Einer breiteren Öffentlichkeit ist Jörg Schindler bisher unbekannt, aber der Parteivorstand der Linken hat ihn seit längerem im Blick: Der 46-Jährige aus Sachsen-Anhalt will beim Bundesparteitag der Linken im Juni für das Amt des Bundesgeschäftsführers kandidieren. Das teilte Schindler, der bisher in seiner Heimat stellvertretender Landesvorsitzender ist, am Montag dem Bundesvorstand mit. Er würde damit eine Rolle einnehmen, die der des Generalsekretärs bei anderen Parteien entspricht. Die Kandidatur wird von der Parteiführung unterstützt.

Schindler sei ein kluger Kopf mit politischer Erfahrung, sagte der bisherige Bundesgeschäftsführer und frühere Berliner Wirtschaftssenator Harald Wolf. Als Fachanwalt für Arbeits- und Sozialrecht vertrete Schindler sowohl Flüchtlinge als auch Hartz-IV-Empfängerinnen. Als Sachsen-Anhaltiner kenne er sich außerdem mit den Problemen im ländlichen Raum aus. Diese Erfahrungen würden Schindler auch mit Blick "auf die Diskussionen, die wir in der Partei führen" zunutze kommen, sagte Wolf.

In der Linkspartei hatte es in den vergangenen Monaten immer wieder Streit um die Flüchtlingspolitik gegeben. Während die Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Sahra Wagenknecht und ihr Mann, der frühere Parteichef Oskar Lafontaine, sich für einen restriktiveren Kurs aussprechen, lehnt die Parteiführung um Katja Kipping und Bernd Riexinger das ab. Sie warnen davor, verschiedene benachteiligte Gruppen wie etwa prekär Beschäftigte oder Hartz-IV-Empfänger und Flüchtlinge gegeneinander auszuspielen. In einem Leitantrag für den Parteitag spricht sich der Bundesvorstand für "sichere, legale Fluchtwege, offene Grenzen und ein menschenwürdiges, faires System der Aufnahme von Geflüchteten" aus. Familien wolle man nicht auseinanderreißen, sondern zusammenführen, heißt es weiter.

Wahlen in drei Ost-Ländern

Schindler unterstützt in dieser Frage den Kurs von Riexinger und Kipping. Sollte er gewählt werden, kommen aber auch jenseits des Flüchtlingsstreits große Herausforderungen auf ihn zu. 2018 stehen acht Kommunalwahlkämpfe sowie Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen an. In Thüringen wird es für die Linke darum gehen, wieder den Ministerpräsidenten zu stellen. In Brandenburg will sie mitregieren. In Sachsen muss sie vor allem aufpassen, dass die AfD nicht zu stark wird.

In den Landtagswahlkämpfen will die Linke vor allem mit einem Infrastrukturprogramm für ländliche Gegenden werben. Dazu werde man demnächst einen "durchgerechneten, konkreten und realisierbaren Vorschlag" machen, kündigte Wolf an.

Der frühere Bundesgeschäftsführer der Linken, Matthias Höhn, war im November vergangenen Jahres wegen der Streitigkeiten zwischen Partei- und Fraktionsspitze zurückgetreten. Kipping und Riexinger hatten ihm vorgeworfen, den Bundestagswahlkampf zu sehr auf die Spitzenkandidaten Wagenknecht und Dietmar Bartsch fokussiert zu haben und sie nicht gegen Angriffe von Lafontaine verteidigt zu haben.

Eine Frage des Alters

Der frühere Berliner Senator Wolf hatte daraufhin das Amt kommissarisch übernommen. Dass er nun auf dem Parteitag nicht mehr als Bundesgeschäftsführer kandidiere, habe auch mit seinem Alter zu tun, sagte der 61-Jährige. Schindler sei etwa 20 Jahre jünger und stehe deswegen auch für einen Generationswechsel in der Partei. Wolf selbst will allerdings als Bundeschatzmeister kandidieren und damit weiter an der Parteispitze mitarbeiten.

Bei dem Parteitag Mitte Juni in Leipzig muss der gesamte Bundesvorstand neu gewählt werden. Die Frage, ob seine und Schindlers Kandidatur davon abhängig seien, dass auch Kipping und Riexinger erneut zu Parteivorsitzenden gewählt würden, wollte Wolf nicht beantworten. "Ich gehe davon aus, dass Kipping und Riexinger gewählt werden", betonte er. Deswegen stelle sich diese Frage nicht.

Bislang gibt es keine Gegenkandidaturen für den Parteivorsitz. Angesichts der Streitigkeiten zwischen Fraktions- und Parteispitze ist aber offen, ob es dabei bleibt. Zuletzt hatte Wagenknecht die Parteispitze um Kipping und Riexinger in einem Interview erneut heftig angegriffen. "Eine Partei, in der es ständig Streit und interne Reibereien gibt, wird nicht gut geführt",  sagte Wagenknecht Mittel März dem Neuen Deutschland. Anschließend hatten sich allerdings 25 der 69 Linksparteiabgeordneten im Bundestag von Wagenknecht distanziert.