Remme: Die Nachricht vom Tod der Söhne von Saddam Hussein - aus amerikanischer Sicht - die erste gute Nachricht seit längerer Zeit aus dem Irak. Der Wiederaufbau des Landes gestaltet sich schwierig. Die antiamerikanischen Demonstrationen sind ausgewachsen zu einem Guerilla-Krieg, und es kommt jeden Tag zu Anschlägen, die auf amerikanischer Seite auch Todesopfer fordern. Am Telefon ist Michael Lüders, Nahost-Experte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Herr Lüders, wie schwer wiegt diese Nachricht und inwieweit ist das wirklich eine positive, die Nachricht vom Tod der Söhne von Saddam Hussein? Lüders: Es ist ein wichtiger psychologischer Sieg für die Amerikaner und es ist eine wichtige Nachricht für die künftige Entwicklung des Irak, denn diese beiden Söhne waren zwei verheerende Vertreter des alten Regimes, verantwortlich für zahlreiche Unterdrückungen, Morde, Entführungen, Vergewaltigungen et cetera. Insofern ist es nachvollziehbar, dass es in Bagdad spontan zu Freudenkundgebungen über die Nachricht des Todes dieser beiden Männer gekommen ist. Nichtsdestotrotz darf man diese Meldung nicht überbewerten. Es ist wichtig, dass sie unschädlich gemacht worden sind, aber selbst wenn Saddam Hussein persönlich morgen gefasst oder getötet werden würde, würden sich damit die Probleme, die die Amerikaner im Irak haben, nicht erledigen. Denn der Widerstand, den wir dort seit Monaten erleben, ist ein Widerstand, der längst ohne Vertreter des alten Regimes auskommt, wenngleich sie eine wichtige Rolle im Widerstand spielen, aber er wird getragen von breiten Schichten der Bevölkerung, vor allem von den Sunniten. Sie brauchen keine Symbolfiguren des alten Regimes,um den Amerikanern weiter große Schwierigkeiten zu bereiten. Remme: Ist es denn überhaupt erwiesen, dass die beiden, um die es geht, nun als Drahtzieher in diesem Widerstand fungiert haben? Lüders: Das ist der entscheidende Punkt. Nach allem, was wir wissen, funktioniert der Widerstand, der vor allem von den Sunniten getragen wird, also jenem Teil der Bevölkerung, die im Zentrum des Irak leben. Dieser Widerstand wird, nach alldem, was wir bisher wissen, nicht notwendigerweise von Saddam Hussein oder den führenden Schergen des alten Regimes koordiniert oder in Auftrag gegeben. Es sind vielmehr lokale Zellen, die unabhängig voneinander agieren und sich zunehmend zu einem Netz des Widerstandes finden, die dann entsprechend terroristische Anschläge verüben. Aber wie gesagt, nach allem, was wir wissen, ist Saddam Hussein nicht der unmittelbare militärische Auftraggeber dieser Aktionen. Der Widerstand hat sich längst verselbstständigt. Remme: Sie haben die Reaktionen in Bagdad kurz erwähnt. Man kann also davon ausgehen, dass aufgrund des Lebenslaufes dieser Personen auch in der irakischen Bevölkerung der Tod mit Genugtuung wahrgenommen wird? Lüders: In jedem Fall, aber die entscheidende Frage, die sich in der irakischen Bevölkerung stellt, ist natürlich, wie geht es weiter? Die Unzufriedenheit, vor allem über die Amerikaner, weniger über die Briten, ist ungeheuer groß, vor allem aus zwei Gründen: Man stellt sich die Frage, warum gelingt es den Amerikanern nicht, warum machen sie es nicht zu einer Priorität ihrer Politik, vor allem die Strom- und die Wasserversorgung im Irak wiederherzustellen? Die Lebensverhältnisse für die einfachen Menschen im Irak sind katastrophal. Sie sind teilweise schlimmer als sie es zu Zeiten von Saddam Hussein waren, und das war schon katastrophal genug. Wir haben in Bagdad gegenwärtig Temperaturen von knapp 50 Grad, und es gibt nur zwei Stunden am Tag Wasser und Strom. Bislang gibt es wenig Anzeichen dafür, dass man die Stromversorgung in einem umfassenden Maße wieder instandsetzen will. Die Menschen fragen sich, warum machen das die Amerikaner nicht? Und in der Tat kann man auf diese Frage keine vernünftige Antwort geben. Es ist offenbar so, dass man diesen Dingen keine Bedeutung beigemessen hat, weil man sich ganz auf die Bekämpfung des Guerilla-Krieges konzentriert hat. Das ist also der eine große Vorwurf, den die Iraker quer durch alle sozialen Schichten immer wieder erheben. Die andere große Schlüsselfrage für die Zukunft des Irak und für die Art und Weise, wie Amerikaner und Iraker miteinander umgehen werden, ist: Wird es wirklich klare politische Strukturen in Richtung auf eine Demokratisierung geben, in Richtung auf eine Irakisierung der Politik im Zweistromland? Wir haben jetzt zwar einen Übergangsrat, der vor einigen Tagen eingesetzt worden ist, aber dieser Übergangsrat hat ja nicht wirklich exekutive Befugnisse. Er ist vollständig abhängig von den Vorgaben, die Paul Bremer, der Interimsverwalter der Amerikaner, ihnen macht. Es ist im Grunde genommen ein Gremium derer, die nur abnicken können, was Washington für Vorschläge unterbreitet, und dagegen richtet sich nicht zuletzt ein großer Teil des Widerstandes. Man darf wirklich nicht unterschätzen, dass das Nationalbewusstsein im Irak quer durch die ethnischen Gruppierungen, ob Kurden,Schiiten oder Sunniten, sehr ausgeprägt ist. Die Tatsache, dass man besetzt wird, wird von weiten Teilen der Bevölkerung als eine ganz große Demütigung gesehen, ungeachtet der Tatsache, dass man den Amerikanern dankbar ist, Saddam Hussein gestürzt zu haben. Remme: Die Vereinten Nationen, der Weltsicherheitsrat hat gestern über die Lage im Irak beraten. Wäre viel gewonnen, wenn man den Wiederaufbau auf mehrere Beine stellen würde, das heißt die UNO am Wiederaufbau beteiligen würde? Lüders: Ich sehe, ehrlich gesagt, keine Alternative dazu, diesen Konflikt zu internationalisieren. Washington wird es mittel- und langfristig nicht schaffen, die Verhältnisse im Irak politisch, militärisch oder wirtschaftlich alleine in den Griff zu bekommen. Es bedarf einer Internationalisierung der Irak-Politik, und hier kommen natürlich die Vereinten Nationen. Die Frage ist nur, ob Washington bereit sein wird, substantielle Befugnisse an die Vereinten Nationen abzutreten. Danach sieht es im Augenblick nicht aus. Remme: Der Nahost-Experte der Friedrich-Ebert-Stiftung, Michael Lüders, vielen Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2003