Liminski: Schon Alexander der Große wusste es, Afghanistan kann man durchqueren, erobern kann man es nicht. Nun ist die ISAF, die International Security Assistance Force, die Internationale Schutztruppe, keine Besatzungsmacht, sondern eben eine Schutztruppe, die mit der Regierung zusammen arbeitet, deren Radius aber bislang auf die Hauptstadt Kabul begrenzt ist. Ihr derzeitiger Kommandeur, der deutsche Nato-General Götz Gliemeroth, plädiert jetzt dafür, den Einsatz auszuweiten und ISAF-Inseln im ganzen Land zu schaffen. Das würde natürlich auch eine Ausweitung des deutschen Mandats bedeuten. Am Telefon begrüße ich nun den ehemaligen Bundeswehrarzt Oberst Reinhard Erös, der seit Jahren zusammen mit seiner Familie die private Initiative "Kinderhilfe Afghanistan" betreibt. Sie unterstützt afghanische Kinder und Frauen in Pakistan und in Afghanistan und der Bundeswehrarzt ist naturgemäß seit Jahren am Hindukusch tätig. Grade ist er wieder einmal zurück in Deutschland. Guten Morgen, Herr Erös. Erös: Guten Morgen, Herr Liminski. Liminski: Herr Erös, zunächst einmal die Frage, wo sind Sie in Afghanistan tätig? Nur im Grenzgebiet oder auch im Land selbst? Erös: Nein, wir arbeiten jetzt fast nur noch im Land selbst und zwar nicht in Kabul, auch nicht in Kunduz, das heißt, nicht im Norden, sondern in den, wie es so schön heißt, besonders gefährlichen, besonders gefährdeten Ostprovinzen Afghanistans, das heißt, in Kunar, Nangahar und Paktia. Liminski: Sie arbeiten also auch im Kriegsgebiet. Wie gefährlich ist es denn außerhalb Kabuls, zum Beispiel in Kunduz, wohin demnächst deutsche Soldaten kommen? Erös: Also, der Begriff Kriegsgebiet ist natürlich sehr, sehr relativ zu bewerten. Also, Krieg war in Afghanistan vor zwei Jahren, als die Taliban vertriebenen wurden, Krieg war in Afghanistan in den achtziger Jahren, als die Russen dort kämpften. Jetzt würde ich das nicht mehr als Krieg bezeichnen. Was jetzt da noch stattfindet, sind, ich sage es mal so, einzelne Scharmützel, zum Teil auf sehr hohem militärischem Niveau, das gebe ich zu, insbesondere der amerikanischen Luftwaffe, der amerikanischen Special Forces gegen Taliban-Reste, gegen El Kaida. Im Vergleich zur Situation noch vor zwei Jahren, ich bin jetzt seit drei Jahren wieder in Afghanistan tätig, würde ich Afghanistan jetzt als ein Land im Frieden generell bezeichnen. Liminski: Ich erwähnte eingangs Alexander den Großen: Man kann Afghanistan nur durchqueren, so wie Sie, aber nicht besetzen. Wie würde die Bevölkerung ISAF- Einheiten im Land annehmen? Würde das nicht die stolzen Stämme in ihrem Ehrgefühl stören, wenn bewaffnete Einheiten aus aller Welt für Ruhe und Ordnung sorgen und nicht die eigenen Waffenträger? Erös: Ich kann jetzt nur für das Gebiet der Paschtunen sprechen, also den Osten und Süden, in dem ich tätig bin, den Norden, wo also vorwiegend Tadschiken, Usbeken und so weiter leben, den kenne ich weniger. Im Gebiet der Pashtune, vor allen Dingen im Osten Afghanistans würde man ISAF oder speziell deutsche Truppen, hier muss man auch ein bisschen unterscheiden, deutsche und andere, nicht nur dulden, sondern begrüßen. Ich habe das jetzt vor einer Woche erst wieder, als ich in Jalalabad eine neue - übrigens am 11. September, wir haben uns diesen Tag bewusst ausgesucht - eine neue Schule eröffnet habe, mit dem Gouverneur, und zwar mit beiden Gouverneuren, mit dem Gouverneur von Nangahar und von Kunar gesprochen. Beide würden es begrüßen und haben mich gebeten, alles zu tun, damit es geschieht, dass deutsche Soldaten und dass auch deutsche Berater, das müssen nicht nur Militärs sein, jetzt zu ihnen kommen und sie beim Aufbau ihrer Provinzen unterstützen. Und da geht es nicht drum, dass diese - das können auch nur ein paar hundert Soldaten sein - diese paar hundert Soldaten jetzt nicht dort im Stande wären, Sicherheit zu garantieren, sondern hier geht es ihnen darum, quasi dieses Schwarz-Rot-Gold optisch auch ihren Bewohnern, den Bewohnern ihrer Provinz zu zeigen, denn Schwarz-Rot-Gold gilt dort quasi als Garantiezeichen für Zuverlässigkeit, für Hoffnung, für positive Entwicklung. Liminski: Herr Erös, was soll denn dann mit den Antiterror-Einheiten des Mandats "Enduring Freedom" geschehen, die haben Kampfaufträge in instabilen Regionen. Gäbe es nicht Kompetenz-Überlappungen, mithin Kompetenz-Wirrwarr? Erös: Das ist tatsächlich eines der Haupthindernisse, glaube ich, ISAF auszuweiten und bis vor wenigen Monaten war es ja auch in erster Linie amerikanische Politik, die darauf gedrängt hat, ISAF nicht aus Kabul rausnehmen zu lassen, damit eben dort ihre eigenen Truppen, das heißt Eduring Freedom- Soldaten, dort Taliban- und El Kaida-Reste und meinetwegen auch Hekmatiyar bekämpfen können. Ich glaube, das ist inzwischen eine Art Selbstläufer geworden. Der Aufwand, den ich, ich habe es jetzt auch bei der Öffnung dieser Schule in Chewa gemerkt, wo im Hintergrund amerikanische Bomben explodierten, der Aufwand, den man zur Zeit von Seiten Amerikas aus betreibt, um auch noch den letzen Taliban-Gefreiten, so nenne ich es mal, in Afghanistan mit militärischer Gewalt entweder zu töten oder zu vertreiben, steht in keinem Bezug, in keinem Verhältnis zu dem sehr geringen Aufwand, den man außerhalb Kabuls betreibt, das Land wieder aufzubauen. Hier müsste eine Balance hergestellt werden. Und wie wir wissen und wie es Ihre Kollegen ja auch berichtet haben in den letzten Monaten, ist der Erfolg auf afghanischem Territorium in der Jagd auf Taliban-Führer und El Kaida-Führer ja relativ bescheiden. Die Masse der El Kaida-Kämpfer, die man in den letzen Monaten erwischt hat, hat man im Osten Pakistans gefangen genommen und nicht im Osten Afghanistans. Und von der Taliban-Führung ist selbst in Afghanistan bis zum heutigen Tag kaum jemand militärisch getötet oder ansonsten erwischt worden. Liminski: Sie plädieren also für eine Ausdehnung, das wäre sinnvoll, wenn ich das richtig interpretiere... Erös: Ganz leidenschaftlich, ganz leidenschaftlich! Liminski: Ja. Wie sinnvoll ist denn der jetzige Zustand? Erös: Nun, der ist auf alle Fälle besser als das, was vorher war. Man muss ja immer sehen, ist es besser, im Vergleich zu was? Also, die jetzige Situation, wie wir sie nun seit Frühjahr 2002 etwa haben, ist deutlich - aus der Sicht der Afghanen vor allen Dingen - deutlich besser als das, was die Jahre vorher war. Und auch die Tendenz, würde ich mal sagen, ist im Prinzip nicht schlechter geworden. Hätte der Vorgänger oder Vor-Vorgänger von General Gliemeroth sich genauso geäußert wie Gliemeroth jetzt vor wenigen Tagen und wäre man diesem Ratschlag damals, vor anderthalb Jahren, schon gefolgt, könnte Afghanistan schon viel, viel weiter sein. Denn das Konzentrieren sowohl humanitärer Hilfe, wie auch auf politische Unterstützung, wie auch des militärischen Einsatzes von ISAF auf Kabul wurde in den vergangenen Monaten zunehmend kontraproduktiv, übrigens auch für die Sicherheit von Kabul. Kabul hatte noch vor anderthalb Jahren etwas 600.000, 700.000 Einwohner. Durch die Präsenz von über tausend NGOs in Kabul, durch die Präsenz der UN-Organisationen in Kabul, durch die Präsenz von ISAF ausschließlich in Kabul hat sich die Anzahl der Bewohner Kabuls fast versechsfacht. Wir haben dort jetzt inzwischen fast drei Millionen Einwohner. Fast jeder Flüchtling, der aus Pakistan nach Afghanistan zurückkehrte in den letzten Monaten, ist eben nicht in sein Heimatdorf, nicht in seine Heimatprovinz zurückgekehrt, sondern nach Kabul. Denn Kabul gilt dort als die goldene Stadt, natürlich fälschlicherweise in vieler Beziehung. In Kabul gibt es Geld, in Kabul leben die reichen Ausländer, in Kabul finde ich vielleicht einen Job, das zieht natürlich auch zwielichtige Gestalten an. Das führt dazu, dass die Kriminalität in Kabul in den letzten Monaten durch die verstärkte Hilfe des Auslandes, durch das verstärkte Engagement von ISAF also einfach zugenommen und nicht abgenommen hat und damit wird auch die Sicherheit deutscher Soldaten immer gefährlicher. Liminski: Das war der Bundeswehrarzt in Afghanistan, Reinhard Erös, besten Dank für das Gespräch. ©Deutschlandfunk 2003