Engels: Knapp 16 Monate sind seit dem letzten ausführlichen Treffen vergangen, 16 Monate, in denen es keine längere Unterhaltung zwischen US-Präsident Bush und Bundeskanzler Schröder "Face to Face" gab. Dazwischen lagen ein Bundestagswahlkampf, ein Irak-Krieg und reichlich viel persönliche Missklänge. Heute nun im New Yorker Hotel Waldorf-Astoria soll das deutsch-amerikanische Schweigen der Spitzenkräfte ein Ende haben. Der Kanzler trifft vor seiner Rede vor der UN-Generalversammlung mit dem US-Präsidenten für circa 30 Minuten zusammen. Am Telefon ist nun Karsten Voigt, Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Herr Voigt, sind Sie erleichtert, dass die beiden sich jetzt wenigstens wieder direkt unterhalten? Voigt Ich habe seit Monaten erwartet, dass dieser Zeitpunkt kommt. Jetzt bin ich sehr froh, dass er tatsächlich eintritt. Das Treffen bedeutet für die deutsch-amerikanischen Beziehungen symbolisch die Rückkehr zur deutsch- amerikanischen Freundschaft und für die amerikanisch-europäischen Beziehungen die Chance zur Reform, aber auch zur Erneuerung der transatlantischen Beziehungen. Engels: Die Symbolik ist das eine, der Inhalt das andere. Nun waren ja gestern bei der Rede von US-Präsident Bush vor der Vollversammlung zwar die Worte etwas friedlicher, aber im Kern war kein Einlenken zu erkennen. Sehen Sie denn inhaltliche Annäherungen im Streitfall Irak? Voigt Der amerikanische Präsident hält formal an seiner Position und seiner Konzeption fest. Gleichzeitig muss er einsehen und sieht er ein, auch aufgrund der Diskussion in den Vereinigten Staaten selber, dass die Amerikaner verbündete Partner bei der Lösung der Probleme im Irak brauchen. Weil sie Partner brauchen, werden sie wieder offener für den Einfluss und für die Argumente von Europäern. Engels: Nun geht es ja im Fall des Irak auch um die Übertragung von Souveränität. Der französische Präsident Chirac ist dafür, dass die Iraker schon nach einigen Monaten - die Rede ist von sechs bis neun - die Souveränität zurückerhalten sollen. Dem hat sich gestern auch, was die Monatsangabe angeht, Bundeskanzler Schröder angeschlossen. Das weist Bush ja vehement zurück? Voigt Ich nehme diesen Streit nicht so dramatisch, wie er jetzt dargestellt wird, weil ja auch die Amerikaner unmittelbar nach dem Ende des erfolgreich geführten Krieges am Anfang gesagt haben, wir wollen ganz schnell die Übertragung der amerikanischen Autoritäten auf Iraker und wollen dann schnell auch freie Wahlen. Die Bedingungen vor Ort am Boden haben sie sozusagen realistischer werden lassen. Insofern ist auch bei den Amerikanern natürlich das Bestreben, möglichst schnell ihre Autoritäten auf Iraker zu übertragen, schon allein weil sie den Geruch der Besatzungsmacht abstreifen wollen. Ich glaube, dass es dort, wenn nicht zur Übereinstimmung, so doch zur Annäherung kommen kann. Engels: Ist denn eine Übertragung in einigen Monaten realistisch, ohne den Irak zu überfordern? Voigt Ehrlich gesagt fehlen mir da die Kenntnisse und ich bewundere all diejenigen, die das genau wissen. Deshalb glaube ich auch, dass in Wirklichkeit die Staats- und Regierungschefs, die sich jetzt treffen, hier unterschiedliche Begriffe verwenden, aber in der Sache sich aufeinander zubewegen. Engels: Wenn im UN-Sicherheitsrat eine neue Irak-Resolution beschlossen wird, sollte sie dann einen detaillierten Zeitplan für die Übergabe von Macht beinhalten? Voigt Das wollen die einen, die sich nicht auf Zusagen der Amerikaner verlassen wollen. Die, die Freiheit des Handelns behalten wollen, wollen weniger Zusagen. Das ist dieses Spannungsverhältnis, was zur Zeit beim Aushandeln der Resolution besteht. Ob es dann im Sicherheitsrat zu einer einstimmigen oder einmütigen Annahme einer solchen Resolution kommt, das kann bisher niemand voraussagen. Sicher ist - auch nach der Aussage von Chirac, dass er kein Veto einlegen wird - , dass an einem deutschen oder französischen Nein eine solche Resolution nicht scheitern würde, weil es ein deutsches oder französisches Nein nicht gibt, sondern vielleicht eine Enthaltung, und wenn man sich einigen kann, vielleicht sogar eine Zustimmung. Engels: Aber welches sind die Grundbedingungen, für die die Zustimmung dann auch tatsächlich kommt? Voigt Die Grundbedingungen sind natürlich einvernehmlich. Man will, dass die Iraker vor Ort mehr Verantwortung übernehmen. Man will, dass die UNO eine wesentlich stärkere Rolle spielt. Und man will auch durch diese beiden Faktoren, wenn die vereinbart sind, dass die gemäßigten arabischen und islamischen Staaten sozusagen sich noch mehr engagieren. Durch diesen Dreiklang von Internationalisierung, Irakisierung und auch Einbeziehung islamischer und arabischer Nachbarstaaten versucht man, das Vertrauen der irakischen Bevölkerung zunehmend zu gewinnen. Engels: US-Präsident Bush hat gestern - Sie haben es angesprochen - in seiner Rede die Hilfe von verbündeten Partnern verlangt. Also mehr internationale Hilfe. Deutschland hat bislang die Ausbildung von Soldaten und Polizisten aus dem Irak in Deutschland angeboten. Kann darüber hinaus noch mehr angeboten werden? Voigt Zuerst einmal: wir tun ja auch noch mehr. Wir geben bereits humanitäre Hilfe und die Bundesregierung hat ja auch gesagt, dass sie dort, wo besonders deutsche Firmen ein Know-How haben, bereit ist, einzelne Projekte des Wiederaufbaus technisch und finanziell zu unterstützen. Dann geht es um die wichtige Frage der Politik und der Unterstützung durch internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbank. Aber wenn die Geld geben, muss natürlich auch die Transparenz da sein, für welche Projekte das Geld ausgegeben wird, und wer das Geld kontrolliert, das gegeben wird. Das können dann nicht die Amerikaner allein machen. Das muss dann natürlich auch durch diejenigen, die das Geld geben, durchschaubar sein. Engels: Reden denn der Kanzler und der Präsident heute auch über konkrete Geldsummen? Voigt Ich bin bei dem Gespräch nicht dabei. Ich weiß es nicht. Das Gespräch ist ja auch noch gar nicht gewesen. Insofern kann man das nicht voraussagen. Ich halte das eher für unwahrscheinlich. Engels: Nun ist ja das grundsätzliche deutsch-amerikanische Verhältnis jetzt wieder auf dem Weg der Besserung, aber es ist und bleibt belastet. Wird denn jetzt wenigstens der Rückgang zur Normalität bis zum Ende der Legislaturperiode von George Bush halten? Voigt Einerseits ist dieser Schritt heute, dieses Treffen symbolisch die Rückkehr zur deutsch-amerikanischen Normalität, zur deutsch-amerikanischen Freundschaft. Aber andererseits muss sich auch das deutsch-amerikanische Verhältnis ändern. Während des kalten Krieges waren wir völlig von dem Schutz der Amerikaner zum Beispiel für Berlin abhängig. Heute bitten uns die Amerikaner und erwarten zu Recht auch unsere Solidarität beim Kampf gegen den internationalen Terrorismus weit ab von Europa. Das heißt, die Deutschen müssen sich im verstärkten Maße global auch sicherheitspolitisch, zum Teil sogar militärisch, engagieren. Aber da wir begrenzte Interessen und begrenzte Fähigkeiten haben, müssen wir sehr genau entscheiden, wo wir es können und wollen. Dieser Blick auf globale Sicherheitsfragen verändert natürlich nicht nur das deutsch-amerikanische, sondern das transatlantische Verhältnis. Insofern geht es nicht nur um Rückkehr zum alten, sondern um die Erneuerung der transatlantischen Beziehungen. Engels: Karsten Voigt, Koordinator der Bundesregierung für die deutsch- amerikanischen Beziehungen, vielen Dank für das Gespräch! ©Deutschlandfunk 2003