesverfassung von Schleswig-Holstein. Und doch ist in jedem größeren Parlament die größte Fraktion der nicht mitregierenden Parteien die Oppositionsführerin. In der vergangenen Wahlperiode erfreute sich im Bundestag die Linksfraktion der erhöhten Medienpräsenz, die mit dieser Rolle verbunden ist.

Nach der Bundestagswahl war schnell klar, wer der Linken nachfolgen würde: Parteichef Martin Schulz (SPD) kündigte wegen des desaströsen 20-Prozent-Ergebnisses noch am Wahlabend an, in die Opposition zu gehen. Doch jetzt regiert die SPD trotzdem, weil die wieder in den Bundestag eingezogene FDP die Gespräche für eine Jamaika-Koalition von CDU, CSU, FDP und Grünen platzen ließ. So ist im Bundestag die AfD jetzt Anführerin der nunmehr vier Oppositionsfraktionen.

Das hat auch mit Christian Lindner zu tun, der direkt gegenüber der Kanzlerin sitzt. Es waren der FDP-Fraktionschef und sein Gefolge, die kurz vor Mitternacht des 19. November 2017 das Aus für die angestrebte Schwarz-gelb-grüne Koalition verkündeten. Lindner beharrt bis heute darauf, sich verantwortlich verhalten zu haben. Wie es für ihn ist, dass nun Rechtspopulisten wie Alexander Gauland oder Alice Weidel nach einer Regierungserklärung als erste ans Saalmikrofon dürfen, dazu schweigt Lindner auf Nachfrage.           

Auch wenn die AfD die Bedeutung der Oppositionsführerschaft herunterspielt, die Fraktion ist sich ihrer neuen Rolle bewusst. Seit Längerem stellen sich ihre Wortführer auf die erhöhte Aufmerksamkeit ein. Sie saugen Videos von Redeauftritten von Friedrich Merz oder Franz Josef Strauß auf, um zu lernen, wie Redner im Plenum Eindruck hinterlassen, welche Themen zünden, wie man Aufmerksamkeit maximiert. Es gibt bereits Abgeordnete, die all das beherrschen, weswegen man sie häufiger sehen und hören wird.  

Gottfried Curio ist so einer. Der Berliner Physiker schreibt seine Reden Wort für Wort aus, spickt sie im 30-Sekunden-Takt mit Anklagen gegen die Regierenden, mit Zitaten der politischen Gegner, mit Reiz- und Schlagworten, um der Aufmerksamkeitsspanne seiner Zuhörerinnen und Zuhörer optimal zu entsprechen. "Abschiebungen retten auch Leben", rief er vor wenigen Tagen in den Saal, als es um Messerattacken und Migranten ging. Das gelte auch für das "Land, in dem wir gut und gerne leben" – das war 2017 ein Wahlslogan der CDU. Curios Satz vom "entarteten Doppelpass" brachte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter auf die Palme, der von seinem Sitzplatz aus brüllend den "Nazisprech" anprangerte – eine einkalkulierte Provokation Curios. Der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD, Jürgen Braun, verteidigte Curio: "Entartet" – das Wort habe auch Helmut Schmidt benutzt, selbst Wolfgang Schäuble. Bernd Lucke stand deswegen schon im Gründungsjahr der AfD in der Kritik. Curios jüngste Rede zum Antrag auf mehr Grenzkontrollen (Die "Kanzlerin der Ausländer" gehöre "auf die Anklagebank") lobt Braun als "fast schon künstlerisch wertvollen Beitrag". Dennoch: Curio konnte nicht verhindern, dass seine Folgerednerinnen und -redner aufzeigten: Dicht gemachte Grenzen schüfen mehr Probleme, als sie lösten.

Auch Roman Reusch wird man öfter hören. Seine Vorträge holpern gelegentlich – denn der frühere Staatsanwalt spricht lieber frei über Abschiebungen, vermeintliche Asylbetrüger und zuwandernde Gewalttäter. Hohes Ansehen bei seinen Leuten hat sich außerdem Dirk Spaniel erworben. Der frühere Daimler-Ingenieur tritt ans Pult, wenn es gilt, den Diesel gegen die Klimaschützer zu verteidigen. "Wenn Spaniel über Stickoxide spricht, legen andere die Ohren an", sagt AfD-Parlamentsgeschäftsführer Braun und lobt die "phänomenale Sachkenntnis" der drei. "Solche Leute hätten andere Fraktionen gern."