kommentar Wir haben's gerade nötig
Die Abschätzigkeit, mit der Teile der deutschen Öffentlichkeit den Ambitionen Polens begegnen, ist degoutant. Die Deutschen, nicht die Polen haben sich weltpolitisch überschätzt. Von ihrem Freiheitswillen können wir noch einiges lernen
Ein Kaffehausbesucher in Breslau sprach, befragt vom ARD-Morgenmagazin, ein wahres Wort gelassen aus: "Wie kommen die Deutschen dazu, uns Polen vorzuwerfen, was für sie selbst viele Jahre lang selbstverständlich war - mit Amerika eng befreundet zu sein?"
Das Polen-Bashing, das in der deutschen Öffentlichkeit derzeit en vogue ist, hat etwas Widerwärtiges und Peinliches. Dankbar stürzen sich deutsche Feuilletons auf die spöttischen Kommentare polnischer Intellektueller, die sich über die weltpolitische Großmannssucht ihrer Regierung lustig machen. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn ein Spötter wie der Schriftsteller Andzrej Stasiuk die grotesken Töne und das hohle Pathos seiner heimischen Politikerkaste parodiert (siehe FAZ vom 8. 5. 03), als wenn sich deutsche Besserwisser voller Verachtung über die angebliche Naivität des Parvenüs Polen feixend auf die Schenkel schlagen.
Widerwärtig ist dies wegen des doppelten Dünkels, der sich darin ausspricht: gegen den Bösewicht Amerika, der arme, geistig minderbemittelte Völker verführe, und gegen das angeblich ahnungslose Polen, das gefälligst bescheiden den Mund zu halten habe, wenn die großartigen Kulturvölker Deutschland und Frankreich Weltpolitik machen.
Peinlich ist das, weil es für eine solche Überheblichkeit gerade gegenwärtig nicht die allergeringste Veranlassung gibt. Deutschland hat sich mit seiner hochfahrenden Nein-Sager-Haltung im Irak-Konflikt in die Zwickmühle manövriert. Allen Ernstes hatte man geglaubt, die USA zur Aufgabe ihrer Irak-Interventionspläne zwingen zu können. Dabei verließ man sich auf den Einfluss der eingebildeten Veto-Weltmacht Frankreich und ihres Operetten-De Gaulles Jaques Chirac. Und dies tat man, ohne auch nur den Anflug einer realistischen Alternative zum amerikanischen Vorgehen bei der Lösung des Irak-Konflikts anbieten zu können. Nicht die Polen, die Deutschen haben sich weltpolitisch maßlos überschätzt und müssen jetzt kräftig zurückrudern.
Jetzt ist alles ganz anders gekommen, als es geübte deutsche Apokalyptiker prophezeit haben: Amerika hat in Bagdad kein zweites Stalingrad erlebt, die arabische Welt steht nicht in Flammen. Statt dessen gibt es im Nahen Osten zum ersten Mal seit langer Zeit eine neue Chance auf eine dauerhafte Befriedung und auf zivilisatorischen und wirtschaftlichen Fortschritt. Natürlich gibt es auch große Gefahren und Unwägbarkeiten, und gewiss machen die Amerikaner alles mögliche falsch. Aber statt sich über chaotische Zustände im Irak die Hände zu reiben, weil man auf diese Weise mit seinen Unheilsvoraussagen doch noch recht behalten könnte, sollten die Europäer, wenn sie es denn mit ihren humanistischen Idealen ernst meinen, alles daran setzen, zu einer raschen Verbesserung der Lage beizutragen. Mit eigenen, konstruktiven Ideen.
Während sich der deutsche Bundeskanzler noch den Kopf darüber zerbricht, wie er ohne Gesichtsverlust wieder mit dem amerikanischen Präsidenten reden könnte, sind die Polen bei der großen Aufgabe, den Irak zu stabilisieren, nach Maßgabe ihrer Kräfte schon dabei. Dafür sollten wir ihnen Anerkennung zollen - und die Bereitschaft der Polen, zwischen uns und den Amerikanern zu vermitteln, zu schätzen wissen, statt wegen des einen oder anderen diplomatischen Missklangs die beleidigte Leberwurst zu spielen. Den herablassenden Unterton, Polen lasse sich als willfähriges Instrument amerikanischer Spaltungsversuche in Europa missbrauchen, sollte sich die deutsche Politik ein für allemal verkneifen. Zu dieser Spaltung haben die deutsche und andere europäische Regierungen schon selbst genug beigetragen. Außerdem: Es gibt sicherlich manches Land, das Grund hat, sich über amerikanische Hegemonialpolitik heftig zu beklagen. Vietnam etwa, oder Chile, aber auch die Iraker, die 1991 von den USA im Stich gelassen wurden. Die Deutschen aber gehören ganz sicher nicht dazu. Sie haben seit 1945 von der amerikanischen Dominanz in Europa immer nur profitiert - vom Wirtschaftswunder bis zur deutschen Wiedervereinigung, die ohne amerikanische Protektion so nicht möglich gewesen wäre. Und es gibt bei genauerer Betrachtung auch heute keinen rationalen Grund, warum Deutschland anderen europäischen Nationen empfehlen sollte, sich von Amerika abzuwenden.
Und so zeichnet sich auch immer deutlicher ab, dass Deutschland selbst die rasche Wiederannäherung an die USA sucht. Außenminister Powell kommt nächste Woche nach Berlin, und die Bundesrepublik wird im Weltsicherheitsrat wohl für das amerikanische Begehren stimmen, die Sanktionen gegen den Irak aufzuheben (was übrigens auch Kofi Annan unterstützt). Und es ist wohl kaum zu gewagt, vorauszusagen, dass am Ende doch deutsche Soldaten im Irak stehen werden. Deutschland schwenkt also auf die Linie ein, die Polen schon klar verfolgt. Gerhard Schröders bevorstehender Besuch in Breslau ist eine gute Gelegenheit für eine Geste des Respekts für dieses Land, an dessen Freiheitsliebe und an dessen Willen, für die Sicherung der Freiheit aktiv einzutreten, wir uns ein Beispiel nehmen können. Wir sollten nicht zu schnell vergessen, dass wir den Polen zu einem guten Teil die Befreiung des Kontinents vom kommunistischen Totalitarismus zu verdanken haben. Auch Chirac könnte in Breslau daran erinnern und dabei den verheerenden Eindruck mindern, den sein arrogantes Wort hinterlassen hat, die Osteuropäer hätten im Irak-Konflikt eine Gelegenheit zum Schweigen verpasst.
- Datum
- Quelle © ZEIT.de 09.05.2003
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