Das Bundestagsgebäude Unter den Linden 50 liegt 800 Meter vom Reichstag entfernt, ein grauer Zweckbau mit langen, fensterlosen Fluren auf sechs Etagen. Es beherbergt Büros der Abgeordneten. Kleine, quadratische Milchglasschilder zeigen, wer hinter den dunklen Holztüren arbeitet. Namen sind darauf zu lesen und politische Funktionen. Doch im ersten Stock sticht eine der Glasplaketten heraus. "Boelcke-Stüberl" steht auf dem Viereck neben Raum 1069 und darunter "Landesgruppe Sachsen-Anhalt".

Oswald Boelcke war Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Bis heute wird er von manchen Militärs als Held und Erfinder des modernen Luftkampfs verehrt. Der Konferenzraum 1069 gehört der AfD-Fraktion. Deren Mitglieder haben offensichtlich einen Hang zum Kriegerischen. Die Mitarbeiter des baden-württembergischen Abgeordneten Thomas Seitz nennen sich selbst "Brigade Seitz" und haben eine entsprechende Facebook-Seite eingerichtet. Ihren Abgeordneten bezeichnen sie als ihren "Kommandeur" und posten auf der Seite beispielsweise das Panzerlied, ein Soldatenlied der Wehrmacht, das 2017 aus dem Liedgut der Bundeswehr gestrichen wurde.

Die AfD hat einen neuen Tonfall in den Bundestag eingeführt, und er geht deutlich über das hinaus, was bislang die Norm im demokratischen Diskurs war. Das ist kein Zufall. Viele Angestellte der neuen Abgeordneten haben sehr gute Verbindungen zu extrem rechten Gruppen und Organisationen.

Die Bundestagsverwaltung zählt 297 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AfD-Abgeordneten und der AfD-Fraktion im Bundestag. ZEIT ONLINE hat den Hintergrund von fast allen recherchiert. Viele von ihnen verbreiten rassistische Kommentare und Verschwörungstheorien, besuchen Demonstrationen von Pegida oder folgen den Social-Media-Kanälen von fremdenfeindlichen Gruppierungen. Doch mindestens 27 der Fraktions- und Abgeordnetenmitarbeiter der AfD haben einen eindeutig rechtsradikalen bis rechtsextremen Hintergrund. 18 AfD-Mandatsträger beschäftigen Mitarbeiter aus diesem Milieu. Unter ihnen sind Anhänger der NPD und der neonazistischen, verbotenen Organisation Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ), Aktivisten der Identitären Bewegung und der rechtsradikalen Gruppe Ein Prozent, extrem rechte Burschenschafter und neurechte Ideologen. Unter den besonders radikal gesinnten Bundestagsmitarbeitern der AfD sind zahlreiche ehemalige Soldaten.

Man kann sich die extrem rechte Szene in Deutschland wie ein Geflecht mit Dutzenden Knoten vorstellen: Stiftungen, Thinktanks, Vereine und Verlagshäuser sind über Personen und gemeinsame Veranstaltungen vielfältig miteinander verbunden. Sie eint der erklärte Vorsatz, die parlamentarische Demokratie abschaffen zu wollen – das System, wie sie es nennen. Dank der Personalpolitik der AfD-Abgeordneten haben wichtige Organisationen dieser Szene nun einen oder mehrere Akteure im Bundestag und können dieses Ziel von innen heraus verfolgen, finanziert mit Steuergeld. Im Herz der Demokratie.

Jeder Bundestagsabgeordnete erhält monatlich 20.870 Euro Aufwandsentschädigung. Mit diesem Geld kann er Mitarbeiter beschäftigen, die ihn in seiner politischen Arbeit unterstützen. Das Geld können die Abgeordneten beliebig aufteilen und davon zwei, drei oder auch zehn Mitarbeiter anstellen, wie es der brandenburgische AfD-Abgeordnete Steffen Kotré getan hat. Einzige Einschränkung: Die Mitarbeiter dürfen nicht mit dem oder der Abgeordneten verwandt oder liiert sein.

Identitäre Bewegung

Eine extrem rechte Vergangenheit ist jedoch kein Einstellungshindernis, jedenfalls nicht bei der AfD. Die Partei hat zwar eine Unvereinbarkeitsliste beschlossen. Auf ihr sind diverse rechtsextreme Gruppen verzeichnet, deren Mitglieder kein AfD-Parteibuch bekommen sollten, selbst wenn sie die Gruppe inzwischen verlassen haben. Doch offensichtlich interessiert sich niemand mehr für diesen Beschluss. Das zeigt beispielsweise die breite Zusammenarbeit mit der rechtsextremen Identitären Bewegung. Für Anstellungsverhältnisse in den Büros einzelner Bundestagsabgeordneter gilt der Beschluss ohnehin nur als Empfehlung, nicht als zwingende Vorgabe. So haben gleich mehrere Anhänger der Identitären dort einen Job gefunden. Die IB wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

Einer von ihnen ist Jean-Pascal Hohm. Der ehemalige Landesvorsitzende der Jungen Alternative in Brandenburg bezeichnet sich selbst als politischen Aktivisten und arbeitet systematisch mit extrem rechten Protestgruppen zusammen. Dass er sich auf Selfies regelmäßig in T-Shirts der Identitären zeigte und im Dezember 2016 an einer Sitzblockade der Identitären vor der CDU-Parteizentrale teilnahm, hielt schon die AfD-Fraktion im Potsdamer Landtag nicht davon ab, ihn als Mitarbeiter zu beschäftigen. Erst als er während eines Fußballspiels mit einem Berliner Identitären-Funktionär im Block rechtsextremer Hooligans gesehen wurde, entließ ihn die Landtagsfraktion.

Hohm pflegt auch beste Kontakte zum rechtsradikalen Verein Ein Prozent, einer Kampagnenplattform für flüchtlingsfeindliche Proteste. Dort machte er ein Praktikum und vermarktete sich selbst in Videoclips als Vorzeigeaktivist. Außerdem tritt er bei Demonstrationen der fremdenfeindlichen Gruppe Zukunft Heimat in Brandenburg als Redner auf. Der Verein aus dem Spreewald zieht Pegida- und NPD-Anhänger der Region genauso an wie Identitäre und Neonazis verbotener Kameradschaften. Inzwischen ist Hohm im Bundestag angekommen, als Mitarbeiter des brandenburgischen Abgeordneten René Springer. Der wiederum ist ein enger Vertrauter des Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland.