Die Buschtrommel

I am a proud American

American life auf kubanisch

"Schämen Sie sich, Mr. Bush. Schande über Sie!"

Give me an F © Warner Music Give me an UGive me an CGive me an KWhat does that spell? - FUCK Mit diesem lautstarken "Fuck" begegnete Woodstock 1969 dem Vietnam-Krieg und einer Gesellschaft, die diesen jahrelang toleriert hatte. Auf der Bühne: Country Joe & the Fish. Ihr Protestsong "I-feel-like-I'm-fixin'-to-die Rag" sollte zur ersten großen Friedenshymne der Rockgeschichte werden. Zahlreiche Stücke entstanden in den 60er Jahren, die noch heute ein jeder Mitsummen kann: Den Klassiker "Where have all the Flowers gone?" von Peter Seeger sang Marlene Dietrich 1964 in der Chansonvariante, Bob Dylan drückte in Stücken wie "Blowing in the Wind" die Gefühle der Flower-Power-Bewegung aus.
Der Krieg im Irak findet derzeit viele Befürworter in den Vereinigten Staaten. Der Großteil der Bevölkerung ist laut Umfragen einverstanden mit diesem Krieg. Kundgebungen für einen Krieg gibt es täglich, sogar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam es kürzlich. Aber auch die Gegner gehen auf die Straße. Friedensdemonstrationen finden in den großen Städten, in San Francisco, Washington und New York statt. Gegenüber ihrem Präsidenten verhalten sich die Amerikaner größtenteils loyal. Auch wenn amerikanische Intellektuelle laut die Einschränkung der Bürgerrechte beklagen, die hinter den Kulissen des Medienkriegs leise beschnitten werden. Aufklärer wie Michael Moore sind rar, und doch: Michael Moore hat einen Oskar für seinen Dokumentarfilm "Bowling for Columbine" bekommen, in dem er die Bush-Regierung, den Umgang der Amerikaner mit Waffen und die amerikanischen Medien scharf kritisiert. Die Oskar-Verleihung - Ausdruck des vollendeten amerikanischen Traums - wurde dieses Jahr nicht nur durch diesen Film politisiert, auch einige Akteure nahmen Stellung - entgegen der Bitte der Veranstalter, die die Gala frei von politischen Statements halten wollten.
Ohne Blitzgewitter der Reporter, ohne meterlangen roten Teppich gestaltete sich der Abend dann irgendwo zwischen Patriotismus und Kriegsgegnerschaft: Michael Moore schrie seine Wut über Bush mit einem lauten "Shame on you!" heraus, Susan Sarandon deutete mit den Fingern dezent ein Peace-Zeichen an, andere blieben stumm.
Die Reaktionen im Publikum? - Buhrufe für Michael, aber auch Applaus, und verschämt um sich blickende Opportunisten, die nicht sicher waren, welche Reaktion denn nun angebracht und nachahmenswert sei. Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten scheint nicht nur die Staaten Europas zu spalten. Auch im eigenen Land ist das Spektrum der Positionen gegenüber diesem Krieg und der Regierung weit, ob bei der Oskarverleihung oder anderen öffentlichen Auftritten. Auffällig aber bei den meisten: Wer sich gegen den Krieg ausspricht, ist noch lange nicht gegen die Regierung Bush. Wer gegen Bush ist, bleibt weiterhin Amerikaner, der sein Land und seine Nation liebt.
Eine Initiative bekannter Musiker gegen den Krieg hat sich in den letzten Wochen formiert, die "Musicians United to Win without War": In der New York Times veröffentlichten sie eine Anzeige, in der sie ihre Opposition zum Irak-Krieg zum Ausdruck brachten, unter ihnen Berühmtheiten wie Peter Gabriel, Lou Reed, Suzanne Vega und Sheryl Crow. Aber auch in den Werken einzelner Musiker hinterlässt der Krieg seine Spuren. Die ersten Anti- Kriegssongs sind mittlerweile auf dem Markt. Gewohnt spektakulär tritt Madonna in ihrem neuen Album auf. Diesmal schlüpft die Selbsterfinderin in eine äußerst politische Rolle: mit Beret und eiserner Miene ist sie auf dem neuen Cover zu sehen. Im Hintergrund werden Stars und Stripes in ein imaginäres schwarzes Loch gesogen, in blutig-roter Schrift prangert der Titel "American life" eben dieses an. Madonna als Che Guevara. Die Verwandlung in den kubanischen Revolutionär ist aber nur der Auftakt zu noch Drastischerem. Im Video-Clip zum Titelsong "American Life", der vor Erscheinen des Albums noch im April gezeigt werden soll, ist Krieg. Madonna tritt im Tarnanzug auf, schmeißt Handgranaten während einer Modenschau ins Publikum, angestachelt von Techno-Beats. Blutige Babys sollen dann zu sehen sein, Verstümmelte, denen Arme und Beine fehlen.
Madonna zeigt hier genau das, was in der aktuellen Berichterstattung verschwiegen, verharmlost wird. Im sauberen Krieg, geführt mit Präzisionswaffen, die keine zivilen Opfer fordern, gibt es kein Blut. In Madonnas Video dafür um so mehr. Erstaunlich nur, dass sie sich bewusst von einer Kritik an Bush distanziert. Wie ihre Presse-Sprecherin verlauten ließ, sei dieses Video keine Stellungnahme gegen den US-Präsidenten, sondern richte sich nur gegen diesen Krieg. Ein Krieg ohne Verursacher? Gerade im Fall Bush ein bemerkenswertes Statement. Furore machten in den letzten Wochen auch die Western- Stars aus Texas, die Dixie Chicks. Sängerin Natalie Maines hatte sich öffentlich darüber brüskiert, dass George W. Bush ebenfalls wie sie aus Texas stamme und behauptet, sie schäme sich dafür. Daraufhin jagte eine böse Fan-E-Mail die andere, Radiosender in Texas riefen ihre Hörer auf, keine CD der "Chicks" mehr zu spielen und strichen ihrerseits das Country-Trio aus ihrem Programm.
Die Aufruhr der Mittelstand-Repräsentanten verursachte eine hitzige Dabatte. Denn hier hatten sich nicht die üblichen Verdächtigen geäußert, sondern Volksmusiker, die seichte Musik für jedermann spielen. Ist das also die Stimme des Volkes? Lange konnte hierüber nicht sinniert werden, denn schon einen Tag später veröffentlichte die Sängerin der Dixie Chicks eine Entschuldigung, deren Wortlaut man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte:
""As a concerned American citizen, I apologize to President Bush because my remark was disrespectful. I feel that whoever holds that office should be treated with the utmost respect. We are currently in Europe and witnessing a huge anti-American sentiment as a result of the perceived rush to war. While war may remain a viable option, as a mother, I just want to see every possible alternative exhausted before children and American soldiers' lives are lost. I love my country. I am a proud American." (Als besorgte amerikanische Bürgerin entschuldige ich mich bei Präsident Bush, weil meine Bemerkung respektlos war. Ich denke, wer immer dieses Amt inne hat, sollte mit dem größtmöglichen Respekt behandelt werden. Wir befinden uns derzeit in Europa und sehen die gewaltigen anti-amerikanischen Ressentiments, die wohl eine Folge des nach europäischer Wahrnehmung übereilten militärischen Vorgehens der US-Regierung im Irak sind. Krieg bleibt zwar eine Option, doch als Mutter möchte ich jede mögliche Alternative ausgeschöpft sehen, bevor die Leben von Kindern und amerikanischen Soldaten verloren gehen. Ich liebe mein Land. Ich bin eine stolze Amerikanerin.)
All das wegen ein paar Radiosendern, die zur Zerstörung von Platten aufriefen und keine Songs mehr spielen wollten? Wegen wütender Fanpost? Oder was wurde den Chicks heimlich ins Ohr geflüstert, dass sie zu solch einer devoten Erklärung zwang? Wahrscheinlich nichts. "I love my country. I am a proud American", bezeugt Natalie Maines und meint das Ernst. Genauso wie Madonna, die sich gerne im Holzfällerhemd zeigt und mit ihrem letzten Album "Music" den großen "Cowboy-Hut-Boom" iniziierte, sind die Dixie Chicks am Ende Patriotinnen. Diffuses Unwohlsein angesichts eines Krieges hält dieser Liebe zum Vaterland nicht stand. Und kann nicht mal durch die offensichtlich trügerische und verlogene Politik eines George W. Bush aus der Fassung gebracht werden.
Die Beastie Boys gehen da einen anderen Weg. Die weißen Hip-Hopper aus den Vereinigten Staaten haben ein wahres Antikriegslied geschrieben, ein Lied, das äußerst politisch und kritisch erklingt: "In a World Gone Bad". Gegen den Krieg im Irak. Gegen George W. Bush. Und gegen die Dominanz wirtschaftlicher Interessen in der amerikanischen Außenpolitik. Noch vor Veröffentlichung ihres neuen Albums haben sie angesichts des Kriegstreibens am Golf den Song schon jetzt auf ihrer Internetseite zum Download bereitgestellt. Eine Midlife-Crisis wird George W. Bush hier attestiert, die ihn in den Krieg führte. "I won`t carry guns for an oil war", schimpfen die Beastie Boys, und gehen mit ihrer Kritik noch weiter. Sowohl das Sozialsystem als auch die fragwürdige Mission der Demokratisierung des Nahen Ostens stellen sie in Frage: "Get your hand out my grandma's pocket/ We need health care more than going to war/You think it's democracy we're fighting for?"
Doch selbst nach solch herber Kritik bleiben auch sie am Ende auf der Seite ihres Landes: "Now don't get us wrong 'cause we love America." In Europa formieren sich die Kriegsgegner dagegen massiv. Die Demonstrationen in den letzten Wochen, die verschiedensten Friedensbewegungen, die Stellungnahmen der Kirchen - Europa lehnt George W. Bushs Außenpolitik ab. Neben Kriegsgegnern, die aus Überzeugung auf die Straße gehen, scheint es derzeit aber auch sehr "In" zu sein, sich gegen den Krieg und George W. Bush zu engagieren.
Liebstes Argument von Schulunwilligen ist derzeit der Irakkrieg - auch wenn einige überzeugte Pazifisten unter ihnen sein mögen. Der Wortwitz der "Buschtrommel" wurde auf einem Plakat von Demonstrierenden scheinbar nicht verstanden - wie wahrscheinlich die Demonstration überhaupt. Viva ziert seinen Bildschirm derzeit mit einem Peace-Zeichen und fordert seine Zuschauer auf, "Farbe zu bekennen". Das hübsche Peace-Zeichen - schon seit Jahren schmückendes Accessoire vieler junger Mädchen mit Schlaghosen - kann direkt von der Homepage runtergeladen werden. Die Moderatorinnen Milka, Collien, Jelena und Sarah haben letzte Woche vor dem Kölner Dom Peace-Buttons und -T-Shirts verteilt - ein netter PR-Gag.
Robbie Williams wird demnächst einen Friedenssong zum besten geben. "Happy Easter (War is coming)" - berichtet die "Sun" - wird er heißen, angelehnt an John Lennons Friedenssong "Happy Xmas (War is over)." Er verstehe das alles nicht und habe wirklich Angst, berichtet das "enfant terrible" der Popmusik, das sich bisher nicht politisch äußern wollte. Doch dieser Krieg sei "das erste Weltereignis, bei dem ich alt genug bin, um eine eigene Meinung zu haben." Und das mit 29!
Ernst zu nehmen sind diese Kriegsgegner nicht, im Gegenteil. Hier wird mit dem Strom geschwommen, um Platten zu verkaufen und die "Zielgruppe" zu bedienen. Doch zarte Knospen wahrer Gesinnung sind auch hinter der kommerziellen Fassade zu finden. In ihrer vollen Blüte stehen diese politischen Kämpfer allerdings noch nicht.

Der Song "In a World Gone Mad" von den Beastie Boys steht auf ihrer Homepage zum Download bereit: www.beastieboys.com Das Cover ihres neuen Albums und Hörproben der neuen Single "American Life" präsentiert Madonna auf ihrer Website: www.madonna.com Die Website der Dixie Chicks und ihr famoses Statement zu ihrer Kritik bezüglich George W. Bushs: http://dixiechicks.launch.yahoo.com Eine Petition der "Musicians United to Win without War" kann unter www.moveon.org/musiciansunited/ unterzeichnet werden. Hier findet sich auch eine Liste aller teilnehmenden Künstler.