Kleine Ursachen, große Wirkungen: Könnte es sein, dass rhetorische Entgleisungen im deutschen Bundestagswahlkampf, die Präsident George W. Bush nachhaltig verstimmt haben, der Türkei zu der seit langem erstrebten Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union verhelfen? Washington wünscht eine baldige Aufnahme von Beitrittsverhandlungen. Berlin erwartet offenbar amerikanische Absolution, wenn es sich in der EU für dieses Anliegen stark macht. Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer tun dies seit kurzem. Auf dem Brüsseler EU-Gipfel am 25. Oktober sind sie mit ihrer neuen Linie noch nicht durchgedrungen. Aber immerhin können sie dem amerikanischen Präsidenten nun sagen, sie hätten ihr Bestes getan und würden ihre Bemühungen fortsetzen.Vor drei Jahren, unter der Präsidentschaft von Bill Clinton, hat der massive Druck der US-Regierung zu einer wichtigen, die Türkei betreffenden Entscheidung der EU geführt: im Dezember 1999, als auf dem Gipfel in Helsinki Ankara der Status eines Kandidaten zuerkannt wurde. Dass Amerika die Türkei rasch in der Europäischen Union sehen möchte, hat in erster Linie geostrategische Gründe: Wenn der Nato-Partner am Bosporus umfassender als bisher in den Westen eingebunden wird, stärkt das mittelbar die Position der Vereinigten Staaten in einer weltpolitisch überaus wichtigen, weil erdölreichen Krisenregion: dem Nahen Osten. Der EU würde ein Beitritt der Türkei gemeinsame Außengrenzen mit Syrien, Irak, Iran, Armenien und Georgien sowie ein brisantes Nationalitätenproblem verschaffen: das kurdische. Imperial overstretch, räumliche Überdehnung, hat der Historiker Paul Kennedy als eine Ursache des Niedergangs großer Reiche ausgemacht. Die Europäische Union ist kein Reich und will keines werden. Aber eine räumliche Überdehnung, wie ein Beitritt der Türkei sie zur Folge hätte, wü rde die EU nicht stärken, sondern in eine tiefe Krise ihres Selbstverständnisses stürzen, also schwächen. Mit einer solchen EU lässt sich nichts stabilisieren, weder die Türkei noch gar der Nahe Osten.Eine innere Krise der Europäischen Union ist deshalb unausweichlich, weil die Tü rkei und Europa sich in ihren historischen Prägungen und infolgedessen in ihren politischen Kulturen stark unterscheiden. Wenn wir von der politischen Kultur Europas sprechen, meinen wir die des historischen "Okzidents": desjenigen Teils von Europa, der bis zur Reformation sein geistliches Zentrum in Rom hatte. Nur im Okzident, nicht aber im byzantinisch geprägten Teil von Europa hat sich im Mittelalter jene Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt vollzogen, die zur Urform der Gewaltenteilung und des modernen Pluralismus geworden ist. Erst dieser Pluralismus hat die Entstehung der westlichen Demokratie möglich gemacht.Die Trennung von weltlicher und geistlicher Gewalt hat ihren tieferen Grund in der Unterscheidung zwischen den Sphären von Gott und Kaiser: "So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" (Matth. 22, 21). Diese spezifisch christliche Unterscheidung ist für den Westen grundlegend geworden; sie hat, so paradox es klingt, seine geschichtlich gewachsene Säkularisierung erst ermöglicht. Wer die historische Einzigartigkeit der westlichen Säkularisierung hervorhebt, stellt einen Sachverhalt fest und proklamiert keinen Kulturkampf. Den Sachverhalt leugnen hieße eine Geschichte verdrängen, die nach wie vor den Wesenskern des Westens bildet.Der EU werden außer Griechenland künftig auch andere byzantinisch geprägte Staaten Südosteuropas und des Mittelmeerraums angehören: Zypern, jedenfalls dessen Südteil, und etwas später auch Bulgarien und Rumänien. Sie werden keine Fremdkörper in der EU bilden, weil sie sich der politischen Kultur des Westens geöffnet und diese sich anzueignen begonnen haben. Vermutlich wird man das eines Tages auch von islamisch geprägten Teilen des Balkans sagen können, obschon für sie der Weg zum Eintritt in die EU noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird.Der Fall der Türkei liegt anders. Mit der Türkei würde ein Land Mitglied der EU, das geografisch überwiegend nicht zu Europa, sondern zu Asien gehört. Die politische Kultur der Türkei unterscheidet sich weiter scharf von der des Westens. Die Modernisierung, die Präsident Kemal Atatürk (1923 bis 1938) begonnen hat, lief auf eine mit autoritären Mitteln durchgesetzte Teilverwestlichung hinaus. Zwar ist die Türkei der einzige durch freie Wahlen legitimierte, rein weltliche Nationalstaat im islamischen Nahen Osten. Bis heute aber beruht diese Errungenschaft auf einem hohen Maß an Zwang. Das Militär übt im politischen Entscheidungsprozess eine Vetomacht aus, die mit westlichen Vorstellungen von Demokratie unvereinbar ist. Daran dürfte sich auch nach dem Wahlsieg der gemäßigten Islamisten nichts ändern. Trotz aller Reformen, zu denen sich die Türkei seit dem Beschluss von Helsinki, zumindest auf dem Papier, bereit gefunden hat, ist sie noch immer keine Demokratie westlicher Prägung. Sie bleibt weit davon entfernt, eine entwickelte Zivilgesellschaft zu sein.In allen anderen Staaten, denen die EU den Kandidatenstatus verliehen hat, gibt es, wenn auch in unterschiedlichem Maß, historische Voraussetzungen für ein europäisches "Wir-Gefühl". Keiner dieser Staaten würde als Mitglied der EU die Werte der westlichen Demokratie infrage stellen. In der Türkei identifizieren sich große Teile der "verwestlichten" Elite mit Europa oder vielmehr mit dem Bild, das sie sich von Europa machen. Von der großen Masse der Bevölkerung Anatoliens kann man das nicht sagen. Aber auch in der Elite gibt es ein nationales Tabu, das westlichen Werten fundamental widerspricht. Eine offene Diskussion über den Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg darf nicht stattfinden. Der Tatbestand als solcher wird von Staats wegen geleugnet. Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei würde beide Seiten, die Europäische Union und die Türkei, politisch und emotional überfordern. Historische Prägungen sind nicht auswechselbar; Identitäten lassen sich nicht verordnen. Eine privilegierte Partnerschaft käme den Interessen beider Seiten sehr viel mehr entgegen als eine de facto von außen, den Vereinigten Staaten, oktroyierte türkische Mitgliedschaft in der EU. Eine privilegierte Partnerschaft würde es der Türkei erleichtern, ihren eigenen, selbst bestimmten Weg in die Moderne zu gehen und damit ihr nation-building , ihre Demokratisierung und Pluralisierung ohne europäische Vormundschaft voranzubringen - wobei Pluralisierung auch Bejahung der Religionsfreiheit einschließt. Eine privilegierte Partnerschaft wäre eine ehrlichere Lösung als der Ausweg, auf den die Europäische Union verfallen ist: die wiederholte Vertagung der Bekanntgabe eines Termins für Beitrittsverhandlungen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung des Kandidatenstatus. Wer die europäische Einigung vertiefen will, darf die EU nicht ohne Maß erweitern. Eine Erweiterung ohne Rücksicht auf die Geschichte wäre eine maßlose Erweiterung. Eine Erweiterung auf Kosten des Zusammenhalts würde den Westen nicht stärken. In einer Zeit, in der das offizielle Washington westliche Errungenschaften wie die Herrschaft des Rechts auch in den internationalen Beziehungen offen infrage stellt, muss Europa umso entschlossener an diesen Werten festhalten.Das kann Europa nur gelingen, wenn es sich fester zusammenschließt. Eine Ausdehnung der EU über die Grenzen Europas hinaus würde das Gegenteil bewirken: nicht die Vertiefung der Union, sondern ihre allmähliche Auflösung. Die langfristigen Folgen einer solchen Entwicklung sind absehbar. Ein Europa, das kein Bewusstsein seiner eigenen Identität hat, wird eine Renaissance der Nationalismen erleben. Die Europäische Union hat es in der Hand, ihre Selbstzerstörung zu verhindern. Wenn sie sich aber weigert, die Grenzen ihrer Erweiterbarkeit zu erkennen, wird sie es bald nicht mehr können.Heinrich August Winkler ist Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin und Autor der zweibändigen deutschen Geschichte "Der lange Weg nach Westen"