Spengler: Vor fünf Jahren, am ersten August 1998, trat die umstrittene Rechtschreibreform in Kraft. Vorschriften für die Schreibweise mit Doppel-S und ß wurden verändert. Es gab Änderungen bei der Groß- und Klein-, bei der Getrennt- und Zusammenschreibung, bei der Zeichensetzung. Und noch zwei Jahre dann ist die Übergangszeit vorbei. Dann soll die Reform endgültig eingeführt werden 2005. Zeit für eine Zwischenbilanz. Am Telefon ist der Präsident des deutschen Lehrerverbandes, der Dachverband mehrerer Lehrerorganisationen. Guten Morgen, Josef Kraus! Kraus: Guten Morgen, Herr Spengler! Spengler: Mir selbst, Herr Kraus, fällt die neue Rechtschreibung nach wie vor schwer. Wie geht es Ihnen als Lehrer? Kraus: Da habe ich sehr viel Sympathie für Sie. Ich muss mich da ein bisschen schizophren verhalten. Was ich privat mache, das geschieht bei mir in alter Schreibung. Oder wenn ich die Gelegenheit habe, in Magazinen oder irgendwelchen Publikationen was zu schreiben, die die neue nicht eingeführt haben, dann schreibe ich selbstverständlich die alte Schreibung. Als Leiter eines Gymnasiums muss ich die neue natürlich umsetzen, um die Verwirrung bei mir im Haus nicht noch größer zu machen. Aber als ich im Jahr 2000 ein Buch veröffentlicht habe, ist das selbstverständlich in alter Schreibung erschienen. Spengler: Wenn Sie sagen, das war selbstverständlich in alter Schreibung, dann heißt das, Sie waren eigentlich gegen die Rechtschreibreform. Hat sich Ihre Ansicht inzwischen geändert? Kraus: Nein, die hat sich überhaupt nicht geändert, weil die grundsätzlichen Überlegungen, die sprachwissenschaftlichen Überlegungen, auch die praktischen Überlegungen für mich nach wie vor gegen diese Reform sprechen. Aber man sieht es mit ein bisschen mehr Gelassenheit, vor allem weil man beobachtet, dass sie sich doch nicht so umsetzt, die neue Rechtschreibung, wie sich das die Reformer gedacht haben. Spengler: Das heißt was? Kraus: Es gibt mittlerweile, wenn man den Zeitungsmarkt nimmt, an die zwanzig verschiedene Hausschreibungen. Es gibt im Verlagsbereich sehr unterschiedliche Schreibungen. Nach wie vor sind über 90 Prozent der Bibliotheksbestände in alter Schreibung. Und auch, was die Neuerscheinungen angeht: Mit Ausnahme der Schulbücher ist der allergrößte Teil in alter Schreibung. Die Zeitungen haben ein bisschen umgestellt oder sehr umgestellt oder gar nicht umgestellt oder sind wieder zurückgegangen wie beispielsweise die FAZ. Es ist alles ein ziemliches Reformchaos. Es kommen immer wieder neue Vorschläge von der Akademie in Darmstadt und anderen sprachwissenschaftlichen Organisationen. Das Chaos ist im Grunde genommen perfekt. Spengler: Und das finden Sie gut? Kraus: Ich bin ein bisschen schadenfroh. Als Pädagoge muss ich sagen, das ist natürlich eine Katastrophe, denn das führt unsere Kinder dazu zu glauben: Du kannst machen, was du willst bei der Rechtschreibung. Aber als einer, der die Rechtschreibreform skeptisch sieht, wie gesagt, bin ich ein bisschen schadenfroh, dass sich die Blütenträume der Reformer so nicht umsetzen ließen. Spengler: Kommen wir mal auf Ihr eigentliches Klientel, auf die Schüler. Ist das mit der Rechtschreibung möglicherweise ein Generationenproblem. Also, fällt es den Jüngeren, den Schülern, die vielleicht gar nichts anderes kennen, leichter als uns Älteren? Kraus: Natürlich ist die Umstellung nicht unbedingt leicht für jemanden, der drei oder vier Jahrezehnte lang die alte Rechtschreibung praktiziert hat, vorausgesetzt dass er die auch wirklich komplett beherrscht hat. Aber derjenige, der es komplett beherrscht hat, erkennt auch die neuen Regeln, soweit sie eindeutig sind. Die Kinder, die wir jetzt in der dritten, vierten, fünften Klasse haben, die haben natürlich im Grunde genommen in der Schule nichts anderes gelernt. Wenn sie allerdings zu Hause Kinderbücher in die Hand nehmen, die älteren Datums sind, dann finden sie wiederum die alte Rechtschreibung. Bei denen ist die Verwirrung zumindest in dem Moment wieder da, wo sie außerschulische Lektüre betreiben. Spengler: Nun sollte ja die neue Rechtschreibung vor allem dazu dienen, das System logischer zu entwickeln, damit die Schüler weniger Fehler machen. Ist das der Fall? Kraus: Nein, überhaupt nicht, überhaupt nicht. Die Prognosen, die damals von den Reformeuphorikern kamen vor fünf, sechs, sieben Jahren, dass angeblich - und das war der Gipfel an Prognose - 70 Prozent weniger Fehler gemacht würden, entpuppen sich natürlich als völlig leere Versprechungen und als völlige Utopie. Es gibt ja leider keine seriöse Studie der Kultusminister, die bestätigen würde, dass weniger Fehler gemacht würden, und sei es nur in der Größenordnung von zehn Prozent. Die Praktiker vor Ort, und das sind im Wesentlichen die Deutschlehrer, kommen zum Ergebnis, dass im Endeffekt nicht weniger Fehler gemacht werden, wenn man mal den Bereich der Kommasetzung außen vor lässt. Die Kommasetzung ist ja so weit liberalisiert worden, dass sie mittlerweile das Lesen erschwert, aber für den Schreiber ist es ein bisschen leichter, wenn er ein Komma setzen kann oder nicht setzen muss. Aber ansonsten ist die Fehlerzahl gleich geblieben. Es sind neue Fehler mit hinzu gekommen. Die S-Schreibung, die in sich noch am Stimmigsten ist, die eindeutig von der Regel her ist, ist nicht leichter geworden. Der kardinale Fehler, den viele Schüler machen, nämlich das und dass, also das Relativpronomen und die Konjunktion zu verwechseln, das geschieht nach wie vor. Und vor allem müssen die Schüler nach wie vor erkennen: Geht diesem Doppel-S beziehungsweise dem scharfen S ein langer oder ein kurzer Vokal voraus. Das war auch früher so üblich. Also, wer das nicht unterscheiden kann, macht nach wie vor die gleichen Fehler. Es werden zusätzliche Fehler gemacht in der S-Schreibung, sogenannte Generalisierungsfehler. Da hat man als Schüler irgendwann gehört, jetzt muss man viel Doppel-S schreiben, jetzt schreibt man auch draußen und außen mit Doppel-S. Also, ich glaube nicht, dass weniger Fehler gemacht werden, und von der Groß- und Kleinschreibung und von der Zusammen- und Getrenntschreibung will ich gar nicht sprechen, denn die beherrschen selbst viele Deutschlehrer und viele Journalisten nicht. Spengler: Das ist wohl wahr. Gibt es denn aus Ihrer Sicht etwas, das sich bewährt hat? Kraus: Die S-Schreibung ist in sich stimmig. Aber sie ist nicht leichter geworden. Das Kriterium der Erleichterung des Schreibens, das war von Haus aus ein falsches Konstruktionskriterium in der Rechtschreibung. Man hätte nach sprachwissenschaftlicher, linguistischer Logik fragen müssen und nicht erleichterungspädagogisch überlegen sollen, was den Kindern leichter fällt, was den Schreibern leichter fällt. Vor allem hat man dabei völlig übersehen, ich denke wieder an die Kommasetzung, völlig übersehen, dass tausendmal so viel gelesen wie geschrieben wird. Und die Rechtschreibung muss so sein, dass sie dem Leser leichter fällt, und das ist mit der neuen Kommasetzung, wo man das Komma weglassen kann vor dem erweiterten Infinitiv, ist eine Erschwernis beim Lesen. Spengler: Herr Kraus, ganz kurz zum Schluss. Können Sie es kurz sagen: Wie kommen wir aus der Sackgasse raus? Kraus: Ich glaube, dass wir aus der Sackgasse gar nicht mehr rauskommen. Und es sind mittlerweile fünf Jahre schon Schulbücher für Millionen von Mark in neuer Schreibung erschienen. Wir können im Grund genommen von daher nicht mehr zurück. Das Ergebnis wird sein, dass die Vorstellung bei den jungen Leuten einkehrt, Rechtschreibung wäre so ein bisschen etwas mit Beliebigkeit. Vielleicht findet, das wäre meine Hoffnung, vielleicht findet die Mehrheit der Kultusministerkonferenz den Mut zu sagen: O.k., lassen wir die S-Schreibung so wie sie neu geregelt ist, in allen anderen Bereichen gehen wir Schrittchen für Schrittchen wieder zurück. Die Schüler werden damit leben lernen, die Lehrer werden damit leben lernen. Ich habe immer noch nicht die Hoffnung ganz aufgegeben, dass vielleicht einige größere Publikationsorgane und größere Verlage auch noch zurückgehen. Auch so etwas, wie die FAZ gemacht hat. Spengler: Herr Kraus, ich bedanke mich. Hoffen wir, dass Ihr Appell auf offene Ohren stößt. Das war der Präsident des deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus. © Deutschlandfunk 2003