Groß ist die Empörung über die Äußerung von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Deutschland und Frankreich repräsentierten das „alte Europa“, während im Osten ein „neues Europa“ im Entstehen sei, auf das die Vereinigten Staaten für eine gemeinsame Zukunft setzten.Keine Frage, Rumsfelds Bemerkung war eine unerhörte, undiplomatische Provokation, ja eine gezielte Rüpelei. Beunruhigender als die Arroganz des Haudegens der Bush-Administration ist aber die Tatsache, dass er gar nicht so unrecht hat.Der französische politische Philosoph André Glucksmann schreibt in der FAZ vom 24.1. treffend: „Schröder hat erklärt, dass sein Land an einem Krieg gegen den Irak unter keinen Umständen teilnehmen werde. Chirac läßt diese Frage offen. Es gibt kein übereinkommendes Engagement – man ist sich nur einig, wenn es ums Abseitsstehen geht.“ Die stolz beschworene deutsch-französische Friedensposition ist ein bloßer negativer Abwehrreflex. Er beantwortet nicht die Frage, wie man auf längere Sicht zu einer Demokratisierung und Stabilisierung des Nahen Ostens kommt. Treuherzig verweist man auf die UN-Inspektoren, die Saddam Hussein friedlich entwaffnen sollen. Aber wären denn überhaupt irgendwelche Inspektoren im Irak, wenn die USA nicht bedrohlich mit dem Kriegssäbel rasseln würden?Wer keinen Krieg will, und welcher vernünftige Mensch wollte ihn eigentlich, muss ein Gegenkonzept entwickeln, das zwei Fragen beantwortet: Wie hindert man Saddam Hussein und andere Autokraten in der Region, Massenvernichtungswaffen zu entwickeln? Wie kann man zu einer stabilen Friedensordnung im Nahen und Mittleren Osten und namentlich zu einer Lösung des Palästinakonflikts kommen, ohne eine grundsätzliche Veränderung in der politischen und sozialen Struktur der arabischen Welt (und ihrem Verhältnis zu Israel) herbeizuführen? Beide Fragen beantwortet die Bush-Administration mit der einer Art von kriegerischem „demokratischem Imperialismus“. Wer diese Strategie für einen verhängnisvollen Irrweg hält – und dafür gibt es wahrlich gute Gründe-, kommt dennoch nicht an der Problemstellung vorbei, auf den sie reagiert. Zu ihrer Lösung aber gibt es aber von europäischer Seite noch nicht einmal ansatzweise strategische Überlegungen. Ein Indiz dafür, dass sich die „alten“ kontinentaleuropäischen Mächte in Selbstgenügsamkeit eingerichtet haben. So lange wir noch nicht selbst unmittelbar von einem Bedrohungspotenzial betroffen sind, lautet ihre Logik, wollen wir alles daran setzen, so lange wie möglich den Status Quo zu erhalten. Das ist nachvollziehbar, liegt Europa geografisch doch viel näher am Krisenherd als Amerika. Für eine Macht, die den Anspruch erhebt, weltpolitischer Mitspieler zu sein, ist diese Optik jedoch entschieden zu begrenzt.Jetzt kehren deutsche und französische europäische Politiker und Intellektuelle ihren alteuropäischen Kulturstolz heraus, verweisen, wie Joschka Fischer, herablassend auf die Tatsache, dass Europas „Kultur und Staatenbildung“ in der Tat viel älter sei als die der USA. Das aber geht an der Pointe der Äußerung Rumsfelds vorbei. Denn es ging ihm nicht darum, die alten Traditionen Europas zu desavouieren, an denen ja auch Osteuropa einen nicht geringen Anteil hat, sondern die Zukunftsfähigkeit der Führungsnationen Westeuropas in Zweifel zu ziehen. Der zweite Teil seiner Attacke zielte dann auch darauf, die jungen osteuropäischen Demokratien als die Keimzelle eines „neuen Europa“, des Europas der Zukunft, herauszustreichen und gegen Frankreich und Deutschland auszuspielen. Dabei handelt es sich keineswegs nur das polemisches Hirngespinst eines amerikanischen Kulturbanausen. Es sollte Franzosen und Deutschen ernsthaft zu denken geben.Denn tatsächlich definieren Polen, Tschechen und Ungarn ihre Zugehörigkeit zur westlichen Welt heute primär über ihr enges Bündnis mit Amerika. Dies gründet in den Erfahrungen ihrer jüngeren Geschichte. Sie wissen, dass es in erster Linie die amerikanische Macht war, die dem sowjetischen Expansionsdrang nach ganz Europa Einhalt geboten hat, und dass es vor allem die Bereitschaft der USA war, den Rüstungswettlauf mit der Sowjetunion durchzustehen, der das kommunistische System letztlich zum Einsturz brachte. Sicher, auch die europäische Entspannungspolitik hatte einen bedeutenden Einfluss auf die Unterminierung der kommunistischen Diktaturen. Aber sie tendierte mit der Zeit auch dazu, sich mit der Herrschaft der Kommunisten zu arrangieren. Unvergessen ist etwa bei den Polen, dass die Westeuropäer nur allzu bereit waren, sich mit dem Kriegsrecht und der Niederschlagung der polnischen Oppositionsbewegung Anfang der achtziger Jahre abzufinden. Auch heute sitzt den Osteuropäern die Angst vor russischen Dominanzgelüsten noch tief in den Knochen. Und angesichts des aggressiven Nationalismus des Putin-Regimes ist das auch keinesfalls gänzlich irrational. Die Jovialität, mit der die französische und die deutsche politische Führung Putin stützt, flößt den Osteuropäern jedenfalls kein Vertrauen ein, dass man sich auf ihre Schutzgarantien in letzter Instanz verlassen könnte.Da hält man es doch lieber mit den Amerikanern, die ihre Entschlossenheit, Feinden des Westens mit Festigkeit und notfalls mit militärischer Gewalt entgegenzutreten, immer wieder unter Beweis gestellt haben. Dementsprechend ist das Verständnis für die amerikanische Position, ein Tyrann wie Saddam Hussein müsse wenn nötig gewaltsam entfernt werden, in Osteuropa wesentlich höher als im westlichen Europa.Die osteuropäischen Nationen haben ihre demokratische Zukunft noch vor sich, ebenso wie ihre wirtschaftliche Entwicklung. Das erzeugt eine andere Mentalität als die der Westeuropäer, die auf die Erhaltung ihres bereits erreichten Wohlstands fixiert ist. In der bisherigen Weltordnung ist es den Westeuropäern sehr gut ergangen; kein Wunder, dass sie einschneidende, gar eruptive Veränderungen fürchten. Die Osteuropäer setzen dagegen auf die weltpolitische Veränderungsdynamik, die sie nicht ganz unwesentlich selbst mit in Gang gesetzt haben. Deshalb sind sie ideale Ansprechpartner für die USA, während Westeuropa in den Augen der Amerikaner zunehmend als immobil und unflexibel gelten. Übrigens setzen die USA aus den gleichen Gründen wie auf die neuen osteuropäischen Demokratien auch auf die Türkei: Wenn dort der Demokratisierungsprozess weiter vorangeht und die türkische Wirtschaft, wie zu erwarten, in raschem Tempo wächst, wird dieses Land in ein, zwei Jahrzehnten zu den stärksten und dynamischsten europäischen Mächten gehören.Vor diesem Hintergrund hat es für Deutsche und Franzosen wenig Sinn, es sich mit Verweis auf die eigenen Kulturtraditionen trotzig zur Ehre anzurechnen, wenn man ihnen Antiquiertheit vorwirft. Denn diese Traditionen sind ja gerade dadurch zu einer solch unsterblichen Bedeutung für die ganze Welt gelangt, dass Europa in seinen größten Epochen an der Spitze der zivilisatorischen Entwicklung stand. Europa stand in entscheidenden welthistorischen Momenten für das Neue; deshalb ist es so alt geworden. Jetzt muss es fürchten, den welthistorischen Anschluss zu verlieren. Rumsfeld sagt es ihm mit der ihm eigenen Unverschämtheit offen ins Gesicht.Leserkommentare