Müller: Am Telefon sind wir nun verbunden mit dem EPD-Medienjournalisten Uwe Kammann. Guten Morgen. Kammann: Guten Morgen, Herr Müller. Müller: Ist Harald Schmidt besser als Fußball? Kammann: Das kommt drauf an, wer die Fangemeinde bildet. Für große Massen ist Fußball sicherlich besser und Harald Schmidt hatte seine großen Fans im Feuilleton. Als er bei Sat 1 abtrat, haben ja manche geradezu weinende Nachrufe geschrieben, so als ob das Fernsehen zu Ende wäre. Das kommt also auf den Blickwinkel an. Aber er ist natürlich ein Markenzeichen und ich glaube, also solchen hat ihn auch die ARD eingekauft. Müller: Ist das gut für die ARD, so viel Geld für Harald Schmidt auszugeben? Kammann: In der ARD selbst ist das umstritten gewesen, die Gremien waren in der Mehrzahl gar nicht so glücklich. Es ist völlig klar, es geht hier um die Strategie, etwas Spektakuläres auf den Schirm zurückzuholen für die ARD, wo Schmidt ja früher auch einmal war. Er hat sich dann ja bei Sat 1 den Ruf der absoluten Narrenfreiheit erworden, auch des Anarchischen, dessen, der vor den gesellschaftlichen Tabus keinerlei Scheu hat, also einer, der sich wirklich jede Freiheit nimmt, jede Grenze zu verletzen und ich denke, das wollte uns die ARD sagen: wird sind nicht so altertümlich, wir können mithalten und allen Paroli bieten, die von uns Frechheit erwarten. Müller: Braucht die ARD grenzenlose Freiheit? Kammann: Ich vermute, er wird sie sich nehmen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass man ihn vertraglich fesseln kann und viele werden ja genau das erwarten, also wird es schwer sein für die ARD, an der Stelle dann zu sagen nein, hier hast du eine Grenze überschritten, hier darfst du nicht weitermachen. Sie wird sehen, worauf sie sich eingelassen hat; es gibt Kritiker, die sagen, Harald Schmidt hat sich ARD genial abgezockt, indem er eben für 8 Millionen diese Sendung produzieren wird. Darin ist ja auch ein beträchtliches Honorar enthalten. Da kann man getrost abwarten, wie es geht, aber es wird für die ARD auch nicht ganz einfach, es wird nicht nur das glänzende Markenzeichen sein. Viele, gerade auch in den Gremien oder bei den Offiziellen, werden sich auch ärgern, da bin ich sicher. Müller: Hört sich ein wenig so an, als hätte das ZDF in diesem Falle Glück gehabt. Kammann: Haha, wenn sie das nicht hätten haben wollen - die hatten ja mal ganz früher eine satirische Sendung, den Scheibenwischer, danach abgeschafft, weil unter anderen der Intendant damit nicht glücklich war und insofern werden sie, wenn sie diese Schärfe nicht wollen, glücklich sein. Aber ich finde, Programm kann und sollte natürlich auch richtiges Profil und auch das Anarchische vertragen können. Müller: Schärfe hat es in den vergangenen Wochen und Tagen zwischen ARD und ZDF gegeben, es gab sehr viele Vorwürfe, die da gegenseitig über die Medien lanciert worden sind. Warum sind ZDF und ARD Konkurrenten? Kammann: Weil es heute um Marktanteile geht und da sind auch diejenigen, die im so genannten gebundenen Wettbewerb sind, also beide als öffentlich-rechtliche Systeme, nicht ausgenommen und Experten sagen, es gibt durchaus den Hintergrund, einen Kampf wegen der politisch verordneten Strukturen und der Strukturreformdiskussion, die ja noch nicht zu Ende ist, dass einige befürchten, das ZDF solle privatisiert werden, das wäre dann sozusagen die Zielrichtung der ARD, dann wäre sie die stärkere öffentlich-rechtliche Macht und auf der anderen Seite soll es auch eine Denkschule geben, die befürwortet, das erste Programm abzuschaffen, also im Interesse des ZDF, dann wären sie die Stärkeren, was das nationenweite Fernsehen betrifft. Das wird natürlich nur hinter sehr vorgehaltener Hand diskutiert, aber ich glaube, so etwas spielt im Hintergrund eine Rolle. Also man will sich positionieren und dazu brauchen wir eben auch möglichst große Marktanteile. Es geht also nicht alleine darum, dass jeder für sich das bestmögliche Programm macht und dabei eben auch in Kauf nimmt, mit Sendungen für Minderheiten mal zu "riskieren", das heißt, nur drei, vier Prozent der Zuschauer an einem Abend zu einer bestimmten Sendung. Das ist glaube ich auch der Hintergrund. Auf der anderen Seite war der Anlass ja nicht geringfügig: die ARD wollte die Tagesthemen um eine Viertelstunde verlängern beziehungsweise überlegt, dies im Jahre 2006 zu tun. Das hätte eine Reihe von Verschiebungen zur Folge und dann befürchtet nun das ZDF, dass dadurch eigene Sendungen berührt werden könnten. Jetzt hat der Programmdirektor auch gesagt, es könnte eine so genannte Informationskannibalisierung geben, ob das in dieser Form eintreten würde, ist die Frage, die ARD sagt schlicht, es sind alles Überlegungen und jeder muss daran interessiert sein, sein eigenes Programm zu optimieren, ohne dass er jetzt groß Rücksicht nimmt auf den Konkurrenten. Müller: Nehmen wir ein Beispiel, was in der Presse auftauchte: Kerner gegen Christiansen ist da das Schlagwort, das heißt, diejenigen, die abends Interesse haben, die Zuschauer einer politischen Talkshow oder Diskussionssendung schauen Christiansen, nun gibt es ja auch Zuschauer mit völlig anderen Interessen, die bekommen jetzt gegebenenfalls beim ZDF Kerner vorgesetzt. Warum diese Alternative? Kammann: Das wäre eben der Versuch, eine eigene große Marke - und Kerner ist das ja, der ist ja fast allgegenwärtig im ZDF - gegen eine bekannte Größe der ARD zu setzen. Das ist ja auch der Fall, wenn, das ist eine realistische Überlegung, Thomas Gottschalk, für einige Abende jedenfalls, direkt gegen Harald Schmidt gesetzt wird, also das ist dann sozusagen eine Gegenprogrammierung mit den gleichen Elementen. Da versucht man also jeweils sozusagen, seine Stärke gegen die Stärke des anderen zu setzen und das ist halt wie Fingerhakeln oder Armdrücken, zu sehen, wer ist denn nun an der Stelle der Beste. Müller: Inwieweit ist das denn kontraproduktiv, die gleiche Zielgruppe anzusteuern? Kammann: Ich halte es auch nicht für so glücklich, an der Stelle zu attackieren. Ganz früher, als es das private Fernsehen noch nicht gab, gab es sogar eine Koordinierungspflicht zwischen ARD und ZDF, das heißt, beide Systeme waren gehalten, nicht mit dem Gleichen gegen die anderen anzutreten, also wenn der eine Informationen sendete, sollte der andere ruhig Unterhaltung senden und umgekehrt. Man sollte das Programm aufeinander abstimmen, damit jeweils eine Alternative da war. Das ist aufgelöst worden in der zunehmende Fernsehkonkurrenz, wir haben jetzt über 30 Programme, weil man sagte, man kann überhaupt gar nicht mehr eine bestimmte Schutzzone für bestimme Programme einrichten, immer wird jemand etwas finden an anderer Stelle und ARD und ZDF verwaisen und das finde ich nicht falsch, auch darauf, dass an anderen Stellen eine Menge zu finden ist, also in den dritten Programmen, bei 3Sat und Arte. Es ist also nicht so, dass man nur auf die beiden Hauptprogramme angewiesen wäre, richtig ist natürlich, wenn man die beiden sozusagen als das zentrale Angebot nähme, dann wäre es sicherlich geboten, sich an der Stelle mehr aufeinander abzustimmen, aber wie gesagt, diese Zeiten sind inzwischen tatsächlich vorbei, inzwischen versucht jeder, an jeder Stelle Punkte zu machen. © Deutschlandfunk 2004