Man backt wieder kleinere Brötchen in Berlin. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld empfing seinen deutschen Amtskollegen Peter Struck bei dessen Besuch in Washington zu einem Gespräch - sich mit ihm in der Öffentlichkeit zeigen, wollte er allerdings nicht. Doch Struck wertete es nachher mit angestrengt zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein als Ausdruck voranschreitender "Normalisierung" des deutsch-amerikanischen Verhältnisses, dass man mal wieder miteinander geredet hatte. Als Erfolg verbuchte Struck, dass man übereingekommen sei, die Bundeswehr könne die Zahl der Soldaten, die amerikanische Kasernen in Deutschland schützen, von 3100 auf 2200 reduzieren. Ein Ersuchen um eine deutschen Beteiligung bei der Stabilisierung des Irak habe es von amerikanischer Seite nicht gegeben. Immerhin, Rumsfeld soll das deutsche Engagement in Afghanistan gewürdigt haben.Freundlich-kühl, aber wenig interessiert könnte man die derzeitige Haltung der Amerikaner gegenüber den Deutschen nennen. Es wird immer deutlicher: Für Deutschland beginnt jetzt die Gewöhnungszeit an seine Position im weltpolitischen Abseits. Von der direkt nach dem Sieg der Koalition im Irak- Krieg vollmundig erhobenen Forderung, die UN müsse die Federführung beim Wiederaufbau des Irak übernehmen, ist, wenn überhaupt, nur noch sehr kleinlaut die Rede. Ein Zeichen für Realismus. Mit dem siegreichen Irak-Krieg sind die USA in ihrer neuen bündnisstrategischen Orientierung eindrucksvoll bestätigt worden. Ihre Philosophie lautet jetzt: Wer bei unseren Anstrengungen für eine neue Welt-Neuordnung nicht mitmachen will, wird einfach links liegen gelassen. Sofern die Vereinigten Staaten Unterstützung brauchen, holen sie sie sich dort, wo sie ihnen bereitwillig gegeben wird. Zum Beispiel in Spanien und in Polen.Fassungslos bis empört registrieren deutsche und französische Planer einer "multipolaren Welt": Statt dass sich Europa in geeintem trotzigen Widerstandsgeist gegen den amerikanischen Hegemon hinter ihnen schart, verschiebt sich das innereuropäische Machtgleichgewicht in rasantem Tempo zu ihren Ungunsten. Statt geduldig darauf zu warten, dass ihnen die alten westeuropäisch-kontinentalen Führungsmächte das Wort erteilen und ihre Rolle auf dem Kontinent zuweisen, vertreten die jungen Demokratien in Osteuropa beherzt ihre eigenen Interessen - und die scheinen ihnen im Zweifelsfall bei den Amerikanern besser aufgehoben zu sein. Polen steigt jetzt an der Seite Amerikas im Irak sogar zum militärischen "Partner in Leadership" auf. Mancher Alteuropäer empfindet dies als Anmaßung und reagiert beleidigt - gerade so, als ob es sich bei Polen um ein Entwicklungsland handele, das man bei seinen ersten Schritten in die Weltpolitik gönnerhaft bei der Hand nehmen müsse. Wie sehr sich die Verhältnisse in dieser Hinsicht geändert haben, zeigte sich zuletzt daran, dass Peter Struck erst durch eine öffentliche Äußerung des polnischen Verteidigungsministers von dem Plan erfuhr, das deutsch-dänisch-polnische Korps schon im Juli beim Wiederaufbau des Irak einzusetzen. Struck war empört über diesen Vorstoß: wohin wir unsere Soldaten schicken, entscheiden ganz souverän immer noch wir selbst! Aber, Herr Minister - ist doch nett, dass die Polen bei ihren Gesprächen mit den Amerikanern immerhin noch an uns gedacht haben...!Statt sich offiziell zu zieren und klammheimlich darauf zu warten, von den Amerikanern gefragt und ins Boot gebeten zu werden, sollte Deutschland, von sich aus und im Verbund mit seinen europäischen Partnern, eigene Ideen und Initiativen entwickeln, die konstruktiv zur Neugestaltung des Nahen Ostens beitragen können. Eine gute Voraussetzung dafür wäre das - wenigstens innerliche - Eingeständnis, dass man mit den Prophezeiungen, der Irak-Krieg werde katastrophale Folgen für die gesamte Region haben, schlicht falsch gelegen hat. Und eine Haltung aufzugeben, die unterschwellig darauf wartet, dass die Amerikaner schwere Fehler machen - damit man dann doch noch als Retter in der Not gerufen werden könnte. Die Alt-Europäer wären gut beraten, ihren Dünkel, die Weltweisheit sei alleine bei ihnen aufgehoben, in Frage zu stellen. Nicht auf Untergang stehen die Zeichen im Nahen Osten, sondern, ungeachtet aller weiter existenten Gefahren, auf Fortschritt. Wer bei der Gestaltung dieser aufregenden Veränderungen nicht dabei sein will, sollte sich schon einmal auf einen Daueraufenthalt im Abseits einrichten.