Im Wahlkampf gelten Regeln, die man selbst als interessierter Wähler nicht immer versteht. Und ob Bundestag oder Landtag, irgendeine Wahl scheint immer bevorzustehen. In der Serie "Ein Anruf bei..." versucht ZEIT ONLINE, das Innenleben der Parteien auszuleuchten. Mit der Hilfe von Gesprächspartnern, die die Wahlkampfmaschine von innen kennen. Oder selbst Wahlkampf geführt haben.

ZEIT ONLINE: Herr von Beust, klären Sie uns auf: Gehört der Islam zu Deutschland?

Ole von Beust: Ich würde gerne mit Ja oder Nein antworten. Aber die Diskussion ist wirklichkeitsfremd. Der Islam ist eine Wirklichkeit in Deutschland. Auf der anderen Seite hat der Islam bislang nicht deutsche Werte, Traditionen und Gesetze geprägt. Die sind überwiegend christlich beeinflusst. Mit dieser Frage betreibt man Symbolpolitik ohne Inhalt. Das geht an der Wirklichkeit vorbei.

ZEIT ONLINE: Laut einer aktuellen Umfrage sehen zwei Drittel der Deutschen das so wie Horst Seehofer. Ist es also richtig, das zu artikulieren?

Von Beust: Beide Seiten liegen richtig und falsch. Heute leben fast fünf Millionen Muslime in Deutschland – zum Großteil ehemalige Gastarbeiter, ihre Kinder und Kindeskinder. Darum gehören sie zu Deutschland. Aber der Islam ist nicht prägend für die deutsche Kultur.

ZEIT ONLINE: Seit Christian Wulff streitet die Union hitzig über diese Frage. Warum?

Von Beust: Die CDU tut sich mit dem Thema schwer, weil sich die Gesellschaft insgesamt schwertut. Die Union hat ja auch lange gebraucht, anzuerkennen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Deutschland hat noch keine so lange Einwanderungstradition wie andere Länder, die USA etwa. Oder Frankreich und Großbritannien, wo seit jeher Menschen aus den Kolonien einwanderten.

ZEIT ONLINE: Aber die Union diskutiert krampfhafter als etwa SPD oder FDP.

Von Beust: Unter den konservativen Parteien werden Veränderungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit nur sehr behutsam aufgenommen. An und für sich ist das nichts Schlimmes. Schlimm wird es nur, wenn man damit die Wirklichkeit verdrängt. Und die Wirklichkeit ist eben zweigleisig.

ZEIT ONLINE: Und wie sollte die Union solche Debatten führen?

Von Beust: Die Union muss ruhig und sachlich reden. Diese eine Symbolthese verkürzt einfach zu stark, als dass man inhaltlich diskutieren könnte. Wir sollten uns stärker um die Frage kümmern, wie wir diejenigen, die islamischen Glaubens sind und in Deutschland dauerhaft wohnen, so weit integrieren, dass sie auch unter Bekenntnis ihrer Religion ein anständiges Leben führen können. Die große Mehrheit der hier lebenden Muslime praktiziert einen vernünftigen Islam. Man muss zusehen, wie die ihre Feiertage und religiösen Sitten pflegen können, bis hin zu Bestattungen, die anders sind als christliche. Wenn das nicht gelingt und weite Teile der Gesellschaft isoliert werden, schafft man damit Nährboden für Islamismus.

ZEIT ONLINE: Sie plädieren für islamische Feiertage in Deutschland?

Von Beust: Nein, islamische Feiertage sollen keine deutschen Feiertage werden. Aber vielleicht können Muslime am Ramadan freinehmen, ohne Urlaub nehmen zu müssen, so wie alle anderen an christlichen Feiertagen. Deutschland wird dadurch kein islamisches Land werden und soll das auch nicht. Für mich heißt es weiter Weihnachtsmarkt und nicht Wintermarkt, und auf dem Stadtschloss in Berlin muss auch ein Kreuz stehen. Das ist deutsche Tradition. Das heißt aber nicht, andern die Möglichkeit zu nehmen, ihre eigenen Traditionen zu pflegen.

ZEIT ONLINE: Wie sollte die Kanzlerin mit dem Thema umgehen? Sie hat einen Innenminister und einen Koalitionspartner, die bei einer so grundlegenden Frage ganz anderer Meinung sind.

Von Beust: Ich bin der Letzte, der Angela Merkel Ratschläge gibt. Aber ich glaube, es ist klug, solche Symbole nicht aufzunehmen. Wenn es um Symbole und wenig Inhalte geht, ist es besser, nichts zu sagen. Das ist ja auch ein Weg, den sie ganz geschickt geht.

ZEIT ONLINE: Horst Seehofer hat sich über seine Maßregelung durch die Kanzlerin beschwert. Müsste sie ihn nicht entlassen für so eine Aufsässigkeit?

Von Beust: Wenn ein Mitglied eines Kabinetts auf Dauer renitent ist, dann muss ein Regierungschef sich überlegen, wie lange er das erträgt – das gilt für alle Minister. Aber hin und wieder eine Profilierung eines Einzelnen würde ich nicht überbewerten.

ZEIT ONLINE: Islam-Frage, Streit um die Tafeln, Hartz IV, Kindergeld für EU-Ausländer, Kontrolle der Binnengrenzen – bei vielen Themen wirkt es derzeit so, als hätten sich die beiden Unionsparteien nicht mehr viel zu sagen. Inhaltlich, kulturell und habituell stehen sich da zwei Fremde gegenüber.

Von Beust: Helmut Kohl und Franz Josef Strauß lagen inhaltlich und kulturell auch weit auseinander, bis hin zur persönlichen Feindschaft, die fast zur Spaltung geführt hätte. Und trotzdem hat die Union hervorragende Wahlergebnisse eingefahren. CDU und CSU hatten schon immer eine riesige Spannbreite. Nur ist die in den letzten Jahren zu kurz gekommen. Diejenigen, die rechter und konservativer sind, hatten das Gefühl, sie können sich nicht artikulieren. Sie artikulieren sich jetzt. Aber das geschieht bislang alles im Rahmen des Zulässigen. So was muss eine Volkspartei abkönnen. Ich würde sogar sagen, sie ist damit eher wählbar, als wenn die Partei einen mühsamen Kompromiss vertritt, den keiner glaubt.