Kommentar Der Gotteskrieger
Die "Rüge" des CDU-Vorstands gegen den Abgeordneten Martin Hohmann ist eine Farce, dessen "Entschuldigung" wertlos. Seine Rede enthüllt ein geschlossenes geschichtsrevisionistisches Weltbild
Die "Rüge", die der CDU-Bundesvorstand heute gegen den Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann ausgesprochen hat, ist eine Farce und in ihrer Folgenlosigkeit eine glatte Kapitulation vor antisemitischen Tendenzen in der Partei.
Die "Entschuldigung" Hohmanns für seine skandalöse Rede zum 3. Oktober ist völlig wertlos. Bei seiner Erklärung, er habe "nicht die Absicht gehabt", die Singularität des Holocaust zu leugnen und irgend jemandes "Gefühle zu verletzen", handelt es sich um dreiste Heuchelei. Hohmanns Rede enthielt nichts Unbedachtes, Unkalkuliertes. Sie ist ein einziger gezielt antisemitischer Sermon, der systematisch historische Halbwahrheiten bemüht, um zu einer umfassenden geschichtsrevisionistischen Entsorgung der deutschen Vergangenheit zu gelangen.
Hohmann tut das im typischen Gestus der neuen radikalen Rechten, die ihre demagogischen Verdrehungen der Tatsachen als mutiges Aufdecken unterdrückter historischer Wahrheiten verkauft. Seine ganze Konstruktion baut auf der Unterstellung auf, die Deutschen seien heute von irgend einer offiziellen Stelle als "Tätervolk" eingestuft und würden durch dieses Stigma an der Ausübung ihrer Souveränität gehindert. In Wahrheit existiert eine solche Einstufung überhaupt nicht. Über die Verwendung des Begriffes "Tätervolk" in der öffentlichen Debatte um die deutsche Vergangenheit durch Einzelne mag man sich zu Recht ärgern und sie als unzulässige Pauschalisierung zurückweisen. Dies wird in der offenen Auseinandersetzung auch immer wieder getan; zuletzt im Leitartikel der ZEIT vergangene Woche (Nr. 45/2003). In irgendeiner Weise verbindlich ist diese Kategorisierung aber nicht. Und den fragwürdigen Begriff "Tätervolk" zurückzuweisen, hat keineswegs das zur Konsequenz, worauf Hohmann hinauswill: eine Ableugnung der Tatsache, dass der Nationalsozialismus eine deutsche Herrschaftsform war und dass die nationalsozialistischen Verbrechen nicht nur von ein paar Einzeltätern verübt wurden, sondern ohne die aktive und passive Beteiligung eines großen Teils der deutschen Bevölkerung unmöglich gewesen wären.
Was an Hohmanns Auslassungen über die "Täterschaft der Juden" in Spurenelementen historisch zutrifft, ist der Umstand, dass es in der Frühphase der russischen Revolution im bolschewistischen Apparat - in Relation zu der jüdischen Gesamtbevölkerung Russlands betrachtet - überdurchschnittlich viele Funktionäre jüdischer Herkunft gegeben hat. Auf die Gesamtzahl bolschewistischer Funktionäre berechnet, waren sie jedoch gleichwohl eine kleine Minderheit. Im Verlauf der Entwicklung der Sowjetunion und endgültig unter dem stalinistischen Regime richteten sich Säuberungen und Terror dann gezielt auch gegen Juden. Über die komplexen Ursachen und Auswirkungen ethnischer Konflikte und Motive im russischen Bürgerkrieg existiert im Übrigen eine reichhaltige seriöse Forschung, deren Ergebnisse jedermann zugänglich sind.
Von der Geschichtsschreibung ebenfalls immer genauer erschlossen wird die massenmörderische und genozidale Dimension des bolschewistischen Terrors nicht erst unter Stalin, sondern bereits unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Partei Lenins (kein Jude!) und Trotzkis. Dokumentiert wurde sie zuletzt etwa in der jüngst auf deutsch erschienenen großen Studie der amerikanischen Historikerin Anne Applebaum über die Geschichte des GuLag.
Die ideologische Propaganda der Rechten konstruiert daraus jedoch die Behauptung, die nationalsozialistische Vernichtungspolitik sei nichts als eine Reaktion auf - beziehungsweise eine Folge des - bolschewistischen Terrors gewesen. Tatsache ist aber, dass bereits der "weiße", konterrevolutionäre Terror im russischen Bürgerkrieg der Grausamkeit und genozidalen Logik des Terrors der "Roten" in nichts nachstand außer vielleicht in der Systematik, zu der er von den Bolschwiki im Laufe des Bürgerkriegs ausgebaut wurde.
Martin Hohmann geht es jedoch überhaupt nicht um die Diskussion und Einordnung solcher geschichtlicher Fakten. Um seine These von der "jüdischen Täterschaft" zu entwickeln, stützt er sich nicht auf seriöse historische Quellen, sondern auf ein berüchtigtes Pamphlet Henry Fords aus dem Jahre 1919. Darin wollte er "die Juden" als Drahtzieher der kommunistischen Revolution ausfindig gemacht haben. Mit seinem Hinweis spekuliert Hohmann auf das Unwissen seiner Zuhörer, die Henry Ford nur als großen Autofabrikanten kennen dem deshalb wohl eine gewisse Glaubwürdigkeit zukommen müsse , nicht aber als notorischen Antisemiten. Mit diesem Verwirrspiel geht es Hohmann ausschließlich darum, seinen Zuhörern einzuprägen, dass auch Juden schon Untaten begangen hätten. Und dieses bereits vor "uns Deutschen". Dass "die Juden" somit selbst historischen Dreck am Stecken hätten sozusagen eine Leiche im Keller, von der angeblich niemand zu reden wage. Daraus nun wieder schlussfolgert der "Tabubrecher", Juden und Deutsche hätten sich gegenseitig nichts vorzuwerfen, seien gewissermaßen historisch quitt.
So dumpf und hirnrissig diese "Logik" im Kern ist die innere Kohärenz und Dramaturgie der Rede zeigt, dass Hohmann diese "Argumente" nicht zufällig selber eingefallen sind, sondern dass er in den propagandistischen Manipulationstechniken der neuen radikalen Rechten geschult ist. Deren "Beweistechnik" zielt darauf ab, die Aufmerksamkeit auf alle möglichen Verbrechen der Weltgeschichte zu lenken, um daraus immer die gleiche Insinuation abzuleiten: Dass die nationalsozialistischen Verbrechen in keiner Weise etwas Besonderes seien und sich Deutsche deshalb für die geschichtliche Schuld ihres Landes in keiner Weise mehr verantwortlich fühlen müssten als irgendein anderes Volk.
In das Schema der rhetorischen Strategie der Neuen Rechten, wie sie etwa im Umkreis der Zeitung "Junge Freiheit" gepflegt wird, passt auch, dass Hohmann die Denunziation "der Juden" als ein "Tätervolk" sogleich wieder zurück nimmt. Hohmann sagt in seiner Rede ja eben nicht, dass die Juden ein Tätervolk seien, sondern nur, dass man sie "mit einem gewissen Recht" so nennen könnte. Dann folgt die nächste gedankliche Volte: Hohmann erklärt, tatsächlich sei es ebenso unzulässig, die Juden ein Tätervolk zu nennen wie dies gegenüber den Deutschen statthaft sei. Das propagandistische Ziel, die moralische Gleichsetzung von deutscher und angeblicher "jüdischer" Schuld, hat Hohmann damit erreicht, ohne sich zu stark dem Risiko strafrechtlicher Verfolgung auszusetzen und ohne sich taktische Rückzugsräume für Ausflüchte und "Entschuldigungen" zu verbauen. Er selbst hat ja "die Juden" nachweislich nie ein "Tätervolk" genannt.
Dass die nationalistische Entschuldungsdemagogie á la Hohmann und der Neuen Rechten in Wirklichkeit überhaupt nicht "neu" ist, zeigt die letzte Wendung in Hohmanns Rede. Hier spricht er "die Juden" nun doch wieder von ihrer bolschewistischen Täterschaft frei, indem er anmerkt, dass die jüdischen Bolschewiken ja, bevor sie ihre Untaten begingen, vom jüdischen Glauben abgefallen seien und zieht sofort wieder die Parallele, auf die es ihm ankommt: genauso habe es sich bei vielen Nationalsozialisten ja um Christen gehandelt, die der "Gottlosigkeit" verfallen mussten, um zu nationalsozialistischen Tätern zu werden. Und die abstruse Schlussfolgerung Hohmanns lautet, man könne die "Gottlosen" aller Richtungen und Nationen als das wahre "Tätervolk" des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Eine Feststellung, nebenbei bemerkt, die ihm eigentlich eine Verleumdungsklage konfessionsloser Menschen einbringen müsste.
Hohmann schließt sich damit aber einer gängigen rechtskonservativen Denkfigur der unmittelbaren Nachkriegszeit und der fünfziger Jahre an, die den Nationalsozialismus als Ausdruck eines sündigen Abfalls der Moderne vom rechten Glauben hinweg zu erklären versuchte. Demnach gab es keine spezifisch deutsche Schuld an den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, sondern nur die allgemeine Verantwortlichkeit einer insgesamt vom Weg abgekommenen Menschheit. Mit Hilfe dieser Konstruktion gelang es damals, ehemaligen Nationalsozialisten eine Brücke zur Ideologie von der Rückbesinnung auf die Wurzeln des "christlichen Abendland" zu ebnen, die in der frühen CDU in hohem Kurs stand. Diese Ideologie, gepaart mit heftiger Propaganda gegen die vermeintliche Demütigung des deutschen Volkes qua Vergangenheitsbewältigung, wird heute in Zirkeln wie dem "Arbeitskreis konservativer Christen" gepflegt, der Hohmanns Rede auf seiner Homepage verbreitet. Gruppen wie diese stellen eine Schnittmenge zwischen der extremen Rechten und dem rechtskonservativen Milieu innerhalb der Union dar.
Es wird Zeit, dass die Führung der CDU/CSU hier eindeutige, inhaltlich definierte Grenzen zieht. Ideen wie die Hohmanns sind mit den Anschauungen einer demokratischen Partei, schon gar ihrer Bundestagsfraktion, unvereinbar. Antisemitismus trifft nicht nur Juden, sondern richtet sich gegen die Grundlagen der deutschen Demokratie insgesamt, und damit in letzter Instanz auch gegen alle demokratischen Politiker. Die CDU hätte jetzt die Gelegenheit, in diesem Sinne ein klares Zeichen zu setzen.
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