Für die Serie Heimatreporter besuchen Redakteure von ZEIT und ZEIT ONLINE die Orte, an denen sie aufgewachsen sind. Die Serie ist Teil unseres neuen Ressorts #D18.

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Wenn uns damals, Ende der Neunzigerjahre, als Berlin noch voller Baukräne und Rave war, jemand in den coolen Läden in Kreuzberg gefragt hat, wo wir herkommen, haben wir immer schüchtern und auf Hochdeutsch "Frankfurt" gesagt, und gehofft, dass niemand nachfragt, aus welchem. Wir fuhren dann wieder nach Hause, sahen aus dem Zugfenster hinter Erkner die ersten Hakenkreuzgraffitis und beteten, dass keine Nazis einsteigen würden.

Wenn wir Jahre später, in unseren Großstadt-WGs ins Internet gingen, statt die Scheiß-Hausarbeit fertig zu schreiben, zuckten wir zusammen, wenn irgendwo von Frankfurt (Oder) die Rede war. Dann hatten sicher Nazis stundenlang einen Punk gefoltert, oder die Bürger hatten in einem Referendum eine Straßenbahnverbindung in die polnische Schwesterstadt Słubice mit 83 Prozent abgelehnt.

Uns Fortgezogene hätte es nicht überrascht, wenn uns in den vergangenen zwei Jahren auch aus Frankfurt Nachrichten von Aufmärschen gegen Flüchtlinge erreicht hätten. Wenn sich irgendein lokaler Fußballer oder Ex-Komiker zum Sprecher einer fremdenfeindlichen Bewegung gemacht hätte. Was man halt so kennt aus Cottbus und Nauen, aus Dresden und Freital. Frankfurt (Oder), 60.000 Einwohner, seit der Wende um ein Drittel an Leuten geschrumpft, gut halb so voll wie Cottbus, hochverschuldet, mit einer Kinderarmutsquote von fast 30 Prozent, wäre doch nach allen Maßstäben der perfekte Standort für ein nächstes preußisches Pegida gewesen.

Aber entweder ist die Normalität anders geworden, oder die Maßstäbe waren falsch. Jedenfalls hat sich die Stadt verändert, in der wir unsere Eltern zurückgelassen haben. Und jetzt ist das erst richtig zu sehen.

Frankfurt. Eine unsentimentale, frühere Bezirksstadt mit ein paar vom Krieg verschonten Kirchen und großer Magistrale, auf der man prima Paraden abhalten konnte. Eine Mischung aus zurückkehrender Natur und Neuaufbau. Die Straßenbahn bimmelt am prachtvollen alten Kino vorbei, das seit 20 Jahren verrottet wie ein alter Wolga im Straßengraben. Ein paar Schritte weiter unten strahlen die Unigebäude mit ihren graffitilosen Sandsteinfronten die Oder an. Was mit Frankfurt geschehen ist, wird man als allerletztes im Stadtbild sehen können. Noch kann man es vor allem hören.

Vor einigen Wochen zum Beispiel, mitten im Bürgermeisterwahlkampf. Große Debatte der fünf Kandidaten, 2.000 anwesende Zuhörerinnen und Zuhörer, live übertragen im Netz. Der AfD-Kandidat sagt: Er wünsche sich, dass es in Frankfurt nicht zu Cottbusser Verhältnissen komme. Deswegen sei er dafür, den Zuzug weiterer Flüchtlinge zu begrenzen. Woraufhin der amtierende Oberbürgermeister, der parteilose, konservativ-liberale Martin Wilke ihn anpatzt, dass es ja wohl keinerlei größere Probleme mit Ausländern gebe. Die Stadt profitiere von ihrer Internationalität. Donnernder Applaus aus dem Publikum, der lauteste und längste, den es an diesem Abend geben sollte. Kurz darauf verteidigt sich CDU-Kandidat Derling dafür, dass ein Derling-Plakat mit der Forderung "Kriminelle Flüchtlinge abschieben" in der Stadt aufgetaucht war. Der gemeinsame Kandidat von Linken und Grünen, der 33-jährige René Wilke, sagt, dass kriminelle Asylberechtigte bestraft gehörten, aber nicht abgeschoben.

Auf der Oderinsel Ziegenwerder, im Hintergrund Polen © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Wenige Tage später holte René Wilke 43 Prozent in der ersten Runde der Oberbürgermeisterwahl. Der amtierende Bürgermeister Martin Wilke wurde mit etwa 20 Prozent Zweiter. Die AfD erreichte um die 17 Prozent, die CDU 15. Und der SPD-Kandidat – ein Mann mit Schnurrbart, der wahrscheinlich Peer Steinbrück sehr mag – erhielt unfassbare fünf Prozent. In seiner Partei mutmaßte einer hinterher, der Grund für das Ergebnis seien wohl die gleichlautenden Nachnamen der Kandidaten und die damit verbundene mediale Aufmerksamkeit gewesen. So ist die neue Frankfurter Normalität: Es gibt in der Stichwahl, die am morgigen Sonntag stattfindet, keinen Kandidaten, der auch nur ansatzweise fremdenfeindlich ist. Die beiden Wilkes wollen die Stadt sogar noch mehr öffnen. Für Studenten, Investoren und, wenn es sein muss, für Flüchtlinge.

Was haben wir verpasst?

Man hätte es schon bei Alexander Gauland letztes Jahr mitkriegen können, als er bei der Bundestagswahl gegen den Merkelianer Martin Patzelt verlor: Frankfurt ist kein gutes Pflaster mehr für Nazis und Rechtspopulisten. Aber wann zum Teufel ist das passiert? Was haben wir verpasst? Sind wir nicht geflohen, weil wir dachten, aus dieser Stadt würde im Leben nichts mehr?

Mitte der Neunzigerjahre erschien in Frankfurt (Oder) ein neuer Stern am Nazihimmel. Er hieß Jörg Hähnel und war noch nicht sehr lange volljährig. Aber schlau war er. Er machte aus dem Haufen gröhlender Faschos eine Truppe mit einem Plan. Plötzlich pflanzten die Nazis deutsche Eichen im Neubauviertel. Hähnel und seine Leute traten mit Akustikgitarren im Altersheim auf, wo sie im gebügelten Hemd schunkelnden Rentnern das Schlesierlied vortrugen. Sogar im Öffentlich-Rechtlichen tauchte er auf, und sagte mit seinem Lausbubengesicht: "Wir müssen vor Ort versuchen, das Thema Nation wieder ins Volk zu bringen." Das war die Zeit, in der die Nazis Flyer herausbrachten, mit Namen, Adressen, Telefonnummern und Autokennzeichen von politischen Gegnern. "Kameraden, lasst Euch was einfallen", stand darüber. Es gab Verletzte. Um uns herum, in Eisenhüttenstadt, Fürstenwalde, die ersten Toten.

"So wenige sind bereit, nicht nur an sich selbst zu denken"

Das Lichtspieltheater der Jugend. Es ist seit 20 Jahren geschlossen, beide Bürgermeisterkandidaten möchten es wiedereröffnen. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Der linke Kandidat René Wilke hat Frankfurts Neonazijahre auch erlebt. Trotzdem ist er geblieben, als einer von dreien seines Abi-Jahrgangs. Wenn man ihn fragt, warum, dann muss er überlegen. Und dann sagt er: "Man kann hier leichter Spuren hinterlassen." Jetzt ist er jedenfalls Abgeordneter in der Landtagsfraktion und er ist Fraktionschef in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. Ihm geht die Euphorie der Fortgezogenen über das Wahlergebnis ab. Er spricht über die Verschuldung, die verfallenden Schulen und Kitas.

Wilke, ein Mann mit Glatze und Hornbrille, dessen mönchisches Lächeln nie ganz aus seinem Gesicht verschwindet, hat einen erstaunlichen Wahlkampf geführt. Er hat Hoffnung verbreitet wie lange keiner vor ihm in dieser Stadt: Darauf, dass viele großstadtgeplagte Berliner bald hierherziehen könnten. Oder dass die Studenten endlich auch in Frankfurt leben werden und nicht nur studieren. Aber er hat auch etwas getan, was Frankfurter nur Leuten erlauben, die hier geboren sind: Er hat sie kritisiert, und zwar ziemlich grundsätzlich.

Die Frankfurter Diakonie, ein zu hell beleuchteter Raum. Wilke tritt vor vielleicht 50 Menschen auf, hauptsächlich Senioren. Er erzählt ein wenig aus seiner Kindheit in Moskau, dann kommt er zum Punkt: Es gebe Frankfurter, die drohten ihm, AfD zu wählen, wenn er sich nicht gegen eine Umgehungsstraße vor ihrem Haus einsetze. Wilke hält auch an dieser Stelle seinen sanften Ton und das Lächeln. Aber er sagt: "Das begegnet mir in dieser Stadt ständig. Dass so wenige bereit sind, an mehr als an sich selbst zu denken."

Wilke hat das ostdeutsche Unverständnis angestochen

Er wolle eine neue politische Kultur. Runde Tische, Expertenwissen, mehr Gemeinwohlorientierung, mehr junge Leute, mehr Frauen in der Verwaltung, und ein Ende des Hasses, den die Stasi gesät hat. Damit – und vielleicht auch mit ein paar ziemlich guten Werbevideos – hat er in Frankfurt etwas ausgelöst. Auf seinen Veranstaltungen sieht man Menschen lange lächeln, er hat eine Unterstützerschar, die jeden Winkel der Stadt zuplakatiert hat. Sogar Bürgerrechtler haben sich gemeldet und unterstützen jetzt ihn, ein Mitglied der SED-Nachfolgepartei. Auf die Bundespolitik bezogen wäre das ungefähr so, als riefe Jens Spahn dazu auf, Claudia Roth zu wählen.

Wilke ist grundsätzlich geworden und die Leute, die ihm folgen, sind es auch. Auf einer seiner Veranstaltungen fragt Pfarrer Christian Gehlsen, früherer Sozialdezernent und so was wie ein public intellectual der Stadt, ob Wilke nicht jährliche Bürgerkonvente einführen wolle, 500 Frankfurter, die zufällig aus dem Einwohnerregister ausgelost werden sollen. Vor allem ältere Leute wollen wissen, wie er es schaffen wolle, sich nicht korrumpieren zu lassen, wenn er einmal an der Macht sei. Ob er als Bürgermeister aus seiner Partei austreten werde. Wilke hat etwas angestochen, das sehr tief in vielen Ostdeutschen sitzt, nämlich das Unverständnis über die graue Welt des westdeutsch geprägten Politikbetriebs: Proporzentscheide und Parteiloyalitäten, geschlossene Reihen, Parteikarrieren und politischen Opportunismus.

Der von Grünen und Linken nominierte Oberbürgermeisterkandidat René Wilke © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Er widersteht in solchen Momenten der Versuchung, auf diesem Unverständnis zu surfen. Es scheint, als empfinde er diese Versuchung gar nicht. Zum linken Populismus sagt er: "Ich halte nichts davon, mit Wut zu arbeiten. Diese Wut landet beim nächsten Mal vielleicht bei der AfD." Und zu Angela Merkel: "Ich stimme ihr fast nirgends zu. Aber ich würde ihr niemals bösen Willen unterstellen." Das sind so Wilke-Sätze.   

Und wie kommt es nun, dass 90 Kilometer entfernt, in Cottbus, die Massen gegen den Islam demonstrieren, während er hier, bei der selben Zahl an Flüchtlingen pro Kopf, die Offenheit gegenüber anderen Kulturen propagieren kann? "In uns allen steckt etwas Böses und etwas Gutes. Und ich glaube, in Cottbus haben zu viele Menschen an das Böse appelliert."

"Die Polen, die sind nicht so wie wir"

Wenn es nachts auf die Oder regnet, dann hören die Tankstellen und Spätshops drüben in Słubice auf, sich im Wasser zu spiegeln. Dann mischt sich Orange in die schwarzen Strudel. Die Strudel. Früher, in der Schule, haben uns die Lehrer immer erzählt, dass sie die Menschen unter Wasser zögen. In der Oder, sprachen wir nach, gehen wir niemals baden. Nach der Wende haben wir nichts mehr davon geglaubt, doch Jahr für Jahr gab es Statistiken, denen zufolge wieder Flüchtlinge beim Versuch ertrunken seien, die EU-Außengrenze, also unsere Oder, zu überqueren. Polen, Rumänen, sogar Pakistanis, um die 50 Menschen in den Neunzigerjahren.

Die Brücke war zu. Sie war die Rückwand der Stadt. Fast niemand durfte hier mehr rüber nach dem Jaruzelski-Putsch 1981, und nach der Wende knatterten die Trabis und die Polski Fiats unter dem großen Dach der Grenzhalle. Milchglasscheiben, Dauerstau, Passkontrollen, auf der Straße davor manchmal gröhlende Nazis, in Schach gehalten von genervten BGS-Männern. Und auch manche, die keine Nazis waren, sagten: Die Polen, die sind nicht wie wir. Schau Dir doch an, wie es da drüben aussieht.

Frankfurt, Oderbrücke, 1991 © Kurt Hamann

Der Triumph der Brücke

Heute kann jeder über die Brücke. Das Grenzgebäude ist abgebaut, man kann Słubice schon von Weitem sehen. Hin und wieder fährt ein Polizeiwagen über die Brücke und wieder zurück. Man braucht keinen Pass und nicht mal festes Schuhwerk, um diese Staatsgrenze zu passieren. Man geht einfach weiter. Ein Mädchen auf Inlineskates rollt auf dem Bürgersteig und telefoniert in ihre Kopfhörer. Drei Kinder teilen sich einen Handybildschirm und ein Punk redet auf seine Mutter ein, während ein Bus der Frankfurter Verkehrsbetriebe über den schon polnischen Zebrastreifen brettert.

Man muss das Gefühl nur kurz zulassen: Dies ist keine Staatsgrenze, sondern eine Brücke. Słubice gehört zwar zu Polen, aber es ist ein Teil von Frankfurt. Frankfurt liegt nicht am Rand, sondern in der Mitte einer Region. Dann setzt ein Gefühl des Triumphs ein. Ein wenig so, wie durch das Brandenburger Tor zu gehen. 

Słubice ist eine Art Stadtteil geworden

Sven (36) und Romano (23), Kfz-Mechaniker bei der Zigarettenpause. Probleme mit den Polen? Nein. Sven wünscht sich, dass die Schulen und Kitas bald in Schuss kommen. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Seit die Grenze weg ist, ist Słubice zu einer Art Stadtteil geworden, mit entsprechender Arbeitsteilung: Das Essen ist besser, Bier gibt's rund um die Uhr, vielleicht teilt man sich demnächst ein Schwimmbad auf polnischer Seite. Nur vom Automechaniker rät man ab. Polnische Garantiestreits, willste nicht haben.

Solche Nähe zum Nachbarn gibt es auch in der Uckermark und im Zittauer Gebirge, egal wie rechts dort sonst gewählt wird. Auch dort sagen Deutsche, denen man es nicht zutraut, dass ihre Kinder auch polnisch lernen sollten. Und dass natürlich deren Polizei auch bei uns patrouillieren soll. 

Niemand, auch der Kandidat der AfD nicht, hat im Wahlkampf infrage gestellt, dass die Verbindung zu Polen noch enger werden muss. Selbst bei Pegida gehören die Polen, inzwischen katholische Brudernation im Kampf um ein weißes Europa, zu den Guten. Nur in Warschau sehen sie das Freundschaftsgetue an der Oder skeptisch. Der Vertrag über die gemeinsame Buslinie wurde nur mehr für ein Jahr verlängert. Die Nähe zwischen Słubice und Frankfurt ist ein Geschenk, aber kein Versprechen. Es könnte alles ganz schnell wieder vorbei sein.

Wo sind die Nazis?

Es gibt heute fast keine Nazis mehr in Frankfurt. Nirgends mehr Cliquen von Bomberjackenträgern, aber auch kein Thor Steinar. Neulich wurde mal ein Nazikonzert aufgelöst, aber ansonsten sind sie komplett von der Leinwand verschwunden. Wenn man Sozialarbeiter, Politikerinnen und damalige Linke fragt, woran das liegt, dann kann es keiner genau erklären. Eine These ist: Es wollten eben auch die Nazis weg von hier. Jörg Hähnel zum Beispiel, der Star, machte auf seine Art Karriere. Er wurde bald Landesvorsitzender der NPD in Berlin, und verfolgte parallel eine Liedermacherkarriere. Eine andere Erklärung: Die Nazis von einst sind älter geworden, haben Familien gegründet, wählen heute AfD. Und wieder andere sagen: Es gab damals eine Reihe von Friedensverhandlungen mit den Linken und der Antifa. Die Nazis um Hähnel hätten auch keine Gewalt mehr gewollt. 

René Wilke, der nach seinen eigenen Angaben damals ein solches Treffen miterlebt hat, sagt: "Vielleicht waren die Nazis gar keine richtigen Nazis. Vielleicht haben sie auch nur ihren Platz gesucht." Und dann, nach einem Moment des Nachdenkens: "Vielleicht ist es mit der AfD ja genauso."

Helena Michalska (75) wohnt seit 30 Jahren in Frankfurt, sie kommt aus Schlesien. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Wir, die in Frankfurt Geborenen, sind damals ungefähr zur selben Zeit gegangen, ums Jahr 2000 herum, die dritte Auswandererwelle der Stadt. Die meisten Jungs haben noch ihren Zivildienst hier gemacht, andere sind am Tag ihres Abis weg. Studieren oder arbeiten, manche auch zum Bund. Dresden, Leipzig, Hamburg, Berlin, überall saßen welche von uns. Zehntausende Frankfurter sind inzwischen da draußen. Manche kamen anfangs jeden Freitag wieder. Es gab eine familiäre alternative Szene in der Stadt, die viele in den großen Städten nicht fanden. Andere kamen seltener, sie sprachen bald, wie albern, den Dialekt ihrer neuen Gegend. Alle kamen mit den Jahren immer seltener nach Frankfurt. Kinder wurden geboren, die schwäbelten. Karrieren begannen. Und manche Eltern, die geglaubt hatten, Familie zu haben, saßen zu Weihnachten allein in ihrer Frankfurter Neubauwohnung.

Der zweite Berufsverkehr

Jeden Morgen setzt sich in Frankfurt zweimal der Berufsverkehr in Gang. Den Anfang machen die Frankfurter. Frühmorgens sitzen sie in der Straßenbahn oder hupen die Ampeln an, bis sie in den Bürohäusern und Hotels, Autowerkstätten und Supermärkten verschwinden. An den Bushaltestellen riecht es nach Filterkippen. Manche schauen so sauertöpfisch aus wie Axel Prahl, wenn er als Imbissbesitzer Uwe in Halbe Treppe früh um fünf eine Stiege Dosenbier in die gute Stube wuchtet.

Dann, ein paar Stunden später, kommt der zweite Tross. Sie kommen vom Bahnhof aus. Frauen mit dunklem Teint und knallrotem Lippenstift. Junge Männer mit Afro, mit Mänteln, die am Boden schleifen. Typen, die mit weißen Kopfhörern im Ohr auf Handys starren. Im Pulk, der sich aus den Bahnhofstüren schiebt, hört man fremde Sprachen, nicht nur Englisch. Die Frankfurter heißen bei ihnen locals. Man erkennt den Unterschied zwischen locals und Studenten sofort.

Der Brunnenplatz mit Blick auf die Marienkirche © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Vielleicht ist das ein Grund dafür, warum in dieser Stadt kaum jemand über Flüchtlinge redet: Dass es bereits eine Parallelgesellschaft gibt. Keine, die bekämpft wird. Eher eine, die man verstehen will. "Um die Studenten hierherzukriegen", meckert eine ältere Dame in der Diakonie, "müssen hier alle endlich ’n bisschen freundlicher sein." René Wilke fügt hinzu: "1.000 Studenten mehr in der Stadt, klingt erst mal schön. Aber ist Ihnen klar, dass dann hier auch nicht mehr um sechs die Bürgersteige hochgeklappt werden? Dass dann hier auch mal Partys sind?" Einsichtiges Nicken unter den Senioren.

Damals, 1997, war die Europa-Universität Viadrina auch schon in der Stadt. Nur war es damals ein Risiko, auf der Straße eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen. Neonazis wurden verurteilt, weil sie einem polnischen Studenten bis in seine Wohnung folgten, um ihn zusammenzuschlagen. Einmal belagerten ein paar Dutzend von ihnen stundenlang den Studentenclub Grotte. Wir brachen Tischbeine ab, um uns zu wehren, falls sie stürmten. Irgendwann kam dann doch noch die Polizei.

"Der Osten braucht keine Transferleistungen, sondern Chancen"

Blick auf drei Hochhäuser, Halbe Stadt © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Als ein aspekte-Beitrag 1997 korrekt beschrieb, dass in der Stadt ausländische Studenten nicht sicher seien, dass die meisten Frankfurter die Gewalt höchstens mit Achselzucken quittierten, da brach in Frankfurt große Wut aus. Aber nicht darüber, dass die Stadt damals so übel zu Fremden sein konnte. Jemand vom ZDF musste anrücken und erklären, warum der Sender Frankfurt so diffamierte.

Inzwischen ist die Viadrina die beliebteste Uni Deutschlands, aber die Stadt ist es nicht. 6.500 Menschen aus über 100 Ländern studieren in Frankfurt, aber wenige leben hier. Das Semesterticket ermöglicht es, in Berlin zu leben und den stündlichen Regionalexpress nach Frankfurt als S-Bahn zu benutzen. Alle in Frankfurt wollen, dass das anders wird. Die Studenten sollen die Straßen beleben, sie sollen hier einkaufen, die Wirtschaft anschieben. Sie sollen Frankfurt etwas von der Bedeutung wiedergeben, die die Stadt einmal hatte. Vielleicht können sie etwas von der Traurigkeit des Verlassenwerdens von den Straßen kehren. Nur, wie bringt man Studenten einer Eliteuni dazu, nach Frankfurt an der Oder zu ziehen?

"So"

Martin Wilke, der amtierende Oberbürgermeister und andere Kandidat für die Stichwahl, gilt als historisch interessiert. In seinem Amtszimmer lässt er zunächst interessante Männer der Frankfurter Geschichte über den Kaffeetisch spazieren. Hermann Arndt, einer der Männer vom Mossad, die später Eichmann entführten, floh zur Nazizeit aus der Stadt. Der Dreißigjährige Krieg wird noch gestreift, dann klatscht Wilke in die Hände und sagt: "So".

Wilke erlaubt sich im Gegensatz zu seinem Herausforderer René Wilke einen Frankfurter Dialekt. Kurz gesagt: Es soll weiter aufwärts gehen durch Arbeitsplätze, gute Industriearbeitsplätze. Unternehmen sollen sich ansiedeln, dazu müssen Netzwerke geknüpft und gepflegt werden. Außerdem effizientes Verwaltungsmanagement. Wertschöpfung durch Erfahrung.

Oberbürgermeister Martin Wilke (parteilos) © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Martin Wilke ist 60, er entstammt der Vätergeneration des jungen Wilke. Seine ersten Berufsjahre erlebte er als junger Ingenieur in den Achtzigerjahren am Halbleiterwerk von Frankfurt. 8.500 Arbeitsplätze gab es da, das Werk war fast eine eigene Stadt, es betrieb Fußballvereine, Kindergärten. Wenn er über die Neunzigerjahre in Frankfurt spricht, dann geht es nicht um Nazigewalt, sondern eher um die Verletzungen, die seiner Generation zugefügt wurden. Die gebrochenen Biografien, die Demütigungen, die Deindustrialisierung des Ostens, all das. Allerdings antwortet Wilke auf all das weniger wie Gregor Gysi, als eher wie der ehemalige Arbeitgeberpräsident Hans-Olaf Henkel. "Der Osten", sagt er, "braucht keine Transferleistungen, sondern Chancen", und sein Gesicht packt schon mal an.

Wenn er aber auf die Forderung des jungen Wilke nach einer neuen politischen Kultur angesprochen wird, offenbart sich etwas, das man vielleicht auch als Generationenkonflikt der Ostdeutschen sehen könnte. Wilke nimmt sich einen Vorschlag des Jungen vor, den Runden Tisch gegen Kinderarmut. "So ein runder Tisch löst Erwartungshaltungen aus. Was meinen Sie denn, worum es da geht? Um Geld! Und ganz schnell wird sich herausstellen, dass die Stadt keins hat." Und dann? "Sie machen den Leuten Hoffnungen, die Sie nicht erfüllen können." Man könne nicht immer nur reden. Das Geheimnis eines erfolgreichen Bürgermeisters sei: "Arbeiten und Entscheiden."

Der OB wirkt ernsthaft sauer über die Kritik des jungen Wilke. Eine Spaltung in der Stadt? Quatsch! "Frankfurt ist unglaublich spannend." Aber der junge Wilke habe doch als Kandidat jedes Recht, über die Stadt zu urteilen? "Ja", sagt Wilke, "aber die Frage ist doch: Wie?" Der Junge rede sie schlecht und verhindere, dass Menschen hierher kämen. Man müsse rausgehen, Internationalität leben, Begeisterung schaffen.


Wilke sagt, Politik müsse liefern, nicht schöne Gefühle, sondern Ergebnisse. Er tut alles, um zu zeigen, wie sehr ihn dessen Gerede von Aufbruch und neuer Kultur nervt. Dabei sind die beiden Wilkes sich in den wichtigsten Punkten sehr nahe. Für Martin Wilke, der die Stimmen von bürgerlichen Wählern braucht, läge es bei seinem weiten Rückstand nahe, auch den Rechten ein Stück Zucker zu geben. Oder?

 "Nee. Ich reiße keine AfD-Parolen."

"Wie haben Sie es geschafft, dass hier kein zweites Cottbus entstanden ist?"

"Wir haben versucht, Begegnungen zu ermöglichen. Die Ablehnung von Neuem ist immer dort am größten, wo man sich nicht kennt."

"Und was tun Sie, wenn es einmal zu einer Situation wie in Cottbus kommen sollte?"

"Dann ist es zu spät. Wir müssen vorher im Gespräch miteinander bleiben."

Was wäre eigentlich, wenn es im Osten mehr Städte wie Frankfurt gäbe? Wenn dort an manchen Orten, im Windschatten von Pegida, eine neue Kultur der Offenheit entstanden wäre? Eine ostdeutsche Weltoffenheit, die nicht von Alt-68ern geprägt wäre, sondern von schlichter, purer Vernunft.

Frankfurt hat einen unschätzbaren Vorteil. Jeder, der einmal die Oderbrücke passiert hat, kennt ihn: Die Stadt kann sich selbst betrachten. Die traurigen Hochhäuser, die verwunschene Insel Ziegenwerder. Die dramatischen Kirchtürme, die Menschen dazwischen. Jeden Tag sieht die Stadt anders aus. Aber wenn der Fluss die letzten Eisschollen Richtung Ostsee schiebt und die blasse Sonne hinter der Konzerthalle und dem alten Knast verschwindet und dann vielleicht noch aus einem polnischen Taxi Down by the Riverside läuft, dann kann man es glauben: Dass diese schöne, traurige Stadt mal wirklich eine Wahl hat. Und uns, die Fortgezogenen, hat es dazu nicht gebraucht. 


Ergänzung: Am vergangenen Sonntag hat die Stichwahl stattgefunden. Der Herausforderer René Wilke gewann gegen Amtsinhaber Martin Wilke mit 62,5 Prozent der abgegebenen Stimmen.