Interview Iranischer Schriftsteller warnt vor Militärschlag gegen Iran

Vor dem Außenministertreffen in Berlin zum Umgang mit dem Iran hat der iranischstämmige Autor Navid Kermani vor einer militärischen Konfrontation gewarnt. Iran würde auf einen US-amerikanischen Militärschlag mit "Terrorismus im Irak, in Israel, Palästina und im Libanon" antworten. Moderation: Stefan Heinlein

Heinlein: Heute treffen sich in Berlin die Außenminister der fünf Vetomächte, um gemeinsam mit Deutschland das weitere Vorgehen zu besprechen. Darüber möchte ich jetzt reden mit dem iranischstämmigen Publizisten und Schriftsteller Navid Kermani. Guten Morgen!

Kermani: Guten Morgen!

Heinlein: Herr Kermani, klare Worte. Eine Frist, aber keine Sanktionsdrohungen des Sicherheitsrates. Ist das der richtige Weg, um Teheran zum Einlenken zu bewegen?

Kermani: Ich glaube nicht, dass es in der verfahrenen Situation noch den einen richtigen Weg gibt, und ich befürchte, dass auch das den Iran nicht zum Einlenken bringen wird, sondern im Gegenteil, dass hier zwei Autos aufeinander zufahren und absehbar ist, dass es irgendwann knallen wird.

Heinlein: Ist dieser Unfall nicht mehr zu verhindern?

Kermani: Er ist schon noch zu verhindern. Ich bin mir auch nicht sicher. Das hängt aber von dem Willen derer ab, die in den Autos sitzen. Bei den Iranern befürchte ich mit dem neuen Präsidenten und vor allem seinem Umfeld, dass sie bereit sind, diesen Unfall zu riskieren. Bei den Amerikanern weiß ich es nicht genau, aber auch dort ist zu befürchten, wenn man die militärischen Planungen sieht, die ja schon lange im Gange sind, dass auch dort eigentlich davon ausgegangen wird, dass man auf dem Verhandlungswege nicht weiterkommen wird.

Heinlein: Welchen Kurs - vielleicht können Sie das noch näher erläutern - steuert denn der iranische Präsident? Will er ernsthaft eine Lösung oder will er die Welt letztendlich nur an der Nase herumführen? Welche Strategie verfolgt er?

Kermani: Der Präsident selbst ist glaube ich nicht interessiert an einer wirklichen Lösung, sondern er glaubt, dass Iran sich nicht auf einen Kuhhandel mit der westlichen Welt einlassen soll, dass der Westen sowieso den Iran verrät, dass der Westen durch den Irak 1980 Iran bereits angegriffen hat, als der Iran schwach war, und dass hier Stärke die einzige Lösung ist. Aber der Präsident ist im Iran nicht der oberste Herrscher. Es gibt die Revolutionsführer. Es gibt die Konservativen, die weit pragmatischer sind als die Extremisten um Ahmadenischad. Iran ist immer noch nicht einheitlich, sondern es gibt verschiedene Machtzentren. Die verschiedenen Signale aus Iran, das sind nicht Ergebnisse einer klug abgestimmten Politik, wo man wie beim Pokern mal dieses oder jenes Signal gibt, sondern die Signale kommen daher, dass es verschiedene Machtzentren im Iran gibt und vor allem die pragmatischen Kräfte durchaus einen Ausgleich wollen, der Präsident aber immer wieder Störfeuer gibt.

Heinlein: Die Stärke des Iran ist ausschlaggebend, ist wichtig für Teheran, haben Sie gesagt. Heißt das, Teheran will die Bombe?

Kermani: Ich glaube sie wollen zumindest zu einem Schwellenland werden, dass sie den Nuklearkreislauf so weit beherrschen, dass sie innerhalb kürzester Zeit bei der politischen Eskalation innerhalb von zwei, drei Jahren dann die Atomwaffe auch haben. Ob sie die Atomwaffe jetzt schon planen, das weiß ich nicht genau, aber dass sie jedenfalls die Möglichkeit haben wollen, das ist offenkundig.

Heinlein: Wie bedrohlich ist denn für Sie die Vorstellung eines mit Atomwaffen ausgerüsteten Iran?

Kermani: Unter dem jetzigen Regime ist sie durchaus sehr bedrohlich, denn das ist kein Regime, das nach außen Stabilität verbreitet - da muss man nur nach Irak schauen - und nach innen stabil ist. Es gibt im Iran sehr viel Unruhe, immer wieder Unruhen auch im Land. Es gibt die Machtkämpfe innerhalb des Regimes. Es gibt große Streiks, schwere Menschenrechtsverletzungen. Es brodelt im Land selbst. Nicht dass man glaubt, dass es sofort zu einer Revolution käme, aber die Unzufriedenheit, vor allem die soziale Frage im Iran bei über 30 Prozent Arbeitslosen, bei einer Bevölkerung, die einigermaßen gut ausgebildet ist, die vernetzt ist mit dem Westen, die Informationen bekommt über Satellit, über Internet, aber gleichzeitig eben sozial und auch politisch vollkommen blockiert ist, die Frustration ist riesengroß. In dieser Situation ein Regime zu haben, das über Atomwaffen verfügt und sie im Zweifel auch aufgrund seiner religiösen Berufung wahrscheinlich sogar einsetzen würde, ist in der Tat eine sehr bedrohliche Perspektive.

Heinlein: Heißt das für Sie, die internationale Gemeinschaft muss einschreiten um zu verhindern, dass der Iran in Besitz von Atomwaffen gelangt, notfalls auch mit militärischen Mitteln?

Kermani: Nein. Ich glaube, dass man versuchen muss, etwas pragmatischer vorzugehen als die Amerikaner es tun. Es gibt diesen neuen Vorschlag des früheren Schweizer Botschafters Guldimann, den er auch in dieser Woche präsentiert hat zusammen mit dem früheren amerikanischen Sicherheitsberater Brzezinski, der ihm zugestimmt hat, dass es das Ziel offenbar nicht sein kann, weil das ist nicht realistisch, Iran völlig von der Urananreicherung abzubringen, sondern dass man versuchen muss, diese Anreicherung zu kontrollieren und zu verzögern und den Iran immer weiter sozusagen in diesem Verhandlungsmodus zu behalten und vor allem auch die Kontrolle zu behalten. Das ist nicht die beste Lösung, aber es ist im Augenblick, so weit ich jedenfalls sehe, die am wenigsten schlechte Lösung.

Heinlein: Worauf würde sich denn Teheran einlassen: auf die Urananreicherung im Ausland, in Russland? Dieser Vorschlag wurde ja in der Vergangenheit regelmäßig abgelehnt.

Kermani: Ich glaube, dass man einen Weg finden muss, dieses Problem zu lösen, sei es im Iran selbst oder im Ausland, dass die Iraner diese Urananreicherung manchen können, weil sie werden es ohnehin machen. Man kann sie nicht davon abhalten. Im Augenblick sieht es nicht so aus, als sei der Westen insgesamt zu wirklich wirkungsvollen Sanktionen bereit. Die Ölsanktionen, die wirklich wirkungsvoll wären, würden eine ziemliche Katastrophe darstellen für die westliche Wirtschaft. So sagen Experten, zu denen ich nicht gehöre. Ich bin kein Wirtschaftsexperte. So weit ich sehe muss man einfach mit dem umgehen, was realistisch möglich ist. Das ist eher die Taktik einer Verzögerung, der Kontrolle und nicht der Maximalforderung. Dafür ist Iran einfach zu weit. Dafür ist die westliche Staatengemeinschaft, wozu China und Russland gehören, nicht einig genug. Dafür ist der Wille, den Iran wirklich unter Druck zu setzen, einfach nicht stark ausgebildet. Dann ist die Gefahr einer militärischen Konfrontation, die es in der Tat gibt, sehr, sehr groß. Denn das muss man sich klar machen: Wer immer mit dem Gedanken spielt, man könnte Iran militärisch bedrohen und damit die Sache lösen. Die Reaktion des Iran auch bei einem begrenzten Militärschlag, dass man versucht, einige Atomanlagen anzugreifen, wird verheerend sein durch Terrorismus im Irak, in Israel, Palästina und im Libanon. Das würde zu einer Kettenreaktion führen, wo man ganz bald eine wirklich breite Eskalation in der Region hat. Das ist nichts, was sich irgendein Iraner im Augenblick wünscht, aber was irgendwie der Sicherheit des Westens dienen würde.

Heinlein: Kurz zum Schluss die Frage, Herr Kermani. Sie haben die Verhandlungsführung, die Taktik, die Strategie der Amerikaner kritisiert. Nun ist heute das Treffen der Vetomächte gemeinsam in Deutschland sicherlich kein Zufall. Kann denn Deutschland in diesen Verhandlungen eine Position, eine vermittelnde Position einnehmen, die vielleicht positiv sich auf Teheran auswirken wird?

Kermani: Ich denke schon. Deutschland hatte immer gute Gesprächsfäden nach Iran. Das wurde in der Vergangenheit ja auch zum Teil zu Recht kritisiert, weil sie manchmal sogar zu gut wirkten. Aber in der jetzigen Situation muss man alles nutzen was geht, was möglich ist. Ich bin aber wie gesagt nicht sehr optimistisch, dass die Sache kurzfristig gelingt. Wenn sie nicht gelingt befürchte ich, dass es doch eine militärische Konfrontation gibt. Vor der fürchte ich mich, fürchten sich praktisch alle Iraner, und sollten sich auch die Menschen in der gesamten Region fürchten.

© Deutschlandfunk 2006

 
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