Frage:Herr Geißler, spätestens seit Sie vor fast 40 Jahren zum ersten Mal in den Bundestag gewählt worden sind, haben Sie sich in allen möglichen politischen Funktionen aktiv mit Politik in Deutschland befasst. Dezember 2003, wenn Sie draufschauen auf das Land, wo steht für Sie Deutschland politisch?

Geißler: Deutschland hat sich verändert. Der wichtigste Einschnitt war sicher die Einheit 1989/90. Dadurch haben sich die Koordinatensysteme etwas - ich würde sagen nicht nur etwas verschoben - sondern sogar ziemlich. Dies bringt natürlich Probleme sowohl innenpolitisch wie außenpolitisch.

Gefällt Ihnen das Land heute politisch?

Mit Streifen, würde ich sagen. Nicht hundertprozentig, aber wahrscheinlich geht es Bewohnern anderer Länder genau so.

Dann lassen Sie uns mal nach den 'Streifen' gucken. Wo würden Sie sagen, da müssen wir etwas tun, da müssen wir etwas ändern?

Ich will mal ein Beispiel nehmen: Der Begriff Nationalismus war in den 50er/60er/70er/80er Jahren eigentlich ein Begriff, den ein anständiger Mensch nicht in den Mund genommen hat, in dem Sinne, dass das eine Geisteshaltung sein könnte, die man vernünftiger Weise zu vertreten in der Lage ist. Das hat sich heute verändert. Heute kann jemand sagen: Nationalismus ist auch eine Position, die man einnehmen kann, ohne aus dem Verfassungsbogen herauszutreten. Bei mir, in meiner eigenen Partei, ist der Begriff 'nationalkonservativ' inzwischen zu einem Abgrenzungsbegriff geworden - in dem Sinne, dass er dazu verwendet wird Mitglieder der CDU abzugrenzen gegen Rechtsradikale. Das heißt aber auch, der Nationalkonservative kann Mitglied der CDU sein - ohne Weiteres. Er soll sogar geschützt werden in seinem Gedankengut. Das war explizit so früher völlig unmöglich, aber heute kann man durchaus sagen: Nationaldemokraten haben ihren Platz in der Christlich Demokratischen Union. Ich will mal so sagen: Insgesamt hat sich die Republik, auch was die großen Parteien anbelangt, nach rechts verschoben.

Ist Deutschland zu wenig patriotisch Ihrer Meinung nach?